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Bov Bjerg: Volkstrauertag

Die S-Bahnbogen-Buchbudiken sind zu, wg. Marktordnung, genauso der Touristen-Flohmarkt am Kupfergraben. Oder heißt das: Am ´Am Kupfergraben´?

In der U-Bahn haben sie es gelesen: Gedränge nur dem Dieb gefällt, drum Augen auf und Hand aufs Geld. Jetzt stehen sie da, die Berlinbesucher, etwas verloren und etwas verkrampft, Kauflust in den Pupillen, die eine Hand an der Videokamera, die andere an der Gesäßtasche. Sie würden gar nicht auffallen, wenn bloß Markt und Gedränge wäre. Ist aber nicht. Ich lasse meinen Kopf zwischen die Schultern sacken und erhebe verbittert die Stimme: "Tja, gibt nix zu kaufen hier, wa. Da sehnse mal, wie det früher so war bei uns inne Ostzone. Da war det ganze Jahr Volkstrauertag."

Gottseidank ist Hauptstadt, und wo Hauptstadt ist, gibt´s immer was zu sehen. Auf ´Unter den Linden´ ist die Straße gesperrt. Das ist doch schon mal was. Vor der Neuen Wache eine Tribüne, drumherum Polizisten und Gitter rot-weiß. Wer hinter die Absperrung will, braucht ein grünes Schild am Revers. Was da wohl draufsteht? Vielleicht ´Presse´. Oder einfach nur: ´Ich bin´s´. Kolossale Kränze liegen abwurfbereit. Aus ´Hinter der Katholischen Kirche´, dochdoch, so heißt das Gäßchen, ich hab´s selber gesehen, kommt ein dickes Auto gefahren, Johannes Rau entsteigt und begibt sich in den Trauerkäfig. Der Berliner, also ich, steht am Gitter. Eine ganze Weile. Ich hätte es ja gern gesehen, wenn alle geklatscht hätten, als Johannes Rau ausgestiegen ist. Nicht daß ich den Nordrhein-Westfälischen Ministerpräsidenten besonders toll finde (oder schlau; das würde sich reimen auf "Nordrhein-Westfälischer Ministerpräsident"), aber für die Stimmung wär´s ganz schön gewesen. Außerdem soll er ja vielleicht homosexuell sein. Und so viele homosexuelle Ministerpräsidenten haben wir nun auch nicht. Naja, einen vielleicht noch. Höchstens zwei.

Die Volkstrauerkälte von mindestens zwei Weltkriegen kriecht meine Beine hoch. Aber wo die Beine zuende sind, ist auch mit Kälte Schluß: Obenrum bin ich, von innen nach außen, verpackt wie folgt: T-Shirt, Sweat-Shirt XL, Sweat-Shirt XXL, Wollpullover XXXL, Dreimeterschal, vierfach gewickelt, Wollmantel. Da erstens der Wollmantel sowieso ein bißchen zu klein ist, und da ich zweitens vom Aufsgitterlehnen schon überall Muskeln bekommen habe, sehe ich wahrscheinlich aus wie eine große dunkelblaue Woll-Mettwurst kurz vorm Platzen.

"Zehn vor drei!", schreit einer. Meinen fragenden Blick beantwortet er so: "Zehn Minuten noch! Die sind doch nicht so blöd und bestellen die Presse auf acht nach drei oder sowas krummes." Der Berliner ist zurecht dafür bekannt, nicht auf den Kopf gefallen zu sein. Prompt tut sich was. Rechts geht Diepgen auf Startposition, daneben eine ältere Frau mit putzigen Puschen. Die berühmte trauernde Mutter. Nein, es ist Hanna Renate Laurien. Von links kommen jetzt Herzog, Rau und noch welche. Der eine, erfahre ich später aus dem Fernsehen, heißt Spranger und vertritt als Entwicklungshilfeminister den Bundeskanzler. Wer auf den mal ein Ei oder eine Bombe werfen will, der sollte sich vorher ein Paßfoto geben lassen, damit er ihn erkennt. Auf die Plätze! Trommelwirbel. Fertig! Links jetzt der Bund, rechts das Land. Wie beim Duell. Gleich werfen sie die Kränze aufeinander. Los! Bläser blasen Blasinstrumente. Bund und Land schreiten in die Gruft. Weg. Verschlungen. Es soll noch jemand was gesagt haben da drinnen, aber das war nicht für mich bestimmt.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 18
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Schnipsel
Jürgen Witte: Encyclopedia Teutonica Andreas Scheffler: Im Schoße des Krans Horst Evers: Zukunftsfragment 13 Bov Bjerg: Volkstrauertag Ahne: Ins Museum Hans Duschke: Zurück zur Natur Horst Evers: Der Käfer Funny van Dannen: Das Trauma Sarah Schmidt: Gott Hinark Husen: Alltagsphänomene Gabi Schlaug: Rosi Bov Bjerg: Rausgeben Andreas Scheffler: Baggern für Ralf Sönke Lars Neuwöhner: Ein bißchen Inge Michael Stein: Als ich ein Genie wurde A. Ballert und M. Maurenbrecher: Offenes Künstlergespräch Falko Hennig: Der erste Joint Gustav Bewer: Informationsgespräch Bov Bjerg: Safari, süß und ehrenvoll Hinark Husen: Mein Kiwi Horst Evers: Probleme unserer Zeit I Hans Duschke: Meine Gespräche mit der Jugend Jürgen Witte: Aussterbende Produkte VI Horst Evers: Probleme unserer Zeit II
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XX
Kavara Bistroj: Der Ausländer
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