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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XIX

Was bisher geschah:

Victor Orloff, Privatdetektiv und Gummie-Allergiker, ist mit seiner Vertrauten Indiana Jane auf der Flucht vor der CIA, die ihn zwingen will, Ghaddafi umzulegen. Im Zuge einer Flugzeugentführung gelingt es ihnen zu entkommen. Sie landen in Somalia, wo sie von marodierenden Hutu ohne ersichtlichen Grund verfolgt werden. In einer wilden Jagd gelangen Victor und Jane nach Kenia, wo sie sich plötzlich einem Stamm von Massai gegenübersehen, die sie mit deutschem Gruß und den Worten »Leni, Leni« empfangen.

Folge XIX: Bommerlunder in Nairobi

von Andras von Guoterslohe aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt von Andreas Scheffler

Was hatte das nur zu bedeuten? Etwa dreißig Massai, mit jeder Menge Schmuck behangen, sonst aber vollkommen nackt, humpelten um uns herum und sangen rhythmisch »Leni, Leni«. Einige traten immer wieder aus ihrer Gruppe heraus und berührten Jane vorsichtig an den Haaren, stürzten aber sofort wieder in die Gemeinschaft zurück, als hätten sie sich etwas besonders Dreistes erlaubt, was ja im Grunde genommen auch der Wahrheit entsprach. »Leni« - was sollte das? Und vor allen Dingen: Wer hatte ihnen diesen unheilvollen Gruß beigebracht? Langsam wurde mir die ganze Geschichte zu dumm. Ich zog die 38er aus dem Schulterhalfter und feuerte zweimal in die Luft. Sofort herrschte Stille. Indy sah mich fragend an, die Massai wirkten erschüttert.

»Spricht hier jemand deutsch, englisch oder russisch?«, wandte ich mich unbeeindruckt an die dreißig Krieger.

Zunächst keine Reaktion, dann trat ein älterer Mann aus der Menge heraus, verbeugte sich vor Jane und wandte sich dann mir zu.

»Ihr mitkommen.« - Was blieb uns übrig? Wir folgten dem Kerl ins Dorf, die Horde stapfte hinterher. »Was geht hier vor?«, rannte Indy mir zu, ich konnte nur mit den Schultern zucken, doch da standen wir schon vor der Lösung unserer aktuellsten Frage: Im Zentrum der Behausungen unserer zwangsläufigen Gastgeber erhob sich eine Art Schrein. Auf eine ebene Fläche war mit Erdfarben das Portrait einer weißen Frau gemalt worden. Ich kannte das Gesicht: eine ältere, dürre Frau mit strengen, faltigen Gesichtszügen und weißblonden, zu einem Zopf gebundenen Haaren - Leni Riefenstahl.

Indy mit ihrer üppigen Figur, die doch so drahtig sein konnte, mit ihren wallenden blondgelockten Haaren und diesem zarten, sinnlichen Gesicht hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr. Aber sie war weiß, und das schien zu genügen, die Massai in Ehrfurcht zu versetzen. Ich sah, daß auch Jane die Zusammenhänge begriffen hatte, und wir wendeten uns wieder unseren Gastgebern zu. Sofort erhoben sie ihre Arme zum Gruß. Wir schauten so böse wie möglich, und ich langte wieder nach der 38er. Dann hob ich den rechten Arm auf die gleiche Weise wie sie und schlug mit dem linken brutal auf ihn ein.

»Nicht grüßen!«, rief ich dem alten Mann, der etwas deutsch verstand, aufgebracht zu. Er übersetzte es seinen Stammesgenossen, die erst verlegen grinsten und dann die Arme herunternahmen. Das war erstmal geschafft. »Könnt ihr uns einen Führer nach Nairobi zur Verfügung stellen?«, fragte ich. Auf der Stelle reckten sie wieder die Arme. »Führer - gut«, erklärte der Alte. Ich riß mich zusammen und machte ihm mühsam begreiflich, was wir wollten. Schließlich sicherte er uns zu, daß uns am nächsten Tag jemand führen würde.

Wir hätten uns liebend gern sofort aufs Ohr gehauen, aber wir mußten an einem Fest der Massai teilnehmen, schließlich fand es wegen uns, oder besser: zu Ehren Leni Riefenstahls statt. Die Massai tanzten die ganze Zeit über und riefen gelegentlich »Leni«. Mir egal. Irgendwann bekamen wir einen undefinierbaren Schnaps gereicht und ein ebensolches Tier zu essen. Nach drei Stunden führte uns ein alter Mann zu unserem Zelt. Er sprach ausgezeichnet englisch und erklärte, er werde uns am nächsten Tag nach Nairobi begleiten. Wir sollten ihn Daniel nennen.

Bevor ich einschlief, dachte ich noch einige Minuten über die CIA nach. Ob sie unsere Spur verloren hatten? Bei den Brüdern konnte man nie sicher sein. Wer auf die Idee kam, mir einen Sprengsatz in den Körper zu implantieren, der war noch zu ganz anderen Dingen fähig. Andererseits hatte ich das mit der Bombe im Rücken auch schon in dem Film »Die Klapperschlange« gesehen. Scheiß drauf, jetzt war erstmal Pennen angesagt.

Wir schliefen nur wenige Stunden und machten uns kurz nach Sonnenaufgang auf die Socken. Der Jeep lief immer noch wie am Schnürchen. Für den Notfall hatten wir einen Ersatzkanister Sprit dabei. Daniel blieb, bis auf Anweisungen, wie wir zu fahren hatten, stumm. Mir war langweilig. Autokennzeichen-Raten lief hier nicht, also forderte ich Jane auf, mir zu sagen, was sie über Kenia wisse. Sie legte sofort los: »Kenia liegt an der Ostküste Afrikas. Fläche 582.646 Quadratkilometer, Einwohner 28,1 Millionen, von denen anderthalb Millionen in der Hauptstadt Nairobi leben; das sind 48,3 Einwohner pro Quadratkilometer. Das Autokennzeichen ist EAK.«

»Das genügt«, sagte ich, doch sie hatte gerade erst angefangen.

»Die Arbeitslosigkeit beträgt etwa 25 Prozent, die Inflation 12 Prozent; auf einen Arzt kommen hier 10150 Menschen.« Hätte ich bloß nicht gefragt. Jane ließ sich nicht stoppen. »Urbanisierung 25 Prozent, Alphabetisierung 69 Prozent. Kenia ist eine präsidiale Republik, Regierungschef und Staatsoberhaupt ist seit 1978 Daniel Arap Moi, geboren im September 1922.«

»1924.«

»Was?«, rief ich. Daniel hatte etwas gesagt. Er beugte sich vor und wiederholte: »Daniel Arap Moi ist 1924 geboren.«

»Ah ja.«

Danach sagte keiner mehr etwas, bis wir nach einer endlosen Fahrt auf beschissenen Straßen in Nairobi ankamen. Daniel bat uns, ihn am Präsidentenpalast abzusetzen. Wir bedankten uns und setzten uns erstmal in eine Kneipe. Wir waren beide fix und fertig, aber als ich auf der Getränkekarte Bommerlunder entdeckte, war ich schon eine Runde munterer. Ich bestellte eine ganze Flasche, Indiana nahm einen Sechsämter. Die unruhige Fahrt war ihr auf den Magen geschlagen.

»Indy«, sagte ich, während ich mir meine vorletzte Karo anzündete, »die Sache wächst mir langsam über den Kopf. Und ich muß auch mal wieder nach der Anti-Aids-Pflanze gucken. Du brauchst nicht bei mir zu bleiben, wenn du nicht willst.« Jane schüttelte heftig den Kopf. »Diese Geschichte stehen wir beide zusammen durch. Danach können wir weiterreden.« Ich schluckte zuerst einen Kloß den Hals herunter und dann einen ganzen Becher Bommerlunder. Gerade wollte ich meine, tcha, Gefährtin in die Arme nehmen, da stürmten etwa ein Dutzend schwerbewaffnete Gestalten in die Kneipe. Sofort lagen wir unter dem Tisch und die 38er in meiner Rechten. Der Kugelhagel eines Maschinengewehrs ließ hinter dem Tresen nur noch Glassplitter zurück. Einer davon schoß dem dicken Wirt direkt ins linke Auge, und er rannte schreiend auf die Straße, bis eine erneute Maschinengewehrsalve seinen Ausflug beendete. Indiana hatte inzwischen ihren Derringer gezogen und setzte dem Schützen eine Kugel direkt in die Stirn. »Wir sind die Volksfront von Kenia!« schrie auf einmal einer der bewaffneten Heinis. Ich stürzte aus meiner Deckung, zielte kurz und machte ihn stumm. Im selben Augenblick spürte ich einen Gewehrkolben an meinem Hinterkopf und sah schwarz.

Ich erwachte mit einem schlimmen Schädel in einer düsteren Garage. Neben mir lag Indy, die ebenso wie ich gefesselt und geknebelt worden war. Vor uns hockte ein Volksfrontler. Als er merkte, daß wir zu uns kamen, beugte er sich vor und grummelte: »Ihr Geiseln, wir Volksfront. Independence, you understand?« - Mir war alles klar. Wir waren zu einem Pfand nationaler Interessen geworden. Gerade wollte ich mich verständlich machen, da gab es eine mächtige Explosion. Eine Wand der Garage schoß in den Raum, Indy, ich und der Hansel wurden an die Mauer geschleudert. Wieder wurde mir schwarz vor Augen.

Ich weiß nicht, wie lange ich weg war. Als ich erwachte, hatte ich ein starkes Gefühl von Déjà-vu, obwohl Jane und ich in einem luxuriösen Himmelbett lagen. Ein livrierter Neger beugte sich über uns. Als er bemerkte, daß wir blinzelten, verließ er auf der Stelle den Raum. Jane und ich untersuchten gerade, ob unsere Knochen noch an der richtigen Stelle saßen, da trat ein alter Mann, gefolgt von zwei Uniformierten in unser Schlafzimmer. Ich überlegte kurz, als es mir auch schon wie ein Tequila in den Kopf schoß: »Daniel!«, rief ich erfreut. Er blieb ernst. »Genau, ich bin Daniel Arap Moi. Wir haben Ihnen zufällig den Arsch retten können. jetzt muß ich Sie bitten zu verschwinden. Internationales Aufsehen können wir nicht gebrauchen, sonst ist hier bald alles voll blauer Helme.« Dem konnte ich folgen. »Sie haben eine Minute Zeit, sich zu überlegen, wohin Sie wollen. Andernfalls bleiben Sie hier drei Fuß unter der Erde.«

Eine Minute, verdammt wenig Zeit; wohin? Karlovy Vary? Castrop-Rauxel, Timbuktu, Gütersloh? Was ist meine Stadt, verdammt, my of town? - Chicago is. »Ich will nach Chicago«, sagte ich hektisch. »Okay«, antwortete der Präsident lakonisch, »ich werde das veranlassen lassen.« Drei Stunden später saßen wir im Flieger nonstop nach Chicago. Die Kanonen hatte man uns abgenommen, und wir waren auf direktem Weg in die Höhle des Löwen. Ich bestellte einen dreifachen Gin, lehnte mich an Janes Schulter und schaltete ab.

Fortsetzung folgt

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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