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Horst Evers: Der Tag, an dem meine schlimmste Angst wahr wurde

Freitagabend, 9 Uhr, bin schon seit 10 Uhr morgens wach, liege aber immer noch im Bett und denke nach. Mag es, wenn der Tag nich so holterdipolter beginnt, wenn man erst mal noch ein bißchen im Bett liegen bleiben kann und nachdenken. Jetzt muß ich aber schnell raus, noch einen Brief zum Nachtbriefkasten bringen, damit der morgen schön pünktlich da is. Denke: Termine, Termine, Termine. 9.05 Uhr. Komme vom Nachtbriefkasten wieder nach Hause. Endlich Feierabend. Den hab ich mir aber auch verdient. Guter Tag gewesen. Sinke erschöpft vor Fernseher. Schön bißchen ausspannen. Drücke Fernsehanlasserknopf. Nix passiert. Drücke nochmal, nochmal, nochmal. Nix. Fernseher is kaputt. Denke: Werde später über diesen Tag sagen: »Das war der Tag, an dem meine schlimmste Angst wahr wurde.«

Drehe Fernseher um. Sehe in Rückwand eingestanzten Hinweis: Warnung, Rückwand darf nur von Fachmann entfernt werden. Denke: »Pah«. Hole Schraubenzieher. Zerkratze damit Warnung auf der Rückseite, um wenigstens hinterher ne gute Ausrede zu haben. Baue Rückseite ab, habe schließlich als Kind sogar schon mal einen Wecker repariert. Sehe zum erstenmal das Innere meines Fernsehers. Staune nicht schlecht. Werde auf einmal unheimlich stolz auf die Menschheit, was wir Menschen doch für tolle und komplizierte Sachen bauen können. Einfach so. Die Menschheit, die kann was. Tiere könnten sowas nich. Nich mal Delphine, aber wir Menschen, wir können das. Suche nach irgendwas, was mir vom Wecker her vertraut vorkommt. Finde nix. Pech. Hole Schaltplan. Falte Schaltplan auseinander. Betrachte Schaltplan. Vergleiche Schaltplan mit dem Inneren meines Fernsehers. Komme zu dem Schluß, daß das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Falte Schaltplan wieder zusammen.

Drehe ein bißchen an der Schraube, die mir am ungefährlichsten vorkommt. Denke: Vielleicht war´s das ja schon, vielleicht hab ich ihn ja schon repariert, traue mich aber nich, Stecker reinzustecken und zu testen. Baue alles wieder zusammen und rufe Fachmann an. Wähle eine Anfahrt und Kostenvoranschlag 5 Mark-Nummer. Kriege gesagt: »Fachmann kommt sofort!« Weiß, daß diese Dienste sehr teuer sind. Will deshalb mithelfen. Schreibe auf einen Zettel kaputt!!! und hefte ihn an den Fernseher, damit Fachmann sofort sieht, was Sache is und keine Zeit verliert. Räume dann noch schnell auf. Bin so erzogen. Fachmann kommt. Mault sofort rum, es sei ihm zu unordentlich und schmuddelig bei mir. Ich sollte mal aufräumen. Der Kerl war wahrscheinlich vor seiner Zeit als Fernsehmechaniker-Notdienst unterwegs als Mutternotdienst. So einen Dienst würd ich auch gern mal anrufen: »Hallo, hallo, ich wohne allein und verwahrlose zusehends, bitte schicken sie mir sofort eine Notfallmutter.« Er fragt, ob er rauchen darf. Sage ja. Er zündet sich eine Zigarette an und ascht in seine Hosentasche, weil ihm meine Aschenbecher zu schmuddelig sind. Er fragt: »Warn Se da selber schon dran?«

Sage: »Nööööö, nönööö, nö.«

»Natürlich warn Se da selber schon dran, dit seh ich doch.«

Denke: »Auha.« Sage: »Möönsch, wenn Se das sowieso schon wissen, wieso fragen Se denn noch so blöde.«

Ab jetzt hält er mich für bescheuert. »Dit is ja eigentlich verboten, ne.«

Will sagen: »Ich weiß, aber die Warnung auf der Rückwand war zerkratzt«; sage aber: »Ich weiß, aber ich habe Stimmen aus dem Inneren gehört und wollte gucken, ob jemand in Gefahr ist.«

Ab jetzt hält er mich für gefährlich, und das ist gut so. Von nun an is er still, repariert zügig den Fernseher und drückt sogar seine Zigarette in meinem Aschenbecher aus. Er zückt Rechnungsblock, ich starre ihn mit wirren Augen an und sage: »Na, hoffentlich is das nu nich so teuer.«

Er steckt den Rechnungsblock wieder ein, murmelt was von millionstem Kunden und verläßt fluchtartig die Wohnung. Bleibe mit schlechtem Gewissen zurück. Werde irgendwie das Gefühl nicht los, daß er einen ganz falschen Eindruck von mir bekommen hat.

Zeichnung von Dorothee Mahnkopf

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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