Sarah Schmidt: Ein schöner Tod
An manchen Tagen wacht man morgens auf und weiß, noch im Halbschlaf, irgendwas Blödes ist heute los. Ich hatte letztens wieder so ein Gefühl. Der Grund: Ich muß arbeiten gehen. Mist! Es ist zwar kein schlechter Job, aber er fängt schon am Vormittag an und ich hab keine Lust dazu.
Als ich um neun Uhr im Badezimmer stehe und meine Zähne putze, merk ich plötzlich, daß ich krank bin. Boah, mir geht´s sogar total schlecht. Meine Knie sind ganz weich, und mein Hals tut weh. Beim Atmen pfeift irgendwas in mir, und der Blick in den Spiegel zeigt mir, daß ich auch keineswegs meinem Alter entsprechend aussehe. Mein Gott, damit ist nicht zu spaßen, Influenza A, das ist gefährlich, ich kann auf keinen Fall zur Arbeit gehen.
»Frank, komm mal schnell. ich bin krank. Kannst du auf meiner Arbeit anrufen und mir einen Tee kochen und mir das Frühstück ans Bett bringen und was zu lesen und das Fieberthermometer? Ich fühl mich gar nicht gut.«
Als alles zu meiner Zufriedenheit erledigt ist, macht Frank sich auf zu seiner Arbeit. Er hat es nicht weit, nur einen Stock höher, da renoviert er das Schlafzimmer. Keine schöne Arbeit, aber was soll man machen? Da muß er jetzt durch. Ich liege im Bett, trinke Lindenblütentee, lese ein Buch und fühle mich schon viel besser. Das ist so gemütlich, von oben kommen Arbeitsgeräusche, wenn ich was brauche, muß ich nur gegen die Decke klopfen, dann kommt Frank bestimmt sofort runter. Obwohl, nachher reagiert er da nicht drauf, und ich lieg hier ganz allein und keiner hilft mir. Nee, nee das muß jetzt überprüft werden. Also hol ich mir einen langen Stock und knall ihn an die Decke. Dann zähl ich bis 50, das ist die Zeit, die Frank brauchen wird, um runterzukommen. Bei 47 steht er atemlos vor meinem Bett.
»Was ist denn los?« - »Noch nichts, ich wollte nur ausprobieren, ob du mich hörst. Aber wo du grad hier bist, kannst du mir bitte das Telefon bringen?«
Frank macht es, ist aber irgendwie beleidigt und will mich nicht küssen zum Abschied. Naja, wird sicher die Arbeit sein. Er hat halt keine Zeit. Nach kurzer Zeit höre ich wieder das beruhigende Klopfen und Hämmern, und ich kann sogar hören, wie er auf die Leiter steigt. ich telefoniere, lese, bau mir einen Joint, das ist ja total gut, wenn man krank ist, schlafe ein, lese wieder, guck, ob es schon dunkel wird, denke nach, schlafe wieder...
Irgendwann stimmt etwas nicht, als ich wieder mal aufwache. Aus der obigen Wohnung kommen keine Geräusche mehr. Ich lausche eine Weile, vielleicht macht Frank ´ne Pause, obwohl, da hat er eigentlich keine Zeit zu, bis morgen soll das Zimmer fertig sein. Ich rufe in die Küche, ob er schon wieder unten ist, keine Antwort, ich nehm meinen Stock und klopfe, aber bei 136 ist er immer noch nicht unten. Ich mach die Augen wieder zu und überlege. Wahrscheinlich ist ihm was passiert. Von der Leiter gefallen? Nee, das kann nicht sein, das hätte ich gehört. Dann fällt es mir ein. Das Asthma, natürlich. Frank ist ja Asthmatiker und die Farbdämpfe haben wohl einen Anfall ausgelöst. Er liegt sicher seit einiger Zeit auf der Erde und kriegt keine Luft mehr. Schreien kann er da auch nicht, nur röcheln. Das kann ich natürlich nicht hören. Ich glaube, er ist wahrscheinlich schon tot. Ob ich mal nachgucke? Nee, später vielleicht. ist ja gar nicht sicher, daß er wirklich tot ist. Nachher spinn ich nur.
Ich laß die Augen lieber zu und träum weiter. Ich seh mich an seinem Grab stehen, mein Herz ist gebrochen, ich werde gestützt, sonst könnte ich mich nicht auf den Beinen halten. Scheiße, für immer alleine, und er war doch meine große Liebe. ich werde mir für den Rest meines Lebens Vorwürfe machen, daß ich nicht aufgestanden bin, um nachzugucken, was los war in der stillen Wohnung über mir. Aber es ist ein schönes Begräbnis.
Ich mach die Augen wieder auf, der Wecker zeigt fünf Uhr. Na gut, ich warte noch bis sechs, dann geh ich nach oben nachgucken. Oder? Ich kann ja mal anrufen, da muß ich nicht aufstehen. Also wähl ich die Nummer. Besetzt.
Ich mach die Augen wieder zu. Wahrscheinlich hatte er noch die Kraft, sich zum Telefon zu schleppen, hat die 112 gewählt, aber er konnte ja schon nicht mehr sprechen, nur noch röcheln. Da reagiert die Feuerwehr natürlich nicht drauf. Der Arzt, der Frank nach seinem Tod untersuchte, teilt mir mit, daß er noch eine Stunde gelebt hat. Wäre ihm jemand zu Hilfe gekommen, hätte er ohne weiteres gerettet werden können. ich mach mir solche Vorwürfe.
Nach seinem Begräbnis wird seine Wohnung ausgeräumt. ich finde all die Briefe und Geschenke von mir, die ich ihm in den Jahren unserer Freundschaft hab zukommen lassen. Beim Lesen überkommt mich ein Weinkrampf, es war eine so schöne Zeit, und nur meine Faulheit hat alles zerstört. Wirklich sehr traurig.
Ich mach die Augen wieder auf, es ist halb sechs. ich könnte natürlich auch jetzt schon aufstehen, aber erstens ist es so kalt und zweitens lacht er mich bestimmt aus, wenn ich da jetzt hochgehe und ihm erzähle, daß ich dachte, er sei tot. Ist ja auch voll albern. Ich überlege, ob mein Kind und ich dann in Franks Wohnung einziehen. Schön ist sie ja, drei Zimmer, und dann wären wir irgendwie immer bei ihm. Andererseits, diese ganzen Erinnerungen. Ob ich es übers Herz bringen werde, sein Bett wegzuschmeißen und seine ganzen Sachen? Da ist ja dann kein Platz mehr für, wenn wir hier wohnen. Billig ist die Wohnung auch, und man kann ja nicht erwarten, daß ich eine Gedenkstätte aus der Wohnung mache. Andererseits, ich bin ja schuld, daß es überhaupt so weit gekommen ist. Na gut, ich könnte ja das kleine Zimmer so einrichten, daß seine schönsten Sachen da drin sind.
Ich seh wieder auf die Uhr. jetzt ist es sechs. Ach, wäre ich doch nur um fünf gucken gegangen. jetzt ist er ja tot. Zu spät.
Ich geh lieber nicht hoch, ich möchte ihn lieber so in Erinnerung behalten, wie er das letzte Mal lebend aussah. Ich glaub, ich muß heulen. Wir hatten noch soviel vor.
Ich schlag die Augen wieder auf, Frank steht vor mir. »Mensch, ich denk, du bist tot! Was machst du denn hier? Wieso hast du keine Geräusche mehr gemacht? Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht. Was denkst du dir denn?«
»Hä? Was ist denn mit dir los? Ich war Kaffee trinken. Zum Arbeiten war es zu dunkel.«
»Oh Mann, Kaffeetrinken, und ich heul mir hier die Seele aus dem Leib. Kaffeetrinken!«
»Wieso bist du denn dann nicht hochgekommen und hast nachgeguckt?« »Ich... ich darf doch nicht aufstehen, ich bin doch krank.«
