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Manfred Maurenbrecher: Acht Tage in Thüringen

Drei Fragmente

Im November ´95 hatte ich 8 Auftritte in Thüringen. Alles zu erzählen, was ich da erlebt habe, könnte ein kleines Buch werden - und es müßte damit anfangen, wie ich mich auf meinen Touren von Ort zu Ort schleppe. Wie eine bepackte Ameise von Bahnhof zu Bahnhof, von Hotel zu Hotel. Abends treffe ich viele Menschen, aber tagsüber bin ich allein - und deshalb auf eine mir angenehme Art wunderlich. ich würde beschreiben, wie ich in einen Zug steige, links mein rollender Handkoffer, rechts die leichtere Plastikreisetasche, und wie dann alles an meinem Körper seinen Platz hat, die Bahnfahrkarte, das lose überraschend, das Portemonnaie ... wie ich den Druck der Gegenstände auf meinen Körper genieße, und wie die Körperstellen die Gegenstände bewachen ... vielleicht würde diese Beschreibung zu weit führen, sogar in einem Buch ... Aber ein bißchen was von den Ritualen müßte schon drin sein: wie ich jede Nacht umpacke, frische CDs aus dem Koffer ins Reisetäschchen, dreckige Wäsche zurück in den Koffer samt abgelegten Verträgen, und wie ich vor und nach meinen Auftritten, manchmal auch mittendrin, an nichts lieber denke als daran, was ich wie eingepackt habe, wie ich das alles noch rationalisieren könnte, und überhaupt: Wann geht der Zug morgen früh? Hab ich die richtige Zimmernummer im Kopf oder noch die von vorgestern (vorgestern: das war ein tolles Hotel, überhaupt nette Leute in ... wie hieß der Ort)? Natürlich sollte auch von den Frühstücksbüffets die Rede sein, von den Varianten in Schnittkäse, den Unterschieden der Dekoration, und wo eine Flasche Wasser extra kostet (komischerweise meist dort, wo andererseits ein Obstkorb mit Mandarinchen drin angeboten wird), ob und wo man noch nachts um drei superlaut fernsehen darf - ich traue mir zu, allein an der Bauart der Rezeption eines Hotels zu erkennen, ob es dort Kabelanschluß gibt oder nicht, ich könnte glatt einen Leitfaden darüber machen ... ich würde auch gern die paar kleinen Hotels ermutigen, die sich noch einen Nachtportier leisten, irgendeinen rauhbeinigen alten Herrn, der sich Patiencen legt und einem im Morgengrauen starke Zigaretten verkauft es gibt eine Art von Luxus, die man erst spürt, wenn sie fast nicht mehr da ist. Und erst, wenn sie ganz etwas Rationellerem, dem Selbstgespräch mit der Kreditkarte in der Hand gewichen ist, weiß man richtig, wie schön das Schäbige war. Und wie es gut tat.

***

Das Landstädtchen Greußen zwischen Nordhausen und Erfurt unterzieht sich einer Schönheitsoperation. Marktplatz und mittelalterlicher Ortskern prunken schon in jenem Zustand von faltenlosem Alter, auf den Stadtväter immer so stolz sind, aber die gewöhnlichen Viertel liegen noch lange als Bauwüsten brach. Als ich der Dame vom Verkehrsamt, das meinen Auftritt dort durchführte, telefonisch mitteilte, ich würde mir vom Bahnhof zum Hotel ein Taxi nehmen, lachte sie nur. »Gibt´s in Greußen kein Taxi«, fragte ich. »Doch schon, aber ... « Sie könne mich eigentlich abholen, überlegte sie und ließ eine Pause entstehen. »Aber«, fragte ich ratlos nach einer Weile. »Na ja« - ich verstand nicht, warum sie sich immerzu dieses alberne Lachen verbeißen mußte, »also, wenn ich ehrlich bin: zu Fuß sind Sie wahrscheinlich schneller ... « - »Also, dann eben zu Fuß!« - »Haben Sie viel Gepäck?« ich bejahte. »Oh je«, hauchte sie und glitt in den nächsten Lachanfall - ich legte auf.

So, wie man als Arzt oder Verwandter wohl auch sorgenvoll am Bett einer frisch Operierten steht und einigermaßen beklommen auf das zubandagierte Gesicht starrt nach einem Schönheitseingriff und natürlich nicht weiß, ob sich neuer Glanz oder Horror dahinter verbirgt, so sah ich in Greußen Vermessungstechniker, Rohrleger, Baggerfahrer, Stadtbeamte und Bauführer, quer durch den Ort verteilt und mit Plänen und Meßgeräten bestückt, sorgenvoll auf das Chaos starren, das sie angerichtet hatten. Sie standen in metertiefen Pfützen, auf ausgeworfenem Pflaster, Steinhaufen, oder balancierten über schmale Holzlatten, Sickergruben und Schamott unter sich, einander unverständliches, aber befehlshaberisch klingendes Zeug zurufend. Weit weg von ihnen, in stillen Wiesen, ging prächtig die Sonne unter. Und die emsigen Bürger schleppten durch all die Hindernisse, im gleichen Abendsonnenschein und parallel zu einem kilometerlangen Feierabendstau von Autos, ihre Einkaufstüten, Aktentaschen - wie ich meinen Koffer. Wenn dieses Städtchen mal fertig operiert ist, dachte ich, dann wird hier, wer immer den beliebten Satz nachplappert, früher wär´ es doch schöner gewesen, bestimmt gelyncht. Und mit Recht!

***

Ein grauer Montagvormittag - ich stehe am Gartentor einer Jugendstil-Villa in Jena und warte. Vielleicht paßt diese Villa zu mir. Das Taxi kommt. Der Fahrer, ein flachsblonder junger Mann, sieht mich in meinem Pelzmantel stehen, steigt aus und hilft mir, den schweren Koffer hinten zu verstauen. »Oh - ist da wohl Geld drin«, sagt er halb zu sich selbst, und ich ahne, er meint es ernst. Ich zucke nur mit den Schultern und setze mich in den Fond. »Bahnhof Jena-West« ist mein Fahrziel. Wir holpern aus der Villengegend heraus und plaudern eine Weile über den Frühling, der bloß bald wieder kommen soll, über die Unfähigkeit der Stadtverwaltungen, und daß alles teurer wird. »Ich zahl immer erst, wenn die mahnen«, sagt der junge Mann, »Finanzamt - das sind doch Wegelagerer ... « Ich erwähne ein paar Kneipen, die ich mir gestern nacht angeschaut habe, und er fragt mich überaschenderweise, wie die Geschäfte denn laufen ... ich zucke wieder die Achseln. Als der Bahnhof Jena-West in Sicht kommt, lehnt er sich zurück und seufzt. »Und von hier aus dann nach Frankfurt am Main ... «, fragt er und beobachtet mich durch seinen Rückspiegel. »Nein«, sage ich und schaue ihm auf gleichem Weg in die Augen, »jetzt muß ich erst noch nach Altenburg. Wie jede Woche. Ins ›Kosma‹ ... « Ich nenne einfach meinen nächsten Auftrittsort. Ich weiß nicht, warum - aber es macht mir Spaß, seinen Verdacht zu bestärken. ich zahle, lasse mir eine Quittung geben, und dann wuchten wir gemeinsam den schweren Koffer auf das Trottoir. »Was ist da bloß drin«, fragt er wieder. »Na, Geld«, ruf ich lachend. Ich glaube, er ist nicht der Typ, jemanden zu überfallen außerdem wären hier Zeugen. Wir verabschieden uns, und er schaut mir nach. Für diese zehn Sekunden, und in den Augen dieses sympathischen Menschen, bin ich endlich einmal ein gerissener Hund, jemand, der eigenhändig Woche für Woche seinen Profit aus dem Osten im Koffer nach Frankfurt, dem Zentrum des Bösen, schafft. Und die Welt wird ganz einfach.

Ich bin ihm dankbar. Ich finde, er müßte mir auch dankbar sein.

Zeichnung von Dorothee Mahnkopf

Copyright: Manfred Maurenbrecher

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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