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Jürgen Witte: Aussterbende Produkte (VI)

Heute: Das Teewägelchen

Genesis 1

Die phänomenologische Theorie

Zu einer Zeit, als die Möbel noch groß und schwer waren, im Biedermeier, in der Gründerzeit, damals, als Büfetts und Schränke gut und gerne die Ausmaße und auch das Gewicht eines Mittelklasseautos hatten, da war es schon ein großer Durchbruch, als eines Tages ein kleines Möbelwägelchen auftauchte, das man, aber vor allem frau, tatsächlich bewegen konnte. Mit dem zunehmenden Wohlstand des Bürgertums war das Mobiliar der wohlsituierten Haushalte zu einem Immobiliar geworden. Wie festgemauert standen diese riesigen Klötze in den Wohnungen herum, versperrten allen Platz, und nur Stühle und kleine Beistell- oder auch Teetischchen konnten von der Hausfrau oder ihrer Dienerschaft gelegentlich bewegt werden. Nachdem die übliche Biedermeierwohnung dermaßen zugewachsen war, daß selbst das kleinste zusätzliche Tischchen keinen festen Platz mehr fand, mußte ein bewegliches Möbel auf Rädern erfunden werden, da diese keinen eigenen, zusätzlichen Platz zu benötigen schien. Außerdem ist das Bewegen von Möbeln, gerade für Menschen deren Hausstand gleichzeitig auch ihr Lebenszentrum ist, ein Urinstinkt, dem Rechnung getragen werden muß. Das Rad war schon erfunden, das Teetischchen auch, also war es nur eine Frage der Zeit, bis man beide Erfindungen kombinierte. Der Teewagen erblickte das Licht der Welt und stand fürderhin im Weg herum. Aber war es wirklich so?

Genesis 2

Die kritisch-soziale Theorie unter besonderer Berücksichtigung der damaligen gesellschaftlichen Macht und Produktionsverhältnisse.

Zu einer Zeit, als das Geschirr immer größer und schwerer wurde, als es immer zahlreicher wurde, weil auch das Bürgertum begann, zu jedem Gang des Menüs einen extra Teller, zu jedem Getränk ein Extraglas zu benutzen, da litten immer mehr Domestiken am sogenannten Suppenterrinen-Vorfall. Wie wir heute wissen, handelte es sich dabei um ein relativ banales Bandscheibenleiden. Früher, bei Königs und Kaisers, da war kein Mangel an Bediensteten, da hatte jeder Domestik immer nur einen Teller, eine Schüssel aufzutragen. Aber das Bürgertum konnte sich so viele Angestellte nicht leisten. Das Tablett, das hauswirtschaftliche Äquivalent des Fließbandes, mußte die Lösung bringen. Bald waren Tabletts von ungeheueren Ausmaßen ins Eßzimmer, in den Wintergarten oder in den Salon zu schleppen. Immer weniger Mädchen vom Lande, obwohl sie gemeinhin aus bäuerlichem Umfeld stammten und an schwere Arbeit wahrlich gewohnt waren, konnten diese Herkules-Aufgabe verrichten.

Gusti, genauer Auguste Maria Tolzig, damals beim Herrn Geheimrat Kornberger in Hamburg in Diensten, verdanken wir 1837 die Erfindung des Teewagens. Ihre heimliche Liaison mit dem Fuhrknecht Fischer auf dem Landgut der Kornbergers im Wendischen brachte sie auf die Idee, ihr schweres Tablett mit großen Rädern auszustatten. Wie dem eher doch umständlichen Hochrad, so war auch diesem, einem Pferdefahrwerk abgeschauten Vorläufer des Teewagens nur eine kurze Blüte beschieden. Leider, wie so oft, hatten die Chinesen ein ähnliches, zierlicheres Teewägelchen schon an die tausend Jahre früher und viel besser erfunden. Und als das damals herauskam, da gerieten sowohl das unhandliche Ding als auch der Name von Auguste Maria Tolzig wieder in Vergessenheit.

Zeichnung von Dorothee Mahnkopf

Wie ging es weiter mit dem Teewägelchen? Solange das Bedienen dieses Geräts in den Händen von Domestiken lag, fand es eine weite Verbreitung. Ja, selbst kleinbürgerliche Ehefrauen ohne Hausangestellte benutzten seit Beginn dieses Jahrhunderts die vermeintlich praktische Erfindung. Die gebückte Haltung, die sie dabei einzunehmen hatten, illustriert das damalige Mann-Frau-Verhältnis aufs Treffendste. Wie unpraktisch ein Teewägelchen tatsächlich ist, kann nur ergründen, wer einmal versucht hat, einen solchen ordentlich beladenen Wagen unfallfrei über die Türschwellen seiner eigenen Altbauwohnung zu bugsieren.

Neubauten nach dem 2. Weltkrieg mit schwellenlosen ebenen Böden bescherten dem Teewagen abermals eine kurze Blüte. Der typische Bungalow der fünfziger Jahre, einstöckig, ebenerdig und mit ausladender Terrasse zum Garten, schien mithin der ideale Lebensraum für einen Teewagen, und tatsächlich setzte die Firma Leifheit noch einmal Hunderttausende ihrer, wie sie behauptete, noch praktischeren, weil zusammenklappbaren, Dinette-Servierwagen ab. Aber bald schon verstaubten auch diese Dinger in einer dunklen Ecke.

Andere Teewagen, weniger funktionale, zumeist eher rustikale, fristen heute ein kärgliches Leben als immobile Blumenbank vor dem Fenster, oder sie erhalten ihr Gnadenbrot als wackliges Beistelltischchen neben dem Sofa. Denn merke: Die Frau von heute geht zu Hause nicht mehr gebückt hinter einem Teewagen.

Allein der Angestellte der Deutschen Schlafwagen- und Speisewagen-Gesellschaft quält sich noch immer in dieser entwürdigenden Haltung mit seiner Mini-Bar durch die engen Gänge der Eisenbahnzüge. Aber wie teuer müssen wir dieses Schauspiel der Unterwerfung immer wieder bei ihm bezahlen?

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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