Gabi Schlaug: Wiedersehen in Rudow
Meinen alten Hauswart pflegte ich »den Tod« zu nennen. Er gehörte zu den zahlreichen Neuköllner Ein-Krücken-Gängern, die so schwer auf die Gehhilfe gestützt sind, daß sie ständig drohen, nach einer Seite wegzukippen. Klein, ausgemergelt und bucklig schleppte er sich vorwärts, und seine Augen waren von einem dichten weißen Schleier überzogen. Es war ihm wohl anzusehen, daß es ihm nicht gut gehen konnte, doch ich fragte mich immer, ob ihm dadurch automatisch das Recht gegeben war, mich derart unfreundlich zu behandeln.
Grüßte ich ihn, ließ er mir nur eine unverschämte Beleidigung zukommen, und ich fühlte mich verflucht. War ich zwei Meter vor ihm am Hoftor und hielt es ihm auf, schrie er mich an, daß er so schnell nun auch wieder nicht laufen könne.
Sein stetiger Begleiter war ein schwarzer, unförmiger, grauenerregender Hund, der sich vor allem dadurch auszeichnete, daß er die im Hof spielenden Kinder und sämtliche Bewohner und Besucher aus der Deckung des Seitenflügels heraus laut jaulend angriff und sich somit den Namen »Satan« einhandelte, obwohl er in Wirklichkeit »Berta« hieß.
Es gibt auch eine Hausmeisterfrau. Die beiden kamen nie besonders gut miteinander aus. Im Innenhof hallten ihr Geschrei wider und die untätigen Ausdrücke, mit denen sie sich beim Namen nannten. Und oft stand sie mit einem Pflaster irgendwo im Gesicht nachts vor dem verschlossenen Hoftor. Wenn ich dann fröhlich aus der Kneipe kam und aufschloß, wurde sie sehr zutraulich und schimpfte über ihren Alten, der sie geschlagen und ausgesperrt hatte.
Mit ihr habe ich mich immer gut verstanden, seit jener Begegnung an einem Vormittag im Mai. Arglos kam ich mit einer Tüte Frühstücksbrötchen in den Hof geschlendert und sah sie platt auf dem Hintern sitzen und nicht mehr hochkommen. Das hatte zweierlei Gründe: Sie hatte vergessen, ihre Krücke mitzunehmen, und sie war äußerst stark alkoholisiert. ich packte sie und schleppte sie vor ihre Wohnungstür. Im Überschwang der Gefühle bot sie mir das Du an, schmeichelte, daß ich doch gar nicht so eine Schlampe sei, wie die Leute immer sagten, und drohte mir, mich mal besuchen zu kommen. Das ist bis heute nicht geschehen, und sie fing auch wieder an zu fremdeln und mich zu siezen.
Eines Tages war ich dem Infarkt nahe, als es donnernd an meine Tür klopfte. Ich wußte, etwas Schreckliches würde auf mich zukommen. Und tatsächlich, der Tod stand davor und überreichte mir eine Betriebskostenerhöhung aufgrund der Steigerung des Hausmeisterlohns. Dankbar nahm ich das Papier entgegen, schließlich hatte er nicht das Wort an mich gerichtet, fragte mich nachher allerdings schon, wofür man heutzutage auch noch bezahlen muß.
Berta wurde ruhiger, der Tod machte sich rar, doch Elli hörte nicht auf zu schreien, was mich seiner Gegenwart sicher sein ließ.
Einmal erzählt sie mir von dem Alten, der immer so Scheiße ist. Ich frage sie, wie´s ihm denn ginge, ich hätte ihn schon so lange nicht mehr gesehen. Ganz unvermutet wird sie weinerlich: Meinen Mann meinen Sie? Den können Sie in Rudow auf dem Friedhof besuchen, der ist schon seit drei Jahren tot. Sie hätte kein Geld, die U-Bahn dorthin zu bezahlen, seit Wochen keinen Strom mehr; den Hund würde sie von Abfällen ernähren, die Nachbarn vor die Tür legen.
Da dachte ich mir, das mit den Betriebskosten damals war vielleicht doch ganz in Ordnung.
