Hinak Husen: Mariendorfer Mutationen
Jetzt, da sich die letzten Spuren der Mariendorfer Exzesse an meinem Körper verabschieden, kann ich langsam Frieden schließen mit diesem Bezirk, ich bin wieder der schüchterne Weddinger, dem jegliches Verruchte völlig abgeht.
Eigentlich ist es mir bis jetzt noch ein völliges Rätsel, wie eine derartig friedliche, brave Umgebung die dunkelsten Seiten meiner Existenz so schnell ans Licht bringen konnte.
Eigentlich sollte ich ja nur vier Wochen in einer herrlichen Wohnung in Abwesenheit der Eigentümer auf ein paar Fische aufpassen, eine Wasserschildkröte liebevoll umsorgen und einen Igel füttern. Wie ich dabei eine Waschmaschine zerstören, ein riesiges Brandloch in einen wirklich vorher sehr schönen Designertisch brennen und ein Waschbecken aus der Wandverankerung herausreißen konnte, ist mir bis jetzt immer noch ein wenig schleierhaft. Eigentlich neige ich herzlich wenig zu Gewalttätigkeit.
Es muß einfach am Whirl-Pool gelegen haben. Badewannen an sich haben ja kaum etwas Lasterhaftes. Aber man glaubt es nicht: Kaum fängt das Wasser ein wenig zu sprudeln an, erhitzen sich die Gemüter. Drei nette Mädchen hatte ich zu Gast in der Woche vor der Ausgießung des heiligen Geistes. Drei nette Mädchen, nennen wir sie der Diskretion halber Hanni, Nannie und Erica, oder nein, nennen wir sie lieber Jaqueline, Yvonne und Brigitte, das ist atmosphärisch passender.
Nun denn, die drei wollten nichts weiter als ein bißchen »whirlen«. Sie hatten Sekt und Rotwein, sowie ein Büchlein zum Vorlesen und Badetücher mitgebracht. Das war alles: Sekt, Rotwein, ein Buch und Badetücher. Der aufmerksame Leser wird in dieser Auflistung schnell etwas vermissen: Und richtig, weder Jaqueline noch Yvonne oder gar Brigitte hatte einen Badeanzug dabei, nicht einmal ein Bikini-Höschen. Sie schienen das auch gar nicht für nötig zu halten. Nun gut, auch ich bin bisher noch nicht mit Badehose im Whirl-Pool gewesen, aber mir hat beim Planschen ja auch allenfalls Sabine Christiansen zugeschaut.
Nun denn, ich hab ordentlich viel »Badedas« ins Wasser gegeben und mich erst dazugesellt, als von den dreien nur noch die Köpfe und diverse Zehen aus dem Schaum ragten. Dann sollte ich aus dem mitgebrachten Büchlein eine Geschichte über japanische Geishas vorlesen. Das allein hätte mir ja schon spanisch vorkommen müssen, um mal ein schiefes Bild zu benutzen, aber in meiner westfälischen Unschuld dachte ich mir nichts Böses. Wir Westfalen können es ja in vielen Dingen zur Meisterschaft bringen, aber die großen Spielarten der Erotik, die stammen nun wirklich nicht aus Bielefeld oder Wuppertal.
Nun, ich las also vor, die Wanne sprudelte, draußen gewitterte es, Regen prasselte heftig gegen die feuchtbeschlagenen Fensterscheiben. Gelegentlich wurde ich mit Schaum bespritzt und Jaqueline, Yvonne, Brigitte räkelten sich im prickelnden Naß, und ihre Blicke bekamen immer mehr von dem über diesem sonst so ruhig dahin dümpelnden Bezirk tobenden Unwetter. ja, es blitzte, drinnen und draußen, rechts und links, oben und unten. Tiere besitzen für heraufziehendes Unheil ja bekanntlich einen siebten Sinn. Vielleicht hätte ich nach der Schildkröte schauen sollen, ein Blick in ihre angsterfüllten Augen hätte mich etwas ahnen lassen können. Der Sekt war schon geleert, auf der Wannenkante stand eine riesige Pfütze Rotwein, von einem Whiskyglas hatte sich ein aufgeklebtes Metallemblem gelöst, ein griechischer Männerkopf, der nun orientierungslos im Wasser umhertrudelte. War das ein Zeichen? Jaqueline, Yvonne und Brigitte erhoben sich, und mir wurde ganz anders, ich rannte aus dem Badezimmer und versteckte mich hinter einer Tür. Drei nasse, nackte Frauen durchstöberten nun die Wohnung nach mir, einem untersetzten Münsterländer Biertrinker. In der Not frißt der Teufel Fliegen. Wenn mich jetzt meine Mutter sehen könnte, oder gar die Wohnungseigentümer, oder die Nachbarn? Überall diese großen Fenster, und die Wohnung hell erleuchtet, kein Problem für einen modernen Camcorder mit Teleobjektiv, die Szenerie auf Video festzuhalten und den aus dem Urlaub zurückgekehrten Wohnungsinhabern anonym zuzusenden. Schaut nur her, was Euer Einhüter hier für wilde Orgien gefeiert hat.
Die drei standen nun vor der Terrassentür und überlegten, ob ich nach draußen entflohen sei. Wenn sie jetzt alle drei auf die Terrasse gingen, könnte ich die Tür hinter ihnen schließen, aber das wäre wohl auch nicht die ideale Lösung. Dann fand mich Jaqueline.
Und was soll ich sagen, ich weiß gar nicht, warum ich mich so lange gesträubt hatte. Es war wirklich nicht unangenehm, sich mit ihnen im Wasser zu räkeln. Nein, wirklich nicht, im Gegenteil. Man mag es mir vielleicht nicht glauben, aber doch, ja, es hat Spaß gemacht, wenn man mal ein bißchen seine prüde Erziehung vergessen kann. Knie rieb sich an Knie, Bauch an Wade, Hals an Fuß, und so weiter und so fort. Und wirklich, die drei wollten nichts weiter von mir als mitzuplantschen. Eigentlich von vornherein klar: Jaqueline hat einen sehr attraktiven Freund, Yvonne ist lesbisch, und Brigitte ist mit Doktor Seltsam zusammen. Na, der hätte sich garantiert nicht so gesträubt wie ich, ins Wasser zugehen. Nur gut, daß ich ihn nicht eingeladen hatte.
So langsam gefiel mir die Vorstellung von der Videokamera auf dem Nachbarbalkon. Wenn ich die Cassette irgendwie abfangen könnte, würde ich sie dem Doktor zum Geburtstag schenken, sowas hat der bestimmt noch nicht auf seinem Gabentisch liegen gehabt.
Es mochten wohl so anderthalb Stunden vergangen sein, wir hatten inzwischen auch noch ein wenig den Sektvorrat der Eigentümer geplündert, als ich irgendeines nichtigen Anlasses wegen aus dem Pool stieg, eine Spur zu schnell, wie ich feststellen mußte; auf dem feuchten Boden ausrutschte, die Beine nach oben reißend irgendwie das Schlimmste zu verhindern suchte, dabei einen unfreiwilligen Purzelbaum schlagend die zwei Stufen des Bades runterrutschte und benommen auf dem Boden liegen blieb. Die Rotweinlache auf dem Beckenrand war inzwischen fast getrocknet, trotzdem schrie Yvonne: »Blut, überall Blut, Hinark ist tot!«
Nein, tot war ich nicht, auch wenn ich mich einen Augenblick so fühlte. Nachdem ich mich mühevoll wieder aufgerappelt hatte, riß es mich wieder von den Beinen, diesmal war es keine Pfütze, sondern der nicht vorhandene Blutdruck. Anderthalb Stunden in heißem Wasser, dabei diverse Sekte und Whiskys vertilgt, da sagt der Kreislauf schon mal Hoppla. Und dann blieb ich erst mal liegen.
Die drei Grazien eilten aus dem Pool und leisteten erste Hilfe. Ich erflehte ein Handtuch. So ganzkörperaufgeschrammt auf dem Boden zu liegen, nackt, das war mir nichts. Dann die Bestandsaufnahme. Rückenprellung, zwei aufgeschrammte Ellenbogen, ein Bluterguß den ganzen linken Unterarm entlang, sowie drei verstauchte Zehen. Dekadenz rächt sich eben doch. in zwei Sekunden um zwanzig Jahre gealtert. ich packte mich ins Bett, um diese Dramolette alsbald wie möglich zu vergessen.
Am nächsten Tag meldeten sich erneut zwei Weddinger, um zu poolen.
Sollte diese Mariendorfer Eskapade im Weddinger Kiez schon Kreise gezogen haben? Jeden Abend wilde Sex-Orgien, und ich als großer Organisator? Vielleicht sollte ich Eintritt nehmen, um einen neuen Tisch zu kaufen? Und in Mariendorf würde sich nur allzu schnell herumsprechen: »Seht nur, da kommt dieser Weddinger Orgienpapst«, während ich auf Krücken durch die Gegend krieche.
Nein, so nicht. Nach einer halben Stunde warf ich das Pärchen aus dem Pool und sinnierte vor dem Aquarium über mein mißlungenes Einhüter-Dasein. Immerhin, abgebrannt war die Wohnung nicht. Aber irgendwie schienen mich selbst die Fische böse anzugucken.
Als ich wieder zurück in den Wedding zog, sah fast alles so aus wie vorher. Aber schwebte da nicht doch diese Dunstglocke der Lasterhaftigkeit über allen Räumen? Kann ich die Geschehnisse wirklich geheimhalten, wird Schildkröte Frieda schweigen - und was geschieht mit der Videocassette?
