Andreas Scheffler: Wem geht es hier schlecht?
Seit ungefähr einer Woche habe ich einen Gnubbel unter der Haut an meiner linken Wange. Ein kleiner fester Gnubbel, der, wenn man ihn preßt, sich weder verformt noch weh tut. Vor zwei Monaten hatte ich genauso einen Gnubbel in der rechten Wange. Der ist nach drei Wochen wieder verschwunden. Gnubbel - man könnte es aber auch Knoten nennen. Und Knoten können bösartig sein. Warum nennen wir es nicht gleich Geschwür? Ich habe Jürgen und Hinark befragt, Hinark habe ich sogar fühlen lassen. Wie immer wußte Jürgen Bescheid. Das sei eine kleine Entzündung, eine Eiterblase quasi, die an die Oberfläche dränge. Auf der rechten Seite habe sie es nicht geschafft, sich zurückgezogen und versuche es jetzt eben links. Das könne noch ewig so weitergehen, bis sie eines Tages irgendwo hervorbreche, ob nach außen oder nach innen, wisse man nicht.
Ich weiß nicht, was mir lieber wäre: eine Eiterbeule, die in meinem Mund aufbricht und der damit verbundene eklige Geschmack. Immerhin wäre es dann quasi gegessen. Oder eine fette Eiterblase außen auf der Wange. Ich würde damit nicht aus dem Haus gehen, geschweige denn zum Frühschoppen, was angesichts unserer personellen Situation eine Katastrophe wäre.
Aber ist es wirklich nur eine Entzündung? Jürgen hat selbst mehrmals das Wort »Knoten« verwendet. Krebs! Ich habe in letzter Zeit häufig über Krebs nachgedacht. Das soll man nicht. Es erhöht die Chancen, welchen zu bekommen. Andererseits habe ich auch schon häufig über einen Lottogewinn nachgedacht. Was soll´s. Manchmal stelle ich mir vor, ich habe Krebs. Das ist schon deprimierend. Aber wenn ich dann feststelle, das ich zum Einmal-noch-so-richtig-einen-Draufmachen gar kein Geld habe. Das ist die Hölle.
Was für Krebs kriegt man eigentlich vom zu vielen Trinken? - Leberkrebs, Zungenkrebs? Oder Wangenkrebs? Man hat mir schon mal den Tip gegeben, nicht mehr zu Hause zu trinken. Aber das kann ich mir einfach nicht leisten. Die Kneipenpreise sind zu hoch.
Das hört sich nun alles so an, als wollte ich bitter klagen und über mein Los lamentieren. Na ja, da ist ja auch was dran. Viele sagen bei so einer Gelegenheit: Denk doch mal daran, daß es sehr vielen erheblich schlechter geht als dir. Ich denke daran. Und ich denke, wenn es mir schon schlecht geht, wie müssen die in der Scheiße sitzen. Ich denke daran, aber es nützt mir nichts. Judith und Heinz zum Beispiel, mit denen ich im Wedding fünf Jahre lang nachbarschaftlich beieinander wohnte, Judith und Heinz geht es objektiv schlechter als mir. Heinz ist Frührentner, Alkoholiker und hat einen Buckel. Seit er Frührentner ist, kann er sich die nötige Menge Alkohol nicht mehr leisten, zumal Judith die Kasse verwaltet. Judith hat ein schweres Hüftleiden, ist zahnlos, schimpft aber trotzdem den ganzen Tag lang über alles, hauptsächlich über Heinz.
Wenn ich gelegentlich die Linie acht benutze, bekomme ich am Bahnhof Gesundbrunnen, meinem alten Bahnhof, immer ein sehr ungutes Gefühl. Ich stelle mir vor, Heinz steigt in meinen Waggon ein, erkennt mich, und ich bin gezwungen, ein verkrampft heiteres Gespräch über Norbert Blüm mit ihm zu führen. immerhin: vor den Anzüglichkeiten Judiths bin ich gewappnet. Judith würde die Treppen nicht hinunterkommen. Eventuell sind die beiden auch inzwischen gestorben. Das wäre wahrscheinlich das Beste. Ich möchte mein Leben in der Spanheimstraße als abgeschlossen betrachten.
Davon mal abgesehen: Kann man überhaupt sicher sein, daß es nicht doch mir schlechter geht? Alles das, was Heinz´ und Judiths Leben bestimmt, habe ich möglicherweise noch vor mir. Judith schimpft und hat sichtlich Freude daran. Ich schimpfe nicht und bekomme deshalb bald ein Magengeschwür. Vielleicht wird mein Gnubbel, wenn er es in der Wange nicht schafft, es im Magen versuchen. Scheiße, ist mir schlecht. Aber das ist auch mein gutes Recht.