Bov Bjerg: Die größte Baustelle aller Zeiten
Ein trüber, kalter Samstagnachmittag. Was tun mit leerem Portemonnaie? Auf zur weltberühmten »Info-Box« auf dem Potsdamer Platz, der größten Baustelle Europas bzw. der Welt, wahrscheinlich sogar des ganzen Universums. Wer weiß denn schon, ob es da draußen im All noch ander es intelligentes Leben gibt, bzw. wenn´s da noch anderes intelligentes Leben gibt, ob dieses Leben überhaupt intelligent genug ist, auch nur annähernd so große Baustellen zu machen wie wir. - Die Info-Box, da ist der Eintritt frei, da kann man für umsonst darüber schreiben.
Samstagabend: Wenn ich gleich im Lotto gewinne, hör ich auf zu schreiben, leg mich ins Bett und lese ein gutes Buch.
Am Eingang liegt der Ausstellungskatalog, 38 Mark, ich will im Ansichtsexemplar blättern, was ist denn das, die Seiten sind ja zugeklebt, nein, es ist eine Attrappe, ein Holzbrett mit draufgeklebtem Buchumschlag. Der Ausstellungskatalog sei »noch nicht fertig«, behauptet die Empfangsdame. Das fängt ja gut an, denke ich, na prima, macht ruhig so weiter, dann wird das nie was. Massenhaft Architekturmodelle und Schautafeln.
Massenhaft? Das klingt so unkonkret, na gut, nun hab ich´s schon geschrieben, gleich fängt sowieso die Ziehung der Lottozahlen an.
Die Firma Sony schreibt über die Ruine des Hotels Esplanade und die Verschiebung des Kaisersaals, der zum Restaurant werden soll, das sei eine » ... konservatorische Leistung, die Geschichte greifbar macht und mit den Ansprüchen einer weltoffenen Gesellschaft in Einklang bringt.« Übersetzt: Wir werden in dem schönen Saal massenhaft...
Mist, schon wieder »massenhaft«, mein Wortschatz hält sich heute arg in Grenzen. Fernseher an, hallo Frau Tietze-Ludwig!
Übersetzt: Wir werden in dem schönen Saal massenhaft reiche Säcke aus nah und fern abfrühstücken, einen Mords-Reibach damit machen, und für unser Image ist es auch noch gut.
»25!« Danke, Frau Tietze-Ludwig, die 25 hab ich nicht gewählt.
Die Telekom macht auch Reklame in der Info-Box, haha, die Telekom, ja, die hat´s auch nötig. Liebe Telekom, in deinem Ausstellungsraum herrscht eisiges Schweigen, jawohl, eisiges Schweigen in der ansonsten wie ein Bienenstock summenden Info-Box. Verbittert werden deine Schautafeln gelesen, ach was: zur Kenntnis genommen. Die Gesichter ausgemergelt vom Telefon-Hunger. Du, liebe Telekom, du wirst eines Tages in den Geschichtsbüchern dafür verantwortlich gemacht, ach was, gelobt werden, liebe Telekom, daß du das Volk zum Aufbegehren gebracht hast. Nicht die Studenten, nicht die Arbeiter, nein, alle Menschen, die ab und zu mal telefonieren möchten, also die Massen, die werden massenhaft...
... ja, hier paßt´s endlich! Massenhaft!
Vorneweg die alten Omas und die Rollstuhlfahrer werden sie die Lawine lostreten, die das Schweinesystem unter sich begraben wird. Bzw. den Sturm entfachen, der das Schweinesystem hinwegfegen wird. Bzw. die Glut zum Lodern bringen, die das Schweinesystem...
»43!« Danke, blöde Lotto-Fee, auch die 43 hat bei mir kein Kreuz bekommen.
In einem Raum stehen tatsächlich die Büsten der Architekten. Oh, ihr Schweine, ihr kreativen Handlanger des Bösen, ihr laßt euch noch zu Lebzeiten in Marmor hauen, kommt ihr euch nicht blöd vor? Oder ist es Granit? Nein, es ist Pappmaché. Graue Pappmaché. Haha, das habt ihr fein gemacht! Wollt mich zum Schmunzeln bringen ob eures Understatements, was? Aber nicht mit mir!
»9!« Danke, Frau Tietze-Ludwig, wirklich gut gemacht, auch die 9 hab ich nicht auf meinem Zettel.
Auf Video ein computeranimierter Spaziergang über den fertigen Potsdamer Platz. Aber, die Computermännchen, die sich da durch die Passagen und über die Piazzen schieben, die stehn doch alle unter Haldol! oder haben sie Parkinson? Ein Radfahrer überholt den Zuschauer und biegt rechts ab. Ohne Handzeichen! Wollt ihr uns weismachen, im Jahr 2000 muß man nicht mehr die Hand ausstrecken beim Abbiegen? Das ist doch alles Lüge! Der Film ist zuende, die Leute stehen auf, sie nicken zustimmend, murmeln: »Das ist schon ´n Ding, was die da machen, junge, junge ... «
»42!« Ist ja gut, die hab ich auch nicht, was interessiert mich der Lottogewinn?
Ich rufe in den Raum: »Wollt ihr die totale Baustelle?« Ja...! »Wollt ihr die Macht der Konzerne?« Jaaa...! »Wollt ihr sie, wenn nötig, totaler und radikaler, als ihr es euch heute überhaupt vorstellen könnt?« JAAA..!
»17!« Ja, die 17 hab ich. Aber was nützt mir das jetzt noch?
Ich stelle mich an eins der Panoramafenster und blicke in die zugefrorene Baugruben. Berge von märkischem Sand türmen sich drumherum. Ich bin erschöpft. Kaum vorstellbar, daß in diesem Sand einst die Kartoffel erfunden wurde, hier, auf dem Potsdamer Platz. Daß aus diesem Sand heraus einst die Kartoffel ihren Siegeszug um die Welt antrat. Die Kartoffel: eines unserer wichtigsten und vielseitigsten Nahrungsmittel. Es gibt »festkochende« Kartoffeln und »mehlig« kochende Kartoffeln. Das bedeutet soviel, wie daß sog. festkochende Kartoffeln beim Kochen fest werden, während ihre mehlig kochenden Schwestern mehlig werden. Es gibt auch »vorwiegend festkochende« und »vorwiegend mehlig kochende« Kartoffeln. Was das bedeutet, weiß niemand so genau.
»8!« Danke, Frau Tietze-Ludwig. Doch noch zwei Richtige am Schluß. Wer weiß, wie diese Geschichte ausgegangen wäre, wären die 17 und die 8 als erstes gezogen worden.