Horst Evers: Der Käfer
Ich mag den Frühling. Der Frühling ist die einzige Jahreszeit, in der ich meine prinzipielle, ganzjährige Schlappheit, Frühjahrsmüdigkeit nennen darf. Frühjahrsmüdigkeit ist wissenschaftlich bewiesen. Wer sich im Frühling frisch und fit fühlt, lebt mit der Natur nicht im Einklang. Jetzt in dieser Zeit sind wir Schlappen, Kaputten es, die richtig fühlen, normal, natürlich, also sozusagen gut drauf sind.
Ich saß also im Küchensessel und befand mich mit der Natur in Einklang, soll heißen, ich konzentrierte mich aufs Müdewerden. Plötzlich jedoch merkte ich, wie etwas meine Konzentration störte. Irgendwas raschelte da im Küchenregal. Zielsicher griff ich zur Kaffeedose und fiel nach vornüber. Es wäre besser gewesen, wenn du vorher noch einen Schritt Richtung Regal gemacht hättest, dachte ich, als ich mich am Kühlschrank wieder hochzog. Aber hinterher ist man immer schlauer.
Neben der Kaffeedose krabbelte ein kleiner hellbrauner Käfer herum und rollte ein noch viel kleineres Stück Brot vor sich her. Schlagartig verfiel ich völlig unabsichtlich in eine Art relativer Debilität, ganz ähnlich der, die frischgebackene Eltern in aller Regel befällt:
»Ooooh, kleiner Käfer, krabbelt da, ja krabbelt da, mmhmmmhmh, krabbel-krabbel-krabbel, och is das süß, ganz der Vater, rollt Brotkrümel, schläft, ißt und stirbt irgendwann, genau wie ich, jaaaa... «
Wahrscheinlich war ich einfach zu lange allein gewesen. Ich betrachtete den Käfer und meinte zu spüren, wie ich mich verwandelte. Mich fröstelte. Aber Gott sei Dank fiel mir noch ein, daß sich Geschichte nie wiederholt, auch Literaturgeschichte nicht.
Der Käfer hatte in der Zwischenzeit aus den Brotkrümeln ein eigenartiges Gebilde geformt. Ich drehte den Kopf und ja, da stand: >Hilfe!< in Brotkrümeln.
Erstaunlich. Der Käfer bemerkte mein Interesse und begann sofort weitere Wörter, ja einen ganzen Satz zu rollen. Es dauerte eine Weile, aber dann konnte ich deutlich lesen:
»Hallo, küß mich, ich bin eine verzauberte Fabrikantentochter. Wenn Du mich von Herzen liebst und küßt, werde ich vom Fluch meines neidischen Bruders erlöst, wir können heiraten und werden in unermeßlichem Reichtum leben.«
Ich war skeptisch. Was, wenn der Käfer mich anschwindelte und hinterm nächsten Salzstreuer seine Kumpel nur darauf warten würden, daß ich auf diesen miesen Trick hereinfallen würde. Ich würde zum Gespött des ganzen Ungeziefers meiner Küche werden. Aber andererseits, wenn er recht hat, wär schon schön. Ich beschloß ihn zu küssen, beugte mich herunter, verlor das Gleichgewicht, schlug mit der Stirn aufs Regalbrett, und dort, wo eben noch der muntere Käfer krabbelte, war nur noch ein etwas breiterer hellbrauner Fleck.
Erschrocken schaute ich hinter den Salzstreuer. Keine Kumpel, der Käfer hatte die Wahrheit gerollt. Pech.
Ich versuchte den braunen Brei wieder zusammenzuschieben und einen Käfer daraus zu modellieren. Aber sooft ich auch die kleinen Beinchen zurück in die unförmige Masse schob, sie wollten einfach nicht richtig halten. Auch nicht mit Uhu oder Gummibändern. Der Käfer war einfach nicht mehr der, als den ich ihn kennengelernt hatte. Er wirkte auf einmal so... träge, irgendwie matschig.
Tja, ich habe meine große Chance vertan. Deshalb mein Rat, an alle, die jetzt oder im nächsten Frühjahr wieder vermehrt Käfer und anderes Ungeziefer in ihrer Küche vorfinden: Erstmal alles küssen, man kann nie wissen! Und wenn denn nix is, kann man ja immer noch mit der Stirn draufschlagen.
- endet hier.