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Horst Evers: Zukunftsfragmente

Heute: Autoritäre Kleiderschränke

Zweiter Dezember 2097. »Hallo, aufstehn! Hallo, aufstehn! Hallo, aufstehn!!!«

Ich schreckte aus dem Schlaf hoch. Verdammt, 9.11 Uhr, ich war zu spät. Alles, was ich hörte, war das dösige Gefasel meines Weckers.

»Hallo, aufstehn! Hallo, aufstehn! Is ein schöner Tag!«

»Hey man Wecker, was is los? Du weißt genau, daß ich um 9.30 Uhr am Fernsehturm am Harald-Juhnke-Platz sein muß, Du solltest mich doch um 8 Uhr wecken.«

»Ich weiß, tut mir leid, aber ich hab verschlafen.« Na toll. Offensichtlich war der Wecker wieder auf Koks. Mit einem Sprung war ich an meinem automatischen Kleiderschrank.

Der automatische Kleiderschrank ist eine Erfindung aus der Mitte unseres Jahrhunderts. Die ersten Modelle waren einfach durch eine Sensorenleitung mit der Außenwand verbunden, was es ihnen ermöglichte, selbständig genau die zu Temperatur und Witterung passende Kleidung herauszugeben, eben so, daß man weder schwitzte noch fror. Mittlerweile haben die automatischen Kleiderschränke aber sogar eine Außenkamera und eine High-Tech-Sensorenausstattung, wodurch sie nicht nur Witterung und Temperatur, sondern sogar Lichtverhältnisse, die Kleidung der anderen Passanten und die allgemeine Stimmung erfassen können. Überdies verfügen sie über ein feines modisches Gespür und relative Originalität, so daß sie jedem Nutzer immer die geschmacklich, modisch, sich harmonisch ins Straßenbild einfügende bequeme Kleidung geben können. Eines der ältesten Probleme der Menschheit - Wie ziehe ich mich geschickt an, ohne Anstoß zu erregen oder lächerlich zu wirken? - war somit ein für allemal gelöst.

»Guten Morgen, Kleiderschrank, ich brauche Kleidung für einen normalen geschäftlichen Termin.«

»O.K.« Sofort begann der Kleiderschrank seinen Umweltcheck.

»Bsssssssb ... auha.« Das Zirren verstummte und der Kleiderschrank schloß selbsttätig seine Türen.

»Was is´ los? Ich hab´s eilig.«

»Der Check hat ergeben, daß du nix hast, womit du draußen nicht unangenehm auffallen würdest. Tut mir leid, aber im Interesse der Allgemeinheit kann ich es nicht verantworten, dich so auf die Straße zu lassen. Ganz egal, was auch immer du von deinen Sachen anziehen würdest, du sähest immer scheiße aus.«

»Was soll das heißen, soll ich etwa in der Unterhose raus?«

»Nee, du darfst die Wohnung nicht verlassen, bis es wieder dunkel wird.«

»Verdammt, jetzt gib mir was zum Anziehen!!!«

»Nanana, wie heißt das?«

»Bitte, lieber Kleiderschrank, gib mir was zum Anziehen.«

»Hmmmm ... Mmmmmhhhh ... Nö!«

Neben mir ratterten plötzlich die Jalousien runter.

»Was soll das denn jetzt?«

»Wenn du so dicht am Fenster stehst, könnte man dich von draußen sehen. Das ist zu riskant.«

»Also gut, zieh ich eben Dreckwäsche an.«

»Iiigitt, damit kommst du nicht durch.«

Ich kramte mir meine verranzten Sachen vom Boden auf und warf sie mir über. »Na also, geht doch. Tür auf!«

»Tür zu.«

»Tür auf!«

»Tür zu.«

»Tür auf!«

Die elektronische Tür zuckte ein paar mal hin und her, dann war´s ihr wohl zu blöd.

»Na, wat denn nu? Tür auf, Tür zu, Tür auf, Tür zu, ich hab auch noch was anderes zu tun, als immer auf und zu zu fahren.«

»Was bitteschön willst du denn noch anderes zu tun haben?«

»Naaaaa, na... Oh, mein Gott, ich habe ja tatsächlich nichts anderes zu tun, als immer nur auf und zu zu gehn.«

Das knallige Rot der Tür wurde zusehends blasser.

»Oje, was für ein Leben, auf und zu und auf und zu. Das ist mein Leben? Das kann doch nicht alles gewesen sein.«

»Komm Tür, geh jetzt auf.«

»Wozu denn aufgehn, was hat das denn alles noch für einen Sinn? Ich frage mich manchmal, ob die Welt nicht ohne uns Türen glücklicher wäre.«

»Gut möglich. Aber geh jetzt auf.«

»Weißt du, ich denke eigentlich relativ viel nach. Manche denken, mehr als für eine Tür gut ist. Meistens über den Tod. Woher komme ich, wohin gehe ich? Kürzlich hatte ich ein langes Gespräch mit dem schwedischen Fenster. Ich hab kein Wort verstanden, aber sonst spricht hier ja keiner mit mir.«

Von der Tür war die nächsten zwei, drei Stunden nichts mehr zu erwarten. Ich kannte sie, wenn sie so deprimiert und verschlossen war. Der Kleiderschrank kicherte zufrieden vor sich hin. Er hatte wieder gewonnen. Ich weiß, daß er Witze über mich macht, gegen mich intrigiert, wenn ich nicht in der Wohnung bin. Mir wurde klar, daß ich in einem Pulverfaß wohnte, früher oder später würde es zur offenen Meuterei meiner Einrichtung gegen mich kommen. Ich mußte mich vorbereiten, wenn ich gegen den Kleiderschrank bestehen wollte.

Zeichnung von Dorothee Mahnkopf

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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