Jürgen Witte: Encyclopedia Teutonica
Das aktuelle Lexikon zu Wirtschaft und Politik der 90er Jahre
![]()
Leistungsträger, der: Der Leistungsträger kommt in der
Wirtschaft vor, aber auch im Fußball. Während andere bestenfalls mal
eine Leistung bringen, kann der Leistungsträger mit seiner Leistung
alles Mögliche machen. Deshalb ist er so wichtig in unserer
Gesellschaft, die wir manchmal auch scherzhaft Leistungsgesellschaft
nennen.
![]()
Blauhelm, der: Der Blauhelm braucht vor allem ein Mandat, wenn
er das nicht hat, dann hat er auch keine Mission, sitzt zu Hause rum
und langweilt sich. Wenn der Blauhelm ein Deutscher ist und endlich
auch mal ein Mandat kriegt, dann bestellt Volker Rühe massig Kästen
Bier, die er seinen Jungs mitbringt, wenn er sie zum ersten Mal
auswärts besucht. Da macht dann so manch gefüllter Blauhelm die Runde.
Neben dem Durst braucht der Blauhelm aber auch einen Idealismus. Er muß
schon in Gefangenschaft geraten, um den maximalen Tagessatz von 180
Mark zu verdienen. In der freien Wirtschaft könnte er sich oftmals um
einiges besser stellen.
![]()
ABM, die: Abk. für: Arbeitsplätze (wie) bei Muttern. Aber
Vater Staat will nicht mehr dafür blechen.
![]()
Durchschnitts-Haushalt, der: Der Durchschnittshaushalt hat 2,2
Personen, und wenn sie mal alle zusammen zu Hause sind, dann müssen sie
sich um 1,4 Fernseher und 0,7 Videorecorder streiten. Das Ergebnis
dieses Streits wird immer am folgenden Tag als Einschaltquote
bekanntgegeben. Dazu hat jeder Durchschnittshaushalt noch knapp siebzig
Quadratmeter Wohnfläche und einen Warenkorb. Das alles geht ihm gehörig
an das verfügbare Einkommen. Seine Ersparnisse belaufen sich auf runde
100.000 Mark, aber er ist trotzdem noch nicht dazu gekommen, davon
seine 30.000 Mark Schulden zu bezahlen.
![]()
Drittstaaten, sichere: Rund um Deutschland liegen viele andere
schöne Länder. Da Deutschland aber ein sehr, sehr schönes Land ist,
nach dem erst mal ganz lange Nichts kommt, nennen wir Deutsche unsere
Nachbarn nicht liebe Zweitstaaten, sondern sichere Drittstaaten.
![]()
Besserwessi, der: Der Besserwessi kommt nur im Osten vor. Er
ist ein Dick ohne Doof, ein Pat ohne Patachon. Seit Jahren nun, ist er
schon auf der Suche nach dem Schlechterossi, aber da den Besserwessi
niemand wirklich lieb hat, bleibt er doch immer allein. Auch das ist
eine Tragödie.
![]()
Castor-Behälter, der: Der Castor-Behälter ist die
Hartschachtel, die crush-proof-box der Atomindustrie. Jeder Raucher
weiß aber, was von den Zigarettenpappschachteln zu halten ist, wenn er
sie mal versehentlich in eine enge Hosentasche gesteckt hat. Auch
handelsübliche Zigarettenschachteln überleben einen Sturz aus sieben
Metern Höhe relativ unbeschadet, aber niemand testet diesen
Castor-Behälter unter den extremen Bedingungen einer zu engen
Hosentasche. Da ist selbst den Herren von der Atomindustrie das
Strahlungsrisiko zu hoch.
![]()
Staatsakt, der: Beim Staatsakt, da muß eine Feierlichkeit
sein. Das ist wie bei einer Beerdigung. Wer nicht feiern kann, oder wer
keinen schwarzen Anzug hat, den lädt man zu einem Staatsakt besser
nicht ein. Gerne werden Blumengestecke und ein Orchester als würdig für
einen Rahmen herangezogen, und das Orchester spielt dann Brahms, weil
der noch immer am feierlichsten ist.
Am liebsten feiert der Deutsche mit dem Amerikaner, dem Engländer und dem Franzosen, weil die beim Brahms, wenn er gespielt wird, nicht mitsingen. 1995 war der Russe, der bekanntlich ja auch ganz schön feiern kann, mit eingeladen, weil die viere vor fünfzig Jahren eine Feier hatten, zu der der Deutsche nicht kommen konnte, weil es ihn damals gerade praktisch gar nicht gab. Deshalb mußte das Fest nochmal wiederholt werden.
![]()
Besserverdiener, der: Der Besserverdiener ist eine Figur der
Neunziger. Früher gab es nur den Durchschnittsverdiener und den
Spitzenverdiener. Seit aber Bundestagsabgeordnete, Rechtsanwälte und
Zahnärzte erfahren haben, was sich einige Top-Manager in der Wirtschaft
mitunter an Gehalt bewilligen, fühlen sie sich als bloße
Besserverdiener benachteiligt und gedemütigt. Die derzeitige Krise des
Kapitalismus ist vor allem eine Identitätskrise des Mittelstands.
(Siehe auch: FDP, sterbende)
![]()
Tourismus-Manager, der: Dieser Mann ist das Plastik nicht
wert, aus dem die Kreditkarten in seiner Tasche gestanzt wurden. Man
sieht ihn nicht, man hört ihn nicht und es gibt ihn doch. Selbst von
eingefleischten Reisenden hört man nichts Gutes über ihn, und die
jeweiligen Einheimischen verfluchen den Tag, an dem der
Tourismus-Manager vom Fremdenverkehrsamt eingestellt wurde.
Das ist alles nur die Schuld der Arbeitsämter, die jährlich tausende, im Grunde gutwilliger Menschen auf diesen Beruf umschulen.
![]()
Nicklichkeiten (vielleicht sogar: Nickeligkeiten), die:
Die Nicklichkeiten finden sich auf dem Fußballfeld und im Wortschatz
der Sport-Kommentatoren. Es handelt sich dabei um läßliche aber dennoch
tadelnswerte Sünden. Da die Nicklichkeit in keinem Fußball-Lehrbuch
erwähnt wird, stellt sie kein ordnungsgemäßes Foul dar. Pfiffe gibt es
also in diesem Falle nur von aufmerksamen Kommentatoren und nicht vom
Schiedsrichter. Zu Sepp Herbergers Zeiten war die Nicklichkeit noch
völlig unbekannt. (Siehe auch: Elf Freunde müßt ihr sein, Bern
1954).
![]()
Dollar-Schwäche, die: Die Dollar-Schwäche ist die
Herzinsuffizienz der internationalen Finanzmärkte. Immer wenn der
Dollar wieder einen Anfall hat, kümmern sich die internationalen
Notenbanken per Finanzspritzen und Kurspflege um den Dollar. Dabei sind
diese ganzen medizinischen Metaphern nur vorgeschoben, damit ein jeder
denkt, ein Notenbänker, das sei sowas Tolles wie ein Albert Schweizer
oder ein Klaus-Jürgen Wussow. Aber Notenbänker sind ausnahmslos
verweichlichte Stadtmenschen, und die täten sich ganz schön umgucken im
erbarmungslosen afrikanischen Buschland oder in der rauhen Bergwelt des
Hochschwarzwalds.
![]()
Befreiung, die: Da Deutschland einmal so groß war, daß es
selbst in der Niederlage noch gerne Größe zeigte, soll jetzt bloß
keiner kommen und glauben, er habe uns befreit. Soweit kommt´s noch.
Wir haben den Krieg in den Sand gesetzt, und das nicht zu knapp. Das
Oberkommando der Wehrmacht meldete am 8. Mai 1945, der heroische Kampf
sei zwar verloren, aber erst zukünftige Generationen werden darüber ein
Urteil zu sprechen haben. Damit waren auch wir gemeint.
![]()
Arbeitsplatzabwanderung, die: Die Arbeitsplätze waren im Lauf
der Geschichte immer wieder Opfer von Unterdrückung und Ausbeutung. Mit
dem Gatt-Abkommen erlangten die Arbeitsplätze endlich völlige Reise-
und Niederlassungsfreiheit. Da ist es kein Wunder, daß sie gerade dort
weggehen, wo es bisher viele davon gab. Die Wirtschaft verspricht sich
allgemein Fortschritt und Wohlstand von diesen herumvagabundierenden
Arbeitsplätzen.
Im Idealfall, so heißt es, wird der Arbeiter zukünftig nicht mehr zum Arbeitsplatz kommen müssen, weil der Arbeitsplatz immer zu ihm kommt. Wie gesagt, im Idealfall. (vgl. dazu: Kommunismus, im verwirklichten)
![]()
Börsianer, der: Der Börsianer wird gerne mit dem
nordamerikanischen Indianer verglichen, er ist sowas wie der
Eingeborene des Kapitalismus. Obwohl er mitten unter uns lebt, und auch
einen Dialekt unserer Sprache spricht, bleibt seine Kultur den meisten
von uns verschlossen. Zahlenmystik, Rabulistik und Tabellenkalkulation,
da der Börsianer mit seinem Geschwätz allen auf die Nerven geht, kettet
man ihn an einen Computer und zahlt ihm hohe Gehälter, um ihn von der
Straße und aus den Kneipen fernzuhalten.
Die Erfindung des transportablen Taschentelefons ist Teil einer geheimen Verschwörung der Börsianer zur Beherrschung der Welt.
![]()
Steuerbürger, der: Der Steuerbürger ist längst am Rande seiner
Belastbarkeit angekommen. Wo Normalsterbliche ein Schuh drückt, da
drückt den Steuerbürger die Steuerschraube, besonders wenn daran
gedreht wird. Natürlich hat er eine Geduld, welche aber überstrapaziert
ist, weil ihm die öffentliche Hand ständig in seine Taschen greift.
In sogenannten Steuersoasen, die meist als Inseln im Meer, oder als Monaco am Strand liegen, erholt sich der Steuerbürger, falls er sich das leisten kann. Mancher Steuerflüchtling bleibt eine ganze Ewigkeit dort, deshalb spricht man dann von einem Steuerparadies.
![]()
Billigflagge, die: Die Billigflagge ist das Leichentuch des
christlichen Seemanns. Es braucht schon mehr als Gottvertrauen, wenn
man auf einem Seelenverkäufer anheuert, der unter der Fahne eines
dieser Briefkastenländer aus der Karibik fährt. Aber, daß das so endet,
war eigentlich abzusehen. Hans Albers hatte schon früher immer so
Tränen in den Augen.
![]()
Abricot: Abricot ist eine Farbe aus der Modewelt, genauso wie
Sand, Lachs (neuerdings auch Hummer) oder Marine. Man bemüht sich als
Modemacher gerne um plastische Farb-Bezeichnungen, die der gemeine
Mensch dann aber doch wieder als Pissgelb, Kackbraun oder
Schweinebauchrosa erkennt. Trotz Claudia Schiffer und Karl Lagerfeld
sind solcher Art modische Tollheiten dem deutschen Wesen allzeit fremd
geblieben.
![]()
Hotelfach, das: Das Hotelfach kommt in der Berufsberatung vor.
Vor allem bei Frauen, wenn diese trotz ihres gepflegten Äusseren
partout ein Abitur machen und nicht Frisöse werden wollen. Daß das im
Hotelfach, wie in allen verwandten Berufen des Gastgewerbes, beileibe
kein Zuckerschlecken ist, und daß ein dezentes zweiteiliges Kostüm
allein noch keine Hotelfachfrau macht, das lernen die jungen Damen
oftmals erst im harten Berufsalltag, der, auch wenn man beharrlich
gerne mit Menschen zu tun hat, wie schon gesagt, wahrlich kein
Zuckerschlecken ist.
![]()
Aufschwung, der: Der Aufschwung ist da! Es geht nur darum ihn
sozialverträglich zu gestalten. Daß er nicht voll auf den Arbeitsmarkt
durchschlägt, zeigt doch schon, daß es diesmal ein ganz ein lieber
Aufschwung ist, der nun wirklich nichts Böses im Schilde führt.
![]()
Social Sponsoring, das: Wenn mein Hausmeister seine Stütze von
Schering erhielte, und nicht mehr im Sozialamt dafür anstehen müßte,
dann wüßte er endlich, wo die Kohle erwirtschaftet wird, die er jeden
Monat verjubelt. Von Dankesbekundungen und Blumenspenden am Hauptportal
der Konzernzentrale in der weddinger Müllerstraße bitten wir aber
dennoch abzusehen.
![]()
Datenautobahn, die: Die Datenautobahn befindet sich derzeit
vor allem in den Köpfen unserer Politiker. Das ist auch gut so, denn
dort liegt sie niemandem im Weg und der Landschaftsverbrauch bleibt
gleich Null. Ob sie eines Tages die LKWs von unseren Straßen verdrängt,
kann man noch nicht genau sagen, denn diese Autobahn befindet sich
quasi im virtuellen Raum. (Derzeit das Hi-Tech-Freak Reiseziel Nr. 1)
Wer sich gerne in künstlichen Räumen bewegt, weil er dort viel besser
mit sich klarkommt, der merkt bald, daß virtuelles Reisen trotzdem
echte Gebühren bei der Telekom kostet.
![]()
Westerwelle, Guido, der: Neuer Hoffnungsträger der FDP.
Fordert mehr Verantwortungsstaat und weniger Versorgungsbürger. Oder
war das weniger Versorgungsstaat und mehr Verantwortungsbürger? Ist eh
egal. Möchte, daß der Staat sich zukünftig auf sein Kerngeschäft
beschränkt. Als da sind: Sonntagsreden, Friedensverträge,
Kriegserklärungen, etc. Träume vom Absterben des Staates im Endstadium
des weltweiten Liberalismus. (vgl. dazu: Kommunismus, im
verwirklichten)
