Ahne: Ins Museum kann man auch wann andersmal hingehen
Der Gedanke kam mir bei dieser Geschichte, die Christian am Frühstückstisch erzählte. Dieser traurigen Geschichte aus seinem Kindergarten, wo eines Morgens plötzlich ein Wildschwein im Garten stand und begann, die Hollywoodschaukel aufzuessen. Und wie die Kinder dann alle zu Eiszapfen erstarrten, als Fleischermeister Krätzig aus der Umgebung das arme Tier mit einer Riesenflinte abschoß.
Da kam mir der Gedanke, man könnte doch wieder mal in den Tierpark gehen. Ich war als Kind mindestens dreimal die Woche dort und begann mir damals schon die lateinischen Namen der Tiere zu merken. Doch dann kam die Pubertät dazwischen. Kleine Pickel, große Furunkel. Die erste Freundin, die man im Traum hat. Da trat der Tierpark in den Hintergrund.
Jetzt wo die Pubertät hinter mir liegt, könnte man ja wieder mal ´n Versuch starten. Mal wieder ´n bißchen Abwechslung, Leben reinbringen, so mit lebenden Tieren und so, Büffel, Nashörner, Ratten, anstatt immer nur in schrägen Szenetempeln abzuhotten, sich total mit Drogen vollzustopfen oder exzentrische Orgien zu feiern. Gesagt, getan.
Tierpark Friedrichsfelde. Was mir als erstes auffiel, war die Zeitungsschlagzeile im Kurier, den die Kassiererin wohl gerade gelesen hatte. ´Manfred Krug ist abgehauen.´ Starkes Stück. Dieser Feigling. Zum zweitenmal. Dem kann man´s wohl nirgendwo rechtmachen. Würde mich nicht wundern wenn demnächst auch noch Nina Hagen, Bärbel Bohley und Wolf Biermann das Weite suchen.
Ich schaute mir die Kassiererin an. ´Die ist doch tot.´ Richtig, die Kassiererin war tot. Umgebracht worden von der Zigarettenmafia. ´Das geht ja gut los hier mit diesem Tierparkbesuch´, dachte ich bei mir. Ich also einfach rein zum Eingang, und prompt sind da auch schon Tiere. Büffel aus Amerika importiert. Das Fell schon ein bißchen lose herunterhängend, aber sonst sehn sie noch ganz manierlich aus. Sie sind zusammen mit Enten in einem kleinen Käfig untergebracht. Enten und Büffel verstehen sich sehr gut, besonders wenn es sonnig und warm ist und heute war es sonnig und warm. Langweilig diese Büffel. Die machen ja gar nichts. Schnell zu den Eisbären. Zwischen Büffelkäfig und Eisbärenaquarium muß ich über mehrere Leichen drübersteigen. Klar, die Zigarettenmafia. Da muß die Polizei endlich mal was tun, sonst sind die Straßen bald total mit Toten vollgestopft und man kommt gar nicht mehr durch. Die Eisbären schwimmen in ihrem kristallklaren Wasser herum und lecken dabei Boden und Wände mit ihren langen, fleischigen Zungen ordentlich sauber. Da macht es Spaß zuzusehen, nicht so wie gegenüber am Eisstand, wo gerade ein Vietnamese 10 seiner Landsleute brutal mit dem Dosenöffner absticht und ihnen danach noch die Mandeln wegoperiert, wegen der Trophäen.
Das ist in Mittelvietnam so üblich. Wir können uns das nicht vorstellen, aber das ist ja auch klar und eigentlich gut so. Es ist schon ziemlich spät. Ich muß mich beeilen, um noch den ganzen Tierpark anschauen zu können. Schnell renne ich an den riesigen Katzenfreigehegen vorbei, überquere die Maulwurfsinsel, links die Kakerlakentempel, rechts Stabheuschrecken, das ist nichts für mich, jedenfalls nicht heute. Doch da sind sie, am Ende des Tierparks, fast schon in einer anderen Welt aber gerade noch so in unserer Welt drin, also zwei Zentimeter hätten gefehlt, na jedenfalls, da sind sie. Kurz gesagt: Hühner. Hühner. Braunrote Hühner, die Eier legen können. Phantastisch! Es ist unglaublich. Sie waren schon immer meine Lieblingstiere, diese Hühner. Schön. Sie sitzen schön drin in ihrem eklatant hohen Metallschrank und durch kleine runde Löcher kann man sie beim Picken beobachten. Natürlich ohne Krach zu machen, das ist klar. Bei Hühnern ist das wichtig.
Ich machte keinen Krach, genausowenig wie der Südvietnamese hinter mir, der einen Schalldämpfer benutzte. Das fand ich gut. Ich kaufte Kaugummizigaretten bei ihm. Die waren hier billiger, weil ohne Steuermarke. Das ist zwar illegal, aber auch spannend, jeder kennt das, man kann eingesperrt werden oder auch massakriert, aber ich nicht, ich hatte was gespendet in die Kasse für kranke Hühner. Da hab ich das Leuchten in seinen Augen gesehen. Dieser Mann wird mich nicht abmurksen. Der findet mich symphatisch. Der ist auch Hühnerfan.
Plötzlich brach die Dunkelheit herein. Der Ausgang lag noch 6 km weit weg. Ich mußte mich sputen. Der Leichenräumdienst war schon fleißig bei der Arbeit. Ich verabschiedete mich von allen Figuren, die bei der Geschichte mitgemacht hatten und ging in mein Bett.
Schade, diese Geschichte hat keinen richtigen Höhepunkt und auch keine Lehre in sich drin. Aber schließlich gibt es schon genug Leere in unserer einsamen Welt, und ich kann nur sagen, Zigaretten sind schlimm für die Gesundheit, und dann bricht die Geschichte einfach weg.
