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Kurznachrichten: Stamppot

Liebe in der großen Stadt

(Gabi Schlaug)

»Hast ´ne Freundin?«

»Nee.«

»Kannst meine Ex bekommen, brauch sie nicht mehr.«

»Wo wohnt´n die?«

»Rudow.«

»Nee, is´ zu weit weg.«

Die Pfanne

(Horst Evers) In meiner Küche steht eine Pfanne, in der ich vor sieben Jahren, kurz nach meinem Einzug, eine Nudelsauce gemacht habe. Es war damals etwas zuviel, weshalb ich einen Saucenrest behielt, der aber wiederum zu wenig war, um am nächsten Tag davon satt zu werden. Also reicherte ich die Sauce ordentlich an, so daß ich erneut einen Rest behielt den ich am nächsten Tag wieder anreicherte, so daß ein Rest blieb, den ich nochmals anreicherte und so weiter und so weiter.

In den letzten sieben Jahren war die Pfanne niemals wirklich leer. Wäre ich ein richtiger Künstler, wäre die Pfanne heute wohl ein millionenschweres Kunstwerk. So war sie wohl höchstens für Archäologen der Neuzeit interessant. Vor drei Tagen nun war diese Pfanne auf einmal leer. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Zuerst habe ich es gar nicht gemerkt. Nicht verwunderlich, denn immerhin haben ich und der Pfannenboden uns seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Da erkennt man sich nicht gleich auf Anhieb wieder. Als ich sie dann auch noch abgewaschen hatte, war sie mir endgültig fremd geworden.

Von der Hand in den Mund

(Bov Bjerg) Die beiden jungen Männer, die gerade in die U-Bahn steigen, sind, wie manche das wohl nennen würden, gut gekleidet. Ihre Anzüge sind einerseits dezent geschmackvoll, andererseits leger. »150 Mark bei C&A«, würde meine Mutter schätzen, und sie würde mich verwundert anschauen, wenn ich sagen würde: »Das Zehnfache.« Keine Ahnung, womit sie ihr Geld genau verdienen. Mit Sicherheit irgendwas Kreatives.

Sie setzen sich und führen ihr Gespräch fort. »68tausend kriegt er dafür«, sagt der eine.

Der andere: »Und was will er danach machen?«

»Keine Ahnung«, antwortet der erste. »Er denkt ja nur bis zu den 68tausend und überlegt sich, wie lange die wohl reichen.«

Gesunde Ernährung (1)

(Hans Duschke) Heutzutage beschäftigen sich alle Leute mit gesunder Ernährung. Sich gesund zu ernähren, das ist modern. Aber auch unter euch gibt es sicherlich viele, die sich ernähren, wie ich mich ernährt habe: Döner Kebab, Tiefkühlpizza und Bier; zum Frühstück vielleicht ein Marmeladenbrötchen. Dabei: Gesunde Ernährung schmeckt gut und ist vor allem viel gesünder.

Kampf!

(Horst Evers) Vor dem Karstadt steht ein Mann, Mitte 40, mit einigen Flugblättern in der Hand: »Kampf, Kampf, Kampf! Kampf gegen die Telekom!!! Diese Verbrecher! Am 17. Januar sollten wir alle für einen kompletten Tag nicht telefonieren! Kampf! Am 17.Januar! Macht alle mit! Bitte!!! Kampf! Kampf gegen die Telekom!!!« Früher, denke ich, wurde gegen den Krieg, Umweltverschmutzung oder Zerstörung gekämpft. Heute geht´s gegen die Telekom. Wie sich die Zeiten ändern. Krieg, Umweltverschmutzung, Zerstörung, Telekom: eine interessante Sinnkette.

Solange gibt´s die Telekom ja noch gar nicht. In etwa erst seit dem Zusammenbruch des Ostblocks. Sollten die politischen Führer jener Zeit tatsächlich gewußt haben, daß bei den Menschen in Westdeutschland nach dem Wegfall der atomaren Bedrohung ein Feindbildvakuum entsteht? Ohne kollektives Feindbild kann so eine Bevölkerung unberechenbar sein. Haben sie etwa aus diesem Grund die Telekom erfunden? Als Ersatz für die Horden des Iwans? Sollte dies tatsächlich ihr Plan gewesen sein, dann sind sie zumindest verdammt gut.

»Kampf! Kampf! Kampf!«, brüllte es weiter, »Kampf gegen die Telekom!!! Nähere Informationen unter der Infonummer: 453 89 93.«

Ein ausgefüllter Lebensabend

(Jürgen Witte) Ein Verlängerungskabel hangelt plötzlich vor meinem Fenster. Auf dem Gehsteig steht ein betagter Mercedes, bronce-metallic lackiert und frisch gewaschen mit offener Motorhaube. Ah, die Batterie, denke ich, die in der winterlichen Kälte versagt hat. Eine ältere Dame nimmt das Kabelende unten willig in Empfang.

Ihr Mann, ein Rentner, der auch im Ruhestand immer den blauen Arbeitskittel überstreift, wenn es für ihn etwas zu tun gibt, erscheint mit einem kleinen roten Fön in der Hand. Er hält den Fön in den Motorraum. Was macht man mit einem Fön im Motorraum? Nockenwellen legen? Lecks im Kühler aufspüren? Hoffentlich ist es ein Dieselmotor, Benzindämpfe könnten sich am Heizdraht des Föns entzünden. Nach einigen Minuten komm ich drauf. Er hat einen von innen beschlagenen Scheinwerfer und will das Kondenswasser zwischen Glas und Reflektor wegfönen. Ich glaube, das geht nicht. Kaum ist er mit dem Ergebnis zufrieden und fängt an, seine Kabel zusammenzupacken, da beschlägt der sich wieder abkühlende Scheinwerfer aufs Neue. Wie oft wird er diese Prozedur wiederholen? Nach fast zwei Stunden gibt er entnervt auf.

Gesunde Ernährung (2)

(Hans Duschke) Was der Vollkornvegetarier uns zu essen anbietet schmeckt nicht so lecker. Angeblich! Man kann mit Körnern auch ganz tolle Sachen zaubern, keine Frage, ich möchte hier nicht mißverstanden werden... Es gibt Haushalte in Berlin, da werden einmal in der Woche Produkte des ökologischen Landbaus hereingetragen. Die werden täglich zu einem Brei verkocht und weggemampft. Dazu gibt es Vollkornbrot. Das ist die neue deutsche Küche.

Gesunder Alkohol

(Andreas Scheffler) Sieht man Menschen in trunkener Verfassung, die sich unflätig benehmen, ihrer Freundin eine knallen, die ihr Bier verschütten und während des Nach-Hause-Torkelns mal eben in meinen Hausflur kacken, gerade dann, wenn ich Treppenwischdienst habe, dann denkt man sich: So tief wirst du nie sinken, nie und nimmer. Mal einen trinken ist okay, aber kontrolliert.

Ein Freund bekommt ab und an Besuch von zwei Russen, die regelmäßig mehrere Kanister mit selbstgebranntem Wodka dabeihaben. Was sonst. In diesem Wodka ist angeblich »nichts Schlechtes drin«, der ist absolut »rein«. Außerdem hat er »mindestens 70 Umdrehungen, hammerhart, und man ist schon nach zwei Gläsern total hinüber.« Dann kommt der Tag, wo man im Suff seine Freunde beleidigt sein Glas auf die Auslegeware schüttet, neben das Klo kotzt und durch seine Lautstärke die Nachbarn nötigt einzuschreiten. Da hilft es auch nichts, daß es vielleicht »gesunder Alkohol« war, der das alles bewirkt hat.

Hilfe, der Berliner wird höflich (1)

(Bov Bjerg) Berlin ist nicht mehr das, was es mal war. Seit sogar die Angestellten der Berliner Verkehrsbetriebe immer freundlicher werden und ständig »bitte« sagen müssen, seit im öffentlichen Leben die Höflichkeit grassiert und mehr Opfer fordert als die asiatische Grippe, droht die Erinnerung an das alte, das echte Berlin völlig zu verblassen. Heute heißt es: »Mit dem Fahrrad nicht in den ersten Wagen, bitte!« Früher ging der Zugabfertiger noch in die Vollen: »Was´n det? Mit´n Rad in die U-Bahn? Det geht nicht! Demnächst bringste noch dein Auto mit, wa?« Heute heißt es ganz schlicht: »Der Zugverkehr auf der Linie 7 ist unterbrochen.« Früher war zu hören: »Da kommt nix, da könnse lange warten. Gehnse zu Fuß, wozu hammse denn Beine?«

Wo der Zugabfertiger heutzutage geduldig säuselt: »Zurückbleiben, bitte!«, da konnte er früher seinem großstädtischen Lebensgefühl ganz anders Ausdruck verleihen: »Stehenbleiben, oder ich schieße!«

Heute heißt es: »Beim Umsteigen beeilen, bitte!« Erinnert sich noch jemand an früher? »Beim Umsteigen zack, zack! Hopp, hopp, hopp, Schweine im Galopp!«

Wie man sich ein bißchen das Alkoholtrinken abgewöhnen kann

(Horst Evers) Viele Menschen denken ja, sie wären fast genial, wenn sie betrunken sind. Zumeist ist das jedoch ein Trugschluß, bzw. man kann sagen, da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Ich hab auch lange Zeit gedacht, ich wäre betrunken ziemlich überdurchschnittlich klug. Bis ich einmal nach durchzechter Nacht am nächsten Morgen neben mir einen Zettel mit meiner Handschrift fand:

Lied über meinen Spar-Markt
In meinem Spar, ja,
bedient ein Spania (Spanier),
und der ist Spara (Sparer)
bei der Sparda-
Bank.

Daneben die Notizen: Spargel; Spar-Gel (billiges Gel); Sparbier; Sparwasser. - Seit diesem Vorfall habe ich diesen Zettel immer bei mir, betrachte ihn vor dem vierten Bier und weiß sofort, daß der Alkohol der Feind unserer Volksgesundheit und auch und vor allem der Dichter und Denker ist.

Hilfe, der Berliner wird höflich (2)

(Bov Bjerg) Oder, anderes Beispiel, die Dienstälteste Verkäuferin bei meinem Kaisers. Vor ein paar Jahren noch war sie hektisch und dauernd schlecht gelaunt. Heute sitzt sie sanft und freundlich an der Kasse. Ich trug damals Jacken mit Innentaschen, aus denen ich das Futter herausgeschnitten hatte. So besorgte ich mir manche attraktive Leckerei auf äußerst preiswertem Weg.

Sie hatte mich wohl länger schon im Verdacht gehabt. Eines Tages, ich hatte gerade fast alles bezahlt, stand sie ganz aufgeregt am Ausgang und raunzte mich an: »Darf ich mal in Ihre Tüte schauen?« Aber sicher, schwitzte ich heraus, und mein hämmerndes Herz schlug die Schokoladentafeln von Lindt in Trümmer. Für meine Jacke interessierte sie sich gottseidank nicht. Das war der Tag, an dem ich aus gesundheitlichen Gründen das Klauen aufgab.

Heute, wie gesagt, sitzt sie sanft und freundlich an der Kasse. Heute will sie keine Ladendiebe mehr fangen. Ihre Haare sind ganz grau geworden. Manchmal schaue ich auf ihren Kopf hinunter und rate, welches graue Haar ich ihr wohl damals zugefügt habe. Und manchmal, wenn an der Kasse zehn oder zwanzig nörgelnde Leute stehen, habe ich den Verdacht, diese Gelassenheit, diese Sanftmut, diese Freundlichkeit, dieses »... und zwei fünfzig zurück, schönes Wochenende auch« ist nur ihre besondere, ganz eigene Form des Wahnsinns.

Herbst in Hinterzarten

(Jürgen Witte) Kann aus so einer Geschichte etwas werden? Ich selbst war ja noch nie in Hinterzarten, und wenn ich jetzt aus Recherchegründen hinfahren würde: Gefiele es mir? Hinterzarten? Warum ausgerechnet Hinterzarten? Sollte man sich von einer einschmeichelnden Titelidee wirklich soweit verführen lassen? Was das wieder kostet. Das ist, glaube ich, ein Wintersportort. Liegt irgendwo in Bayern. Oder doch im Schwarzwald? Soweit bin ich mir sicher. Nicht in Thüringen oder im Erzgebirge. Seit der Wiedervereinigung wird selbst das Lokalisieren von Wintersportorten immer schwieriger. Weißwasser liegt im Osten, das ist klar. Das habe ich mir gemerkt, wegen des lustigen Namens. Ich könnte mal im Lexikon nachsehen, was dort so über Hinterzarten verzeichnet ist. Ich mache mir aber gar nichts aus Wintersport. Warum also Hinterzarten? Und warum im Herbst.

Die Erfindung

(Horst Evers) Eine meiner schlechtesten Angewohnheiten ist es, daß ich häufig im Bett rauche. Es ist nämlich so, daß ich, obwohl Raucher, grundsätzlich kein Freund von umgekippten Aschenbechern im Bett bin, und es sogar eklig finde, morgens mit dem Gesicht in kalter Zigarettenasche liegend aufzuwachen. Deshalb fasziniert mich seit Jahren die Idee, den ersten umsturzsicheren Aschenbecher fürs Bett zu erfinden. Damit ließe sich sicher eine Unmenge Geld verdienen, ganz zu schweigen von dem Ruhm und den Talkshows, zu denen man eingeladen wird.

Aus diesem Grund bastle ich in meiner Freizeit, also quasi rund um die Uhr, ständig an neuen hochkomplizierten Konstruktionen für umsturzsichere Aschenbecher. Die Prozedur ist dabei immer dieselbe. Ich plane, zeichne und baue die Konstruktion. Stelle sie in mühsamer Kleinarbeit im Bett auf, schiebe einen vollen Aschenbecher hinein, hüpfe zwei, drei Mal auf der Matratze herum, schreie laut: »Verdammt!« Und wechsle dann das Laken.

Snooker

(Jürgen Witte) Bei der Übertragung eines Snooker-Wettkampfes, dieser Billard-Variante aus den englischen Pubs, die mittlerweile zum hochbezahlten Spitzensport avanciert ist, sagte der Reporter über einen jüngeren Spieler, der in den letzten Jahren zur Weltspitze vorgestoßen ist und nun zu den Top-Verdienern im internationalen, dennoch fast ausschließlich englisch dominierten Snooker-Zirkus gehört, dieser Mann sei zwar vielleicht um sein jetzt nicht unbeträchtliches Vermögen zu beneiden, aber auch er habe es im Leben nicht leicht. So wollte es das Schicksal, daß er zum letztjährigen Weihnachtsfest seine beiden Eltern in zwei verschiedenen Strafanstalten habe besuchen müssen, da jene dort wegen verschiedener Delikte derzeit einsäßen. Es sind immer wieder solche, auf den ersten Blick nebensächliche Informationen, die uns einen Sport irgendwie sympathisch machen.

Wir

(Bov Bjerg) Anderntags laufe ich im U-Bahnhof an einem Foto-Automaten vorbei. Keiner sitzt drin, aber der Foto-Automat blitzt munter vor sich hin, in die leere Kabine. Das ist ungewöhnlich. Ich nutze die Gelegenheit, umsonst zu Paßfotos zu kommen, und setze mich hinein. Da donnert´s aus dem Automaten: »Weg da, ich mach grad Selbstporträts!«

Stimmt gar nicht. Der Automat hat gar nicht gesprochen. Ich hab mir das nur vorgestellt, und die ein oder zwei sensiblen Leserinnen haben das sicher gemerkt. Daß ich das hier behaupte, dafür ist einzig der Kollege Evers verantwortlich. Ich hab ihm die Geschichte erzählt in der Form »Kommt ein Mann an ´nem Fotoautomaten vorbei ... « usw. Er hat gesagt, ich soll das als selbst erlebte Geschichte erzählen, dann sei es komisch. Es ist nicht komisch. Aus irgendeinem Grund ist es nicht komisch. Die Vorstellung, daß auf den Selbstporträts des Foto-Automaten nur eine weiße Wand zu sehen ist, bestenfalls ein orangefarbener Vorhang, ist sehr, sehr traurig. Sind wir nicht alle nur Foto-Automaten, die unaufhörlich Selbstporträts machen? Ja, das sind wir.

Copyright: Salbader.-Redaktion
Mitwirkende: Gabi Schlaug, Horst Evers, Bov Bjerg, Hans Duschke, Jürgen Witte, Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 13.09.2006 22:24
erstellt von jero

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