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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XVIII

Was bisher geschah:

Eigentlich wollte der CIA den Privatdetektiv und Gummi-Allergiker Orloff zwingen, Ghadaffi umzulegen. Durch eine Flugzeugentführung gerät er jedoch mit seiner alten Vertrauten Indiana Jane nach Mogadischu. Dem amerikanischen Geheimdienst sind die beiden zunächst entwischt, da sie einen Peilsender in Orloffs Körper zerstören konnten. Doch werden sie es auch schaffen, sich wieder ihrer großen Aufgabe zu widmen: Der Suche nach der Pflanze, die AIDS besiegt.

Folge XVIII: Schatten der Vergangenheit

Eduardo Casaniente ins Deutsche übertragen von Hinark Husen

»Wir sind draußen!«, jubelte ich. Was für ein Augenblick nach diesem elenden Dahinvegetieren in Mogadischu! Tagelang hatte ich dieses unbestimmte Gefühl, nicht mehr Herr meiner selbst zu sein. Als ob ein anderer meine Schritte auf die perversesten Wege leiten wurde. Dabei bin ich nie irgendein Religionsfreak oder sowas gewesen. insbesondere seit meinen Erfahrungen mit den Kiochou und den Katholiken war mir klar, was für Schwindelvereine das im Grunde genommen sind. Aber der implantierte Sender hatte mir wohl doch ziemlich zugesetzt.

Gerade wollte ich zur Feier des Augenblicks einen ordentlichen Schluck aus unserer letzten Bommi-Flasche nehmen. Ich hatte sie bereits angesetzt, als Jane voll in die Eisen trat. »Scheiße!«, schrie sie auf, »marodierende Hutu!« In einem Affentempo und mit einer fahrerischen Geschicklichkeit, die selbst Männern aus unserer Branche Respekt abverlangt hätte, wendete sie den alten Ford Granada auf der gefährlichen Piste. Doch einer dieser Straßenräuber reagierte noch schneller. Ein Speer knallte durch die Heckscheibe und bohrte sich in ihre auf der Schaltung liegende Hand. Geistesgegenwärtig - meine religionstheoretischen Gedanken waren wie weggeblasen - bugsierte ich Hand, Speer und Schaltknüppel vom Rückwärts- in den ersten Gang, und mit einem Aufschrei gab Jane Vollgas und holte das letze aus sich und der Schrottkiste heraus. im dritten Gang gelang es mir dann endlich, diese mörderische Kombination wieder zu entflechten. Noch befand sich der letzte Schluck Bommerlunder in meinem Mund. Gott sei Dank, denn nun hatte ich zumindest Desinfektionsmittel zur Verfügung. ›Gleich wird es nochmal etwas weh tun, Jane Liebling‹, hätte ich ihr eigentlich sagen wollen, doch das war ja leider nicht möglich.

Inzwischen hatten wir die Hutu hinter uns gelassen. Jane war nahe der Bewußtlosigkeit, und mein Erste-Hilfe-Versuch fand auch nicht ihre Begeisterung. Beim Kontakt des Bommerlunders mit der Wunde riß sie, von neuen Schmerzen gepeinigt, reflexartig das Steuer nach rechts, und wir landeten sehr unsanft in einem dichten Gestrüpp aus Dornenbüschen abseits des Weges. Nun, wo der Wagen stand, konnte ich mich besser um sie kümmern. »Was hast du getan, du Idiot?«, herrschte sie mich mit schmerzverzerrtem Gesicht an. »Das einzig richtige, Darling. Komm, gib mir deine Hand!« Mit ihrem Schweizermesser trennte ich ein Stück Stoff von meinem Hosenbein und umwickelte vorsichtig die entsetzlich blutende Wunde.

»Wir sitzen ganz schön in der Scheiße, Vic.« Trotz dieser bitteren Erkenntnis spiegelte sich in ihrem Gesicht Erleichterung. »Nun ja, zumindest diesen Bestien sind wir entkommen, nicht auszudenken, wenn ... « Erschöpft sank sie auf die Lehne des Fahrersitzes zurück.

»Schlaf ein bißchen Baby, ich sondiere die Lage.« Nach wenigen Minuten war sie weggedöst. Ich kletterte aus der Blechkiste und blickte mich um. Weiß der Teufel, wo wir waren, aber nach den dürren Ebenen Somalias sah mir dieser Landstrich nun gar nicht mehr aus. Im Westen brach die Dämmerung über eine geheimnisvolle Gebirgskette herein, aus der Ferne grollte es merkwürdig, wahrscheinlich ein Löwenrudel. Keine Frage, irgendwie hatten wir, ohne es zu ahnen, die Grenze passiert und waren in der kenianischen Savanne gelandet. Dennoch schien mir Nairobi noch nie so weit weg.

Überhaupt, ich hatte Jane ohnehin davon zu überzeugen versucht, die Küste entlang zu fahren und in Sansibar einen Neuanfang zu machen. Ja, Sansibar, der Traum meiner Kindheit, verdammte Scheiße, das einzige verfickte Fleckchen Erde auf dieser Welt, das es schaffte, mich immer noch rührselig zu machen.

Es war dunkel geworden inzwischen. Von irgendwoher erschallte das widerliche Gekicher einer Tüpfelhyäne, instinktiv langte ich nach meiner Knarre. Scheiße, ich hatte das Ding im Auto gelassen. Ich war nicht sonderlich darauf erpicht, diesem Mistviech ohne meine geliebte 38er Guten Abend zu sagen, und bewegte mich langsam auf das Auto zu. ich sah kaum noch die Hand vor den Augen, aber bemerkte instinktiv, daß das Monstrum in unmittelbarer Nähe war. Panikartig suchte ich den Boden nach irgendeiner Art von Waffe ab. Ein Stein, ein Stock, was auch immer. Kampflos jedenfalls wollte ich mich diesem Biest nicht ergeben. Hyänen sind ja in der Lage, selbst Elefantenknochen mühelos zu durchbeißen, aber ein Victor Orloff läßt sich nicht so leicht kaltmachen, nicht vom CIA und erst recht nicht von einem getüpfelten Hundeverschnitt.

Meine rechte Hand hatte einen Stein ertastet, als ich das Tier direkt vor mir bemerkte. Blitzschnell packte ich es an der Kehle, riß es zu Boden und schlug zu, immer auf die Birne, zweimal, dreimal, viermal: »Dein elendes Gebiß wird nicht einmal mehr Katjes kauen können, wenn ich mit dir fertig bin.«

Seine drei bis vier Minuten durfte der Kampf schon gedauert haben, dann spürte ich immer mehr von seinem warmen Blut. Keine Regung mehr, ich hatte gewonnen. Erleichtert kletterte ich in den Wagen, Jane schlief noch immer und hatte von der tödlichen Bedrohung, die über uns gelegen hatte, nichts mitbekommen. Ich küßte sie zärtlich auf die Wange und zog noch eine Flasche pakistanischen Fusel aus dem Handschuhfach, den Jane ebenso wie den Bommerlunder aus Restbeständen der UNO-Truppen in Mogadischu aufgetrieben hatte. Ein widerliches Zeug, aber warum sollten auch Moslems Schnaps brennen können, warum überhaupt gibt es pakistanischen Alkohol? Irrwege der Religionen... Benommen fiel ich in miesen Halbschlaf.

Als ich mit mordsmäßigem Schädel erwachte, hatte Jane bereits die wichtigsten Sachen aus dem Wagen geholt: »Was soll das, Schatz? Willst du eine Fußgängersafari durchziehen?«

»Wir haben keine Zeit für dumme Scherze, den Wagen kannst du vergessen!« gab sie ausgesprochen barsch zur Antwort. »Schau mal nach oben!«

»Na und, die paar Geier werden uns schon nicht davon abhalten, die Karre wieder in Schwung zu bringen.«

»Vic, du magst ja sonst ein pfiffiges Kerlchen sein, aber von Afrika hast du keinen blassen Schimmer!«

»Na hör mal, wenn ich nicht wäre, hätte dich gestern abend wahrscheinlich eine Tüpfelhyäne zum Nachtisch... « Ohne daß ich meine Heldentat noch weiter ausschmücken konnte, fiel Jane mir fast hysterisch ins Wort.

»Du hast den Erdwolf getötet? Oh, mein Gott, Vic!«

»Geerdet oder getüpfelt, was spielt das für eine Rolle, das Monster hat mich bedroht!«

»Diese Tiere ernähren sich ausschließlich von Termiten, die sind nicht gefährlicher als - na, sagen wir mal - ein Rotfuchs. Aber wenn wir uns jetzt nicht bald aus dem Staub machen, haben wir ein echtes Problem, und zwar mit den Löwen. Die Geier locken alle möglichen Raubtiere in ihre Nähe.«

»Was soll das alles? Jane, bin ich Grzimek?« Da war sie wieder, diese Seite an ihr, die ich noch nie abkonnte. Okay, sie war in Kenia aufgewachsen, aber dieses ständige »Ich-hatte-ein-Farm-in-Afrika«-Getue ging mir doch mächtig auf den Senkel. Ich spülte den Ärger mit dem letzten Tropfen Moslemwasser hinunter, schnürte mein Päckchen und trottete ihr wortlos hinterher. Was sollte ich machen, das war eindeutig ihre Welt, nicht die meine. Wie weggewischt nun auch die Träume, mit ihr gemeinsam die Pflanze zu finden, die Aids besiegt. Überhaupt hatte ich meine große Aufgabe in der letzten Zeit sträflich vernachlässigt. Gut, da kam vieles zusammen, aber wenn ich aus dieser Savannenhölle wieder lebend raus käme, dann...

»Leni, Leni«-Rufe unterbrachen meine Gedanken. Vor uns hatte sich ein Trupp stolzer Massai aufgebaut, die ihre Hände unheilvoll deutsch in die Luft streckten und auf Jane zugingen. »Leni, Leni« - Was hatte das nur zu bedeuten?

Fortsetzung folgt

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 16
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Birnen, Bohnen, Speck
Horst Evers: Am Fenster Bov Bjerg: Reinhard Furrer zum Gedenken Falko Hennig: China Michael Stein: Was sozial Sinnvolles Ahne: Morgens, Politik Funny van Dannen: Der Wind Hans Duschke: Zwölfmal aufs Maul Sarah Schmidt: PMS Ahne: Ich bin gut Helmut Höge: Urban Country-Tales Hans Duschke: Verliebt Michael Stein: Mike Hummer Andreas Scheffler: Autobiographische Schriften Jürgen Witte: Aussterbende Produkte Andreas Koch: Mit oder ohne? Hinak Husen: Rudi Manfred Maurenbrecher: Sommerzeit Funny van Dannen: Neptun-Design Horst Evers: Neue Zukunftsfragmente Hans Duschke: Vier Monologe für Schauspielschüler Bov Bjerg: Bürger beobachten die Feuerwehr Andreas Scheffler: Bei uns im Haus Sven Poser: Müller noch vor Aids Bov Bjerg: Sketche ohne Hand und Fuß
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XVIII
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