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Kurznachrichten: Schnipsel

U-Bahn-Bettler I+II

(Hans Duschke) Auf der Linie 6 gibt es einen, zu dessen Repertoire der folgende hingenuschelte Satz gehört: ›Ich würde mich freuen, wenn mich mal jemand beachten würde, und mich nicht alle immer ignorieren würden.‹ Was hiermit geschehen ist.

Nachts um halb 11 werd´ ich auf dem Hermannplatz angesprochen: »Tschuldigung, aber kannst du vielleicht mir ´n bißchen Kleingeld in Markstücke wechseln?« Ich tausche fünf Mark, nehme aber nur Groschen. Was man wohl so verdient als Bettler in der U-Bahn? Zwölf Auftritte pro Stunde á vier Mark. Da kann man ja Abends in seinen Mercedes umsteigen. Aber keiner sieht so aus.

Da ist Schmalstieg Bürgermeister

(Bov Bjerg) Es hilft alles nichts, wir fahren nach Hannover. Nun, manche Städte sind so. Kann ja nicht überall so dufte zugehn wie in Berlin. Zurück mit dem Schönes-Wochenende-Ticket. Wer kein Geld hat, muß Zeit haben. Der Nahverkehrszug nach Braunschweig ist gerammelt voll. Eine Formulierung, der die zahllosen kinderreichen Familien einen besonderen Beigeschmack verleihen. Man könnte den Zug auch als vollgerammelt bezeichnen. Doch die Eltern verhalten sich sehr vernünftig. Jeder zweite Satz, der durch den Zug donnert, heißt: »Schrei nicht so, du bist nicht allein hier!!!« Die Stadt Braunschweig genießt in Hannover übrigens kein allzugro-ßes Ansehen. Braunschweig, sagt der Hannoveraner, sei nämlich langweilig und gar nicht schön.

U-Bahn Kleistpark

(Hans Duschke) Auf der Treppe in die Tiefe sitzen zwei Frauen, zwei Freundinnen, unterwegs, die Stadt unsicher zu machen. Aber nein. die eine weint, unter Schluchzen erzählt sie ihre Geschichte: »...aber nein: und dann hat er mich in´n Pub mitgenommen, und dann sind wir zu ihm, und dann...« Sie weint hemmungslos, und die andere, sie streicht der fremden jungen Frau tröstend übers Haar und wiegt sie im Arm.

Und dann komm ich vorbei und total sensibel check ich die Lage sofort und überleg noch ›Geh ich achtlos vorbei?‹, nein, ich reiß mein Maul auf und sag´: »Wo is´ der Kerl, das Schwein, ich schlag ihn zusammen!« - Und wie man´s macht isses verkehrt.

Gaby Dohm

(Andreas Scheffler) An eine Wand neben den Urinoirs in meiner Stammkneipe hat jemand vor etwa anderthalb Jahren geschrieben: ›Gaby Dohm hat zwei Bausparverträge. Einen verkauft sie am 25. 7. 95 auf dem Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte.‹ Nichts in meinem ganzen Leben habe ich so oft gelesen wie diese zwei Sätze. Aber was soll das?, ist doch Blödsinn. Trotzdem habe ich das dumme Gefühl, etwas verpaßt zu haben.

Junk Food

(Jürgen Witte) Es ist einer dieser grau-schwarzen Riesenvögel aus dem nahen Steglitzer Stadtpark, den ich jetzt immer öfter von meinem Fenster aus um den Abfallkorb gegenüber herumscharwänzeln sehe. Und wenn der Müll mal wieder bis oben hin sichtbar herausquillt, dann wird der Vogel unvorsichtig dreist. Egal ob ein Passant auf den Bank nebenan sitzt oder nicht. Er setzt sich auf den Abfallkorb und reißt mit seinem langen spitzen Schnabel aus der Tonne heraus, was er erwischen kann. Dann inspiziert er auf dem Rasen, was daran wohl essbar wäre. Er schüttelt Zerknülltes geduldig auseinander, er kriecht sogar in Plastiktüten. Diese Mülltonne birgt ganz besondere Schätze. Diese Bank ist die erste öffentliche Sitzgelegenheit nach Krasselts Imbiss. Hat er endlich eine ketchupverschmierte Pommesschale herausgefischt, so würde er am liebsten mit ihr davonfliegen. Aber die Pappe im Schnabel ist zu schwer. Er fällt immer wieder auf die Nase, und so muß er seine Beute auf dem Gehweg verzehren und manchmal gar fauchend gegen herumsträunen-de Hunde verteidigen. Krasselts Imbiss ist wirklich in ganz Steglitz berühmt für seinen selbstgemachten Ketchup.

Virtuelle Welten in Neukölln

(Gabi Schlaug) Punkt zwölf legt er seine Winnetou-Platte auf, volle Lautstärke, zündet sich eine Zigarette an und schaut von Freiheitsgefühlen durchdrungen auf seine Pferdefototapete.

Ausgrenzung und Sozialabbau

(Hans Duschke) Schlimm ist natürlich die Ausgrenzung. Aber was ist das?, wie funktioniert das? Ich will man ´n kleines Beispiel geben.

Im Zuge der Sparmaßnahmen des Senats wurden sie städtischen Schwimmbäder in eine landeseigene GmbH überführt, einige Schwimmbäder wurden geschlossen, bei den anderen die Preise kräftig erhöht. Für die Benutzung der öffentlichen Dusche sind jetzt vier statt zwei Mark zu zahlen. Seitdem - denn ich habe wenig Geld - dusch´ ich nicht mehr so häufig. Die Folge: Körpergeruch. Die Folge: Ausgrenzung. So funktioniert das.

Wirtschaftsförderungsmaßnahmen

(Jürgen Witte) In Frankreich gibt es zwar keinen TÜV, der alte, verkehrsuntüchtig gewordene Autos zwangsweise einem Schrotthändler überstellt, aber dennoch verschwinden nach und nach alle alten klapprigen Kaleschen von Frankreichs Straßen. Ist in Frankreich plötzlich der allgemeine Wohlstand ausgebrochen?

Ich habe eine andere Theorie. Pure Not treibt die Autobesitzer zum ständigen Neukauf. Eine, zunächst wohl unbeabsichtigte Folge der Einführung von Autobahnvignetten. Seit man alljährlich einen farbigen Aufkleber an die Windschutzscheibe pappen muß, der zur Benutzung von Schnellstraßen berechtigt, wachsen die Windschutzscheiben französischer Autos mit diesen Aufklebern stetig zu. Nach zehn Jahren ist die Sicht schon dermaßen eingeschränkt, daß man sich alsbald eine teure neue Scheibe, oder doch gleich ein neues Auto zulegen muß. Besonders schwer haben es Menschen im französisch-schweizerischen Grenzgebiet, die alljährlich zwei Vignetten benötigen. An einem auffällig alten Wagen in Stein am Rhein habe ich schon mal achtzehn Vignetten gezählt. Das sieht irgendwie sehr schäbig aus.

Lohn der Angst

(Jürgen Witte) Eine krisenhafte Zuspitzung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage läßt sich vielleicht an folgender Begebenheit an klarsten darstellen. Auf einer berliner Baustelle hat es sich zugetragen, daß ein italienischer Bauarbeiter damit drohte, sich von der Höhe des Baugerüstes zu stürzen, sollte sein Arbeitgeber nicht sofort den seit Monaten rückständigen Lohn für ihn selbst und seinen Sohn ausbezahlen. Polizei und Feuerwehr rückten an, das aus Funk und Fernsehen bekannte Selbstmordszenario schien seinen gewohnten Verlauf zu nehmen. Dann die doch Erlösung. Die Kurzmeldung in den Zeitungen teilte lakonisch mit, dem Mann sei ein Scheck überreicht worden.

Stückchen Lebenshilfe

(Bov Bjerg) Leipzig lag gerade hinter uns, der erste Schneesturm auch. Hoffentlich würden wir bei diesem Nebel heil nach Berlin kommen. Da sagte Ralf, Lenkrad in der einen, Bratwurst in der andern Hand: »Wenn ihr jetzt links rausguckt, dann könntet ihr, wenn das Wetter schöner wäre, den Petersberg sehen, den Hausberg von Halle. Der Petersberg ist auf diesem Breitengrad die höchste Erhebung bis zum Ural.«

Die höchste Erhebung! Bis zum Ural! Auf diesem Breitengrad! Wenn kein Nebel wäre. Da war es wieder: Das Gefühl, daß mir soeben einmal mehr ein kleiner Bröckel an sich ganz und gar unnützen Wissens behilflich war, in einem weiteren Teil dieser rätselhaften Welt, die uns umgibt, mich ein bißchen heimisch zu fühlen.

»Wenn man Gneisenaustraße in die U-Bahn steigt«, begann Horst, den Austausch an sich ganz und gar unnützer Wissensbröckel ins Alltagspraktische erweiternd, »und man will Hermannplatz umsteigen auf die Acht, dann steigt man am besten in diejenige Tür der U-Bahn, die am nächsten beim Abfertigerhäuschen ist.« Er würgte einen Bulettenbiß runter. »Man steigt Hermannplatz wieder aus und steht direkt vor der Treppe zur Linie acht.«

Ich brauchte ein bißchen, um mich wieder zu fangen, doch dann hub ich an: »Paprika, wenn ich ihn dünsten will, schneide ich nicht in Kringel, sondern vom Stiel bis zur Spitze in Streifen. Überhaupt sollte man jegliches Gemüse, das man erhitzen will, parallel zur Faserrichtung schneiden. So behält es seine Farbe und Konsistenz, und es wird weder grau noch matschig.«

Voll dabei

(Gabi Schlaug) Zur Love Parade ging ich in den orthopädischen Schuhen meiner verstorbenen Großmutter und war Königin für einen Tag.

Mit der Behinderung leben

(Jürgen Witte)

»Ich hab gehört, du bis jetzt Dejay.«

»J..J..Ja, ich leg P..P..Platten auf.«

»Geil, und was für Musik?«

»T..T..T..T..Tek..›

»Ach so, Techno.«

»..u..u..u..und Hip Hop.«

Ich gebe es zu, hätte ich mir diesen Dialog einfach so aus den Fingern gesogen, ich müßte mich dafür schämen. Aber als ich tatsächlich eines Tages einen stotternden Techno-Deejay kennengelernt habe...

Am Vatertag am Tresen

(Jürgen Witte) Drei ältere Herren, flotte Mittfünfziger, zwei davon mit gezwirbeltem Oberlippenbart unterhalten sich etwas sprunghaft.

»Ich will´s mal so sagen: Die Frauen kommen ja viel schneller als Männer ... wenn der Mann sich unter Kontrolle hat.«

»Ja, der Mann muß sich unter Kontrolle haben!«

»Eine Frau, die kann ja unendlich...«

»Das wichtigste beim Sex ist die Körpertemperatur. Ich sag euch, alles eine Frage der Körpertemperatur. Das heizt sich da so auf. Also nehmen wir mal die Asiatin zum Beispiel...«

Da kann man ja eine europäische Frau überhaupt nicht mit ver...gleichen!«

»Wo wir gerade von Asiatinnen reden, also in Asien hat die Frau ja nüscht zu bestellen. Die steht dort ja voll unter dem Pantoffel vom Mann.«

»Voll!«

Nein

(Andreas Scheffler) Es ist Sommer. Ich lehne im geöffneten Küchenfenster und rauche. Mit einem Mal schallt aus einer Wohnung im Nachbarhof eine Frauenstimme: »Ja!« - »Ja!« - »Ja!« Und immer so weiter. Ich zünde mir eine weitere Zigarette an, schenke mir ein Glas Sekt ein und lausche andächtig diesem beneidenswerten Orgasmus. Etwa fünf Minuten lang. »Ja!« - »Ja!« Und dann: »Auf Wiederhören.« - Was für ein Trugschluß! Die Dame hat offenbar soeben ein sehr einseitiges Telefongespräch geführt.

Blick nach vorn

(Jürgen Witte) Ein neu eröffneter Spielwarenladen, der dem Holzspielzeug ideologisch nahesteht, ziert sein Schaufenster mit einer Losung, die, so nehme ich an, in den einschlägigen Kreisen schon länger bekannt ist. Mir aber, begegnete dieser treffliche Sinnspruch, der uns Trost, Mahnung und Ermutigung zugleich sein soll, hier zum ersten Mal. Kindergeschrei ist Zukunftsmusik!

Ja, diese Zukunft ist es, die mich wirklich beunruhigt.

Studenten

(Bov Bjerg) Dem Studenten an sich sagt man ja allerhand nach. Zum Beispiel: Studenten sind aufsässig. Oder: Studenten hamm zwei linke Hände und von handwerklicher Arbeit, speziell von Werkstoffkunde keine Ahnung. Man kann sowas als Vorurteile bezeichnen, ich möchte aber mit dem Vorurteils-Theoretiker Duschke lieber von Hypothesen sprechen: Vorurteile sind die Hypothesen des kleinen Mannes. Nun wollten ein paar aufsässige Studenten Martin Luther nacheifern und ein paar Thesen oder Forderungen an die Tür des Roten Rathauses nageln. Nach einigen Ham-merschlägen war der Nagel krumm, und die Studenten mußten einsehen, daß die Tür des Roten Rathauses aus Schmiedeeisen ist. Damit dürfte die Hypothese Studenten hamm zwei linke Hände und von handwerklicher Arbeit, speziell von Werkstoffkunde keine Ahnung ausreichend empirische Bestätigung erfahren haben, sodaß die Studenten sie ab dem nächsten Semester in ihren Soziologie-Kursen pauken können.

Was machst du so? - Folge 3891.

(Bov Bjerg)

»Und du? Was machst du so?«

»Schreiber.«

»Du schreibst?«

»Und les vor.«

»Lesen und schreiben... Gut, wenn man das kann. Das is´ die halbe Miete.«

»Ungefähr.«

Hart an der Armutsgrenze

(Jürgen Witte) Matthias Beltz spielt auf dem kreuzberger Chamissoplatz. Er hat es schwer mit seinen fernsehkompatiblen Kalauern. Irgendwann sagt er einen Satz, der in seinen frankfurter Kreisen sicher öfter mal fällt. Er sagt mit kritischem Blick auf die deutsche Ost-Erweiterung:

»Mir persönlich liegt ja Frankreich auch viel näher als Polen!«

Keiner lacht. Der Kreuzberger erinnert sich plötzlich wehmütig an seine ehemaligen Besatzer. Wie gerne würde er sich auch wieder mal den ordentlichen westlichen Wohlstandsländern nahe fühlen.

Corporate Identity

(Jürgen Witte) Herbert ist Food-Designer bei einer namhaften Firma für Tiefkühl-Fertiggerichte, die sich auf die Belieferung gastronomischer Groß-Einheiten spezialisiert hat. Er hält das Fischstäbchen für eine der größten Erfindungen des 20. Jahrhunderts. Auch solche Menschen gibt es. Sie sind sehr selten. Man muß schon Glück haben, so einen mal zu treffen. Oder besser doch nicht.

Wege aus der Depression

(Falko Hennig) Gerade am Sonntag ist Berlin mittlerweile zu einem einzigen Stadtrundgang geworden.

Aber man kann auch aus der Not verstopfter Bürgersteige eine die Seele befreiende, lebensfrohe Tugend machen.

Mir macht es zum Beispiel in letzter Zeit immer mehr Spaß, beim Vorbeigehen an solch einer Gruppe, kurz stehenzubleiben, ein wenig zuzuhören, laut und vernehmlich zu sagen: »Aber, das stimmt doch gar nicht!«, und dann zügig, kopfschüttelnd weiterzugehen.

Sicher, nicht ganz nett, aber ich finde es tatsächlich jedesmal wieder lustig. Es bringt immer etwas Leben in die Gruppe, und ich hab für 5 Minuten gute Laune. Wenn man in Berlin die richtigen Ecken kennt, kann man sich so einen richtig schönen Tag machen.

Copyright: Salbader.-Redaktion
Mitwirkende: Hans Duschke, Bov Bjerg, Andreas Scheffler, Jürgen Witte, Gabi Schlaug, Falko Hennig

zuletzt verändert: 13.09.2006 22:21
erstellt von jero
Nummer 18
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Schnipsel
Jürgen Witte: Encyclopedia Teutonica Andreas Scheffler: Im Schoße des Krans Horst Evers: Zukunftsfragment 13 Bov Bjerg: Volkstrauertag Ahne: Ins Museum Hans Duschke: Zurück zur Natur Horst Evers: Der Käfer Funny van Dannen: Das Trauma Sarah Schmidt: Gott Hinark Husen: Alltagsphänomene Gabi Schlaug: Rosi Bov Bjerg: Rausgeben Andreas Scheffler: Baggern für Ralf Sönke Lars Neuwöhner: Ein bißchen Inge Michael Stein: Als ich ein Genie wurde A. Ballert und M. Maurenbrecher: Offenes Künstlergespräch Falko Hennig: Der erste Joint Gustav Bewer: Informationsgespräch Bov Bjerg: Safari, süß und ehrenvoll Hinark Husen: Mein Kiwi Horst Evers: Probleme unserer Zeit I Hans Duschke: Meine Gespräche mit der Jugend Jürgen Witte: Aussterbende Produkte VI Horst Evers: Probleme unserer Zeit II
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XX
Kavara Bistroj: Der Ausländer
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