Gerd Normann: Ein lukratives Angebot
Um nicht mittellos dazustehen, arbeite ich von Zeit zu Zeit in einem Optikergeschäft. Vor kurzem verlangte ein Kunde, seine verkratzten Gläser wieder zu polieren. Ich behauptete mit ordentlichem Geschäftssinn, das hätte keinen Zweck, er solle sich lieber eine neue Brille kaufen. Zwei Tage später klingelte bei mir das Telefon, und er bot mir einen Job an. Als Manager. Ich war geschmeichelt und ein wenig erstaunt, wie leicht man heute an so hochkarätige Jobs drankommt. Doch was ich so alles managen sollte, wollte er nicht verraten. Es wurde ein Termin vereinbart, um mir meinen Aufgabenbereich vorzustellen.
Natürlich traf ich zum vereinbarten Zeitpunkt etwas zu spät ein, das wird in Managerkreisen gerne gesehen, dachte ich. Man traf sich in einer Charlottenburger Neubauwohnung. Ich, der ich eigentlich mit einem persönlichen Gespräch gerechnet hatte, war erstaunt, plötzlich so viele Menschen anzutreffen. Mindestens fünfzehn Leute tummelten sich in einer 50-Quadratmeterwohnung. Trotz dieser Enge waberte aufgesetzte Förmlichkeit durch die Luft und traf mich in Form einer Frau, die aussah, als stamme sie aus einem Scherenschnitt für Bankangestellte. Von außen sah man das Gesicht nicht, es schien unter mehreren ölig schimmernden Schichten von der Außenwelt abgeschirmt. Wahrscheinlich Sauerstoffallergie. Die äußere Schicht suggerierte Herzlichkeit, darunter lag ein wenig Schmerz, dann kam sowas ähnliches wie Ekel, in den tieferen Schichten schimmerten Mißgunst und Überheblichkeit; und von ganz hinten drängte sich glockenhell die Brunstdummheit nach vorne. Sie grabschte nach meinem Mantel und irgendwo aus ihr raus schepperte sowas wie, »der Service« sei bei ihnen »selbstverständlich!«
Mich überkam ein wenig Amüsement, und mein Mantel verschwand in den hinteren Räumlichkeiten. Ich erkannte den jungen Mann, der mich für managementtauglich hielt. Auch er gekleidet, als sei er gerade aus dem Katalog gestolpert. Er begrüßte mich wie einen Freund aus alten Tagen, als man noch das gleiche Deo benutzte. Sein momentaner Geruch rief in mir Bilder eines verheerenden Parfümerieunfalls hervor. Ich könne mir was zu trinken nehmen, dabei wies seine Hand großzügig auf ein Gedeck aus fünf Tüten Aldiorangensaftkonzentrat und einer Reihe ineinandergeschobener Plastikbecher. Meine Neugier auf diesen lukrativen Managerposten wuchs ins Unermeßliche.
Aus reiner Vorsicht beschloß ich, erstmal nicht zu reden. ich stellte mich in die Küche und beobachtete die anderen Anwesenden. Es waren mehrere Ex-Avonberaterinnen anwesend und ein Haufen übergewichtiger Schnauzbartträger, wahrscheinlich Ex-Bullen, die nicht mehr in den Streifenwagen paßten. Dazwischen wuselten ein paar ganz kecke Bürschchen im blauen Sakko herum. Sie strahlten eine gewisse Ruhe aus, so als würden sie sich in der Wohnung auskennen. Neben mir riß ein Blaubesakkter mit dünnem Seemannsbärtchen seine Kiefer auseinander, kramte blitzschnell eine kleine Sprayflasche hervor und nahm noch schnell einen Hieb FCKW ein. Das war sicherlich der Referent, sollte er etwa mit einer ungünstigen Rachenfauna geschlagen sein, oder war die Wohnung bloß sehr klein?
Mein Führungsoffizier mit dem Parfümunfall setzte ein Gespräch in Gang.
»So, Sie sind also auch im künstlerischen Bereich tätig?« Das hatte ich ihm natürlich auf die Nase gebunden. »Und was machen Sie da so? Meine Frau macht auch so kleine Bildchen, das ist unheimlich schwer. Manchmal ist sie ganz verzweifelt!«
»Ich schreibe gemeine und beleidigende Satiren und lese sie anderen Leuten vor!«
Das Gespräch war erloschen. Plötzlich erschien eine andere Dame auf dem Parkett. Sie sah aus wie eine Parkuhr und strömte genausoviel Ruhe aus. Sie freute sich unbändig, einen besonderen Gast vorstellen zu dürfen, und zwar den Herrn Schande. Er sei extra aus Wien angereist. Ich dachte: »Das steht doch in überhaupt keinem Verhältnis zum Orangensaftkonzentrat.« Und dann kam Herr Schande. Nein er kam nicht, er erschien. Charming boy Schande. Ganz Dr. Stefan Frank, der Arzt, dem die Frauen vertrauen. Auch im blauen Sakko mit einem Lächeln, das mit menschlicher Anatomie nicht mehr viel am Hut hat. Mit unheimlicher Sicherheit begrüßte er seine blauen Freunde, dann wand er sich großherzig dem erschienenen Volk zu. Durch meinen Führungsoffizier ließ er sich meinen Namen vorsagen.
»Ah, der Herr Normann. Und was machen Sie so, wenn ich fragen darf?«
Ich sage: »Und was machen Sie so, wenn ich fragen darf?«
»Nun seien Sie nicht so ungeduldig, Herr Normann.«
Im Umdrehen erstarb sein Lächeln, er schüttelte sich, und dann war es wieder da.
Und dann ging´s endlich los. Herr Schande bot uns 150.000 DM im Jahr an. Und, falls man aufhört zu arbeiten, ein lebenslanges Dauereinkommen. Kein Kapitaleinsatz, kein Risiko. Und dann kam das Zauberwort: Network-Marketing! Das funktioniert ganz einfach. Man schaltet den Groß- und Einzelhandel aus und kauft direkt beim Hersteller. Ich denk so bei mir: »Ich will doch gar nichts kaufen.« Die anderen Neumanager starren gebannt auf ihre mitgebrachten Schreibunterlagen und dokumentieren die Zahl 150.000 für die Nachwelt. immer schön mitschreiben, man weiß ja nie, wofür man´s mal gebrauchen kann. Auch als Herr Schande dazu auffordert, im Bekanntenkreis andere Kaufwillige aufzutun, merken die Manager nicht, worum´s eigentlich geht. Sie starren gebannt auf die 150.000 DM, die Herr Schande auf eine mitgebrachte Tafel gemalt hat.
Dann stellt uns Herr Schande den Herrn Dombrowski vor. Der hüstelt erstmal, er hat das FCKW von eben noch nicht verdaut, und soll dann, laut Herrn Schande, einen witzigen Vortrag halten. Der Witz, der von ihm ausgeht, beschränkt sich auf sein Aussehen.
Er erklärt, daß ein Networkmitglied, das 100 Punkte erreicht, eine Ersparnis von 30% erwirtschaftet hat. Wobei ein Punktwert genau 2,20 DM entspricht. Das rechnet er bis 10.000 Punkte hoch und verweist auf eine wahnsinnige Ersparnis von Prozenten und Punktwerten. Die Manager nicken begeistert. Ich fasse den Entschluß, unser deutsches Schulsystem als gescheitert zu betrachten. Soll ich sie warnen? Doch bei einem zu erwartenden Verdienst von 150.000 DM weiß ich nicht, ob der aufgeputschte Rinderwahnsinn mich lebend aus diesem Zimmer rausläßt.
Zum Abschluß des Vortrags sind Fragen nicht erwünscht, wer mehr Information haben will, der kann sich ein Informationspaket für 20.-DM leihen. Ein wildgewordener Kleintierzüchter krakeelt in den Raum: »Das ist ja besser als Rente!« Dann wird der Abend beschlossen, und alle Manager werden zum gemütlichen Plausch bei Orangensaftkonzentrat aufgefordert. Die Blaubesackten schwirren selbstzufrieden Richtung Küche ab.
Mein Führungsoffizier fragt mich, ob ich Interesse an diesem System hätte, doch ich befinde mich schon halb in meiner Jacke, die die aufgeschichtete Frau in eine der hinteren Ecken auf den Boden geworfen hatte.
Ich raune noch: »Vollkommen uninteressant!« Und verlasse den gastlichen Ort mit der Gewißheit, daß man von der Qualität des bevorzugten Apfelsinengetränks auf den Geisteszustand schließen kann.
