Andreas Scheffler: Friedhof der Angler
Über dem Kanal, der den Schulzensee mit dem Zemminsee verbindet, verläuft eine Autobahnbrücke. Tag und Nacht donnern Fahrzeuge unterschiedlichster Hubräume mit variierender Geschwindigkeit über diese breite Brücke der A 13. Wenn ich die Stelle mit meinem Paddelboot passiere (Paddeln ist die einzige Sportart, die ich mit Freude praktiziere), dröhnt es in meinem Schädel, ich mache schleunigst, daß ich mit meinem Boot wegkomme und anschließend Rast im Gasthof Zemminsee. Dort beim Bier geht mir dann ein Bild nicht aus dem Kopf: Das reale Bild eines guten Dutzend Menschen, die an und unter der Brücke hocken und angeln. Daß Angeln als Sport gilt, als Körperertüchtigung quasi, eben als Ausgleich zur ansonsten Unterbeanspruchung der Muskeln, ist mir nie verständlich gewesen; ähnlich wie die Hundesportvereine, deren Mitglieder sich treffen und Schäferhunde sowie andere große, bellende Gehwegverschmutzer über Holzwände hetzen.
Und hier nun unter der Autobahnbrücke sitzen die Angler und treiben Sport. Fast regungslos pressen sie ihre Hintern in die Campinghocker, ergreifen höchstens einmal eine frische Bierdose aus der Kühltasche neben sich, halten ihre Ruten ins trübe, ungesund aussehende Wasser und warten stumm auf den Fisch, während fünf Meter höher ein LKW nach dem anderen über das Pflaster braust. Sie sprechen nicht miteinander. Sie würden sich auch gar nicht verstehen können.
Ein wenig abseits gelegen stehen ihre Fahrzeuge: Cottbusser, Tiefenseer, Brandenburger, Berliner, Calauer... Nie habe ich jemanden etwas fangen sehen. Sie würden die morbiden Plötzen, Graskarpfen und Aale wohl auch nicht genießen können. Andererseits: Die Angler, dicke, vom Bier gezeichnete Mittfünfziger und ein paar phlegmatische Jungs, sehen genau so aus, als hätten sie von diesem kranken Fisch aus dem dumpfen Gewässer gegessen.
Warum sitzen sie hier im Lärm und nicht hundert Meter weiter? Ich erinnere mich an jenen mysteriösen, verborgenen Ort im afrikanischen Dschungel, an den sich die Elefanten zurückziehen, wenn sie sterben müssen. Vielleicht, so denke ich im Gasthof Zemminsee bei meinem dritten Bitburger, vielleicht liegt dort unter jener Brücke der A 13 Berlin-Dresden der sagenumwobene, von tausenderlei Mythen umgebene, unbekannte Anglerfriedhof. Wenn sie den Tod drohen fühlen, zieht sie eine magische Macht an diesen Ort, wo sie, beinahe regungslos, mit der Angel in der Hand ihr nahes Ende erwarten. - So muß es sein. Es ist die einzige plausible Erklärung.
Später am Abend paddle ich heim. Es ist schon düster. Unter der Brücke leuchten, schon von weitem sichtbar, phosphoreszierende Schwimmer an langen Nylonschnüren. Oder sind das die Totenlichter der verschiedenen Angler?, denke ich einen Augenblick. Doch dann sehe ich die Schemen der noch immer auf ihren Hockern verharrenden Angelsportler. Ich strenge meine Arme an und vergrößere eilig die Entfernung zwischen mir und diesem schaurigen Ort.
