Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 17/1996 Horst Evers: Kompressor
Artikelaktionen

Horst Evers: Kompressor

Am Morgen wecken mich die Stimmen von zwei Bauarbeitern, die sich vor meinem Fenster unterhalten. »Boarh ey, kannste mir mal sagen, warum wir den Kompressor hierhin schleppen müssen? Das is doch 300 Meter von der Baustelle entfernt, und dann noch dieses Riesenkabel!«

»Ich weiß, aber meinste, ich will den ganzen Tag diesen Kompressorlärm um die Ohren haben? Außerdem is das das einzige Fenster in der ganzen Straße, wo sich nie einer über den Krach beschwert.«

Ich verstehe ungewöhnlich schnell. Ich habe jetzt noch genau 30 Sekunden für wichtige Telefonate, ab dann ist in der Wohnung an Gespräche nicht mehr zu denken. »Brrröööööhhh ... «, die 30 Sekunden sind um. Heute sind sie wirklich wie im Flug vergangen.

Vielleicht bin ich für mein Viertel immer noch eine Spur zu freundlich gebaut. Aber damit ist jetzt Schluß, ich gehe in die Offensive. Ich öffne das Fenster und suche das Gespräch mit einem der Bauarbeiter. »Entschuldigen Sie, aber es wäre eine große Freude für mich, wenn Sie auch meine Beschwerde wegen des Kompressorlärms berücksichtigen würden.« Er ist verblüffend nett, versteht aber wegen des Krachs kein Wort.

»Ey, Mann, so bringt det gar nix. Sie müssen schon richtig ordinär aus ihrem Fenster rausblöken. Die Konkurrenz in der Straße schläft nicht, dafür sorgen wir schon. Unser Vorarbeiter hat eine genaue Hitliste über den Lautstärkegrad und Beleidigungswert aller Aus-dem-Fenster-Blöker in dieser Straße. Und wer auf dieser Liste auf dem letzten Platz steht, der kriegt eben den Kompressor vors Fenster. So einfach is dis. Tut mir leid, aber ich hab die Regeln nicht gemacht.«

Ich schließe das Fenster und denke über laute, ordinäre Beschimpfungen nach.

Meine gute Erziehung entpuppt sich dabei als ziemliches Hindernis. Dabei bin ich meinen Eltern eigentlich dankbar. Wenn wir beispielsweise früher zusammen »Aktenzeichen XY - ungelöst« geguckt haben und dann Berichte über brutale Raubmorde oder psychopathische Killer kamen, hat meine Mutter immer gesagt: »Versprich mir, daß du so etwas später nie machst.« Ich hab dann kurz überlegt und dann irgendwann gesagt: »O.K.« Sowas sind vielleicht Kleinigkeiten im unüberschaubaren Wust einer Kindeserziehung. Aber effektiv. Fakt ist nunmal, daß ich bis heute noch nie einen Massenmord begangen habe. Also haben meine Eltern doch irgendwie alles richtig gemacht.

Ich könnte einfach die Wohnung verlassen. Aber ich trage eine Unterhose der vierten Kategorie. Schon vor einiger Zeit habe ich meine Unterhosen nach Kategorien eingeteilt. 1. Kategorie: gute Unterhosen, nur für besondere Anlässe; 2. Kategorie: ordentliche Unterhosen; 3. Kategorie: Unterhosen gerade noch über der Schmerzgrenze; 4. Kategorie: Unterhosen, die ich nur anziehe, wenn ich vorher alle Spiegel in der Wohnung zugehängt habe.

In solchen Unterhosen das Haus zu verlassen, ist enormer Streß, weil man ständig extrem darauf achten muß, nicht angefahren zu werden oder sonst zu verunglücken, und dann in dieser Unterhose in ein Krankenhaus eingeliefert zu werden.

Auf meinem Schreibtisch liegt eine Anzeige aus der Zweiten Hand:

»Esse gegen Honorar und vor Publikum volle Staubsaugerbeutel komplett auf. Nur ernstgemeinte Zuschriften. Auch Sex. Chiffre: 21272.«

Habe mir diese Anzeige vor Wochen auf den Schreibtisch gelegt, um mich in depressiven Momenten daran zu erinnern, daß es andere auch nicht leicht haben.

Die Zigaretten sind aus. Für neue müßte ich aus dem Haus, außerdem bräuchte ich dafür Geld. Wenn ich das Rauchen aufgeben würde, würde ich jeden Tag zehn Mark sparen. Im Monat wären das 300, im Jahr 3600 Mark. Viel Geld, nach nur 300 Jahren Nichtrauchen hätte ich eine runde Million beisammen. Ob mir die Krankenkasse wohl einen Kredit über eine Million geben würde, wenn ich ihr verspräche, die nächsten 300 Jahre nicht mehr zu rauchen? Einen Versuch wär´s wert, dann hätte ich immerhin wieder Geld für Zigaretten.

Andererseits, wenn sie mir die Million nicht geben, und ich 300 Jahre auf die Million sparen müßte, wäre die, bei der derzeitigen Inflation, ja nur noch die Hälfte wert. Zieht man dann noch die Zinsverluste und höhere Ernährungsausgaben ab, ist man ruckzuck bei 342 783 Mark und 44 Pfennigen. Dies die 300 Jahre zurückgerechnet, ergibt, daß mich heute die Schachtel Zigaretten genaugenommen nur 1,72 kostet. Ein erschwingliches Vergnügen also. Die Mathematik ist irgendwo doch mein Freund. Aber ob der Kioskbesitzer meine Rechnung und die 1,72 akzeptieren wird? Unwahrscheinlich.

Lese in einer DFB-Broschüre: »Drogen machen gleichgültig.« Werfe die Broschüre weg. Is mir doch egal. Die halbe Stunde ist rum. Ich muß wieder was Ordinäres aus dem Fenster blöken. Dieser Streß kann einen wahnsinnig machen. Ich brülle:

»Ich bin die schlimmste Schimpfschabracke, Kompressorkrach ist Kinderkacke!!!«

Die Bauarbeiter schauen mich nur mitleidig an und stellen den Kompressor eine Stufe höher. Vielleicht sollte ich einfach die Unterhose wechseln und das Haus verlassen.

Zeichnung von Dorothee Mahnkopf


zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: