Horst Evers: Zukunftsfragment 13
Der Umzug
Im März 1996 beobachteten die Berliner fasziniert den 200 Meter weiten Transport eines kompletten Raumes, des Kaisersaals, vom alten Esplanade zum neu entstehenden Sony-Gebäude am Potsdamer Platz.
Angeregt durch dieses Schauspiel beschloß man anläßlich des Hauptstadtumzuges von Bonn nach Berlin mit den Regierungsgebäuden auf die gleiche Art und Weise zu verfahren.
Da man den Umzug nicht unnötig verzögern wollte, wählte man die Route über Hannover, was bedeutete, daß der Bundestag genau am 27. März 2138 in Berlin ankommen würde. Bei der Bestimmung dieses Ankunfttermins stützte man sich auf die Berechnungen eines gewissen Karl-Heinz aus der U-Bahnlinie 6 vom 2. März 1996.
Im September des gleichen Jahres schickte man den Bundestag von Bonn aus auf die Reise, die in einer Geschwindigkeit von ungefähr 10,42 Metern pro Tag vonstatten gehen würde. Hunderttausende von Menschen fanden sich am 21. September in Bonn zur Verabschiedung des Bundestages ein, der auch schon knapp sechs Monate später am Horizont verschwand. Die Stadt Bonn, die ein wenig nörgelig war, wegen des Riesenlochs, das zurückblieb, wurde durch den Palast der Republik entschädigt, der gleichzeitig in Berlin auf die Reise geschickt wurde.
Erste Irritationen ergaben sich anderthalb Jahre später durch den überraschenden Anschluß der Bundesrepublik Deutschland an das Königreich Dänemark (vergl. Fragment 2). Die erste Idee, den Bundestag einfach nach Kopenhagen umzuleiten, wurde von den Dänen abgelehnt, da Kopenhagen bereits genug Regierungsgebäude hatte. Außerdem war auf der A1 gerade Stau. Danach gab es Bestrebungen die überflüssig gewordene Regierung samt Bundestag einfach an einen anderen, bedürftigen Staat oder Großkonzern zu verkaufen. Allerdings hatte niemand Interesse an der alten deutschen Regierung. Außerdem hieß es, wenn man sich wirklich eine Regierung zulegen wolle, gäbe es genügend andere, billigere und auch bessere Regierungen, die man kaufen könnte.
Der Bundestag fuhr nun recht ziellos durch die Republik. Auch Versuche, ihn als fahrendes Hotel zu vermieten: "Sie gehen abends schlafen und wachen am nächsten Morgen 10 Meter weiter in einer ganz anderen Ecke Deutschlands wieder auf!" scheiterten verblüffenderweise. Erst als sich der Bundestag und der Palast der Republik an der Raststätte Garbsen begegneten, aufgrund ihrer rasenden Geschwindigkeit von 0,00024 km/h angeblich nicht mehr ausweichen konnten, ineinanderkrachten und in ihre Einzelteile zerfielen, war das Problem: Hauptstadtumzug vom Tisch.
Die Technik des Gebäudetransportes jedoch feierte auf der ganzen Welt Triumphe. Bald entstanden die ersten Hochgeschwindigkeitshäuser, die bis zu 250 Stundenkilometer schnell waren. Es entstand weiter der Formel-Haus-Zirkus, der in der ganzen Welt Gebäuderennen veranstaltete. Und in Dinslaken erbaute man die erste Seitenflügelrennstrecke für Seitenflügelwetten. Heute fahren täglich durchschnittlich 250000 Häuser in Groß-Dänemark kreuz und quer durch die Gegend, von denen durchschnittlich 17000 jedes Jahr ins Meer fallen, wodurch auch der alte Menschheitstraum von Städten unter dem Meer wahr wurde. Bis zum Jahr 2156 werden so viele Häuser im Meer liegen, daß man auf ihnen zu Fuß nach Großbritannien gehen kann. Die Zukunft ist also gar nicht so schlecht, wie man immer meint.
- endet hier
