Sarah Schmidt: Gott
Mein Sohn muß geimpft werden, oder, wie der Berliner sagt, zur Ümpfung. Das ist kein Problem, ich muß nur den Arzt anrufen und einen Termin vereinbaren. Impfen ist nur Freitags, wird mir erklärt. Na gut, dann eben am Freitag. Diesen Tag verbringt Erik zwar bei seinem Opa in Hohenschönhausen, aber der wird das auch erledigen können. Ich muß nur anrufen und ihm Bescheid sagen. Anrufen ist auch einfach, weil ich von der Telekom ein Telefon gekauft hab, für 98,-
Da gibt es eine Taste, die heißt Kurzwahl, und wenn ich die drücke und noch eine Zahl dazu, dann wählt mein Telefon selbst die gespeicherte Nummer. Das ist so zeitsparend. Toll.
Armins Kurzwahl ist die 6, aber als eigentlich das Rufzeichen ertönen soll, bin ich mitten in einem Gespräch zwischen zwei Frauen drin. Eigentlich sollte ich jetzt sagen: »Oh Verzeihung, ich bin in ihr Gespräch gerutscht. Tut mir sehr leid, ich will nicht weiter stören und leg deshalb jetzt auf.« Mach ich aber nicht, ich lausch lieber.
»Heidi, hab ich schon erzählt, daß ich immer noch im Dunklen sitze? Seit 6 Stunden kein Strom mehr. Im ganzen Block.«
Die andere, das erfahr ich im Laufe des Gesprächs, heißt Gabi.
»Ja, aber nicht in der Poliklinik, wa, wegen die Notoperationen.«
Poliklinik, das heißt Heidi und Gabi sind ausm Osten. Sacht bei uns ja keiner, genausowenig wie z.B. Havarie.
Aber weiter im Gespräch:
»Doch in der Telefonzentrale ist auch alles zappenduster, aber bei der Dialyse?«
»Da haben sie Notstrom, sonst sterben ja alle.«
»Ja und im meinem Hausflur ist auch Licht, da kommt der Strom bestimmt von woanders.«
Dieses Gespräch geht noch eine Weile weiter, mir wirds langweilig, aber dann wird das Thema gewechselt. Jetzt gehts um Jungs.
»Was soll ich mit Mike machen? Rat mir mal was.«
»Du, ich würde einfach heute abend noch mal anrufen und fragen, was des sollte. Und dann meldste dich erst mal ´ne Woche nicht.«
»Na, ich hab aber schon seit Mittwoch nicht mehr angerufen.«
Oha, ganze 2 Tage, denk ich mir, die hats aber erwischt.
»Wenn de dem wichtig bist, wird er schon von sich hören lassen. Haste doch nicht nötig, dem hinterherzulaufen.«
»Na sag ich ja, weißte, vorhin meinte der, er hat die Bude voll und kann deshalb nicht reden.«
»Ist doch kein Grund, hätt er doch in die Küche oder den Flur gehen können.«
»Genau. Und der hat sich vollgekifft angehört.«
»Ist doch auch kein Grund.«
»Stimmt, na ich versuch es nachher, drück mir die Daumen. Heidi, wat anderes, hab´ ich dir erzählt, was die Gudrun sich für ne Schote erlaubt hat?«
»Nee, wat denn?«
»Du kennst doch die Fotos von mir, von meinem Geburtstag, wa. Zeigt die blöde Kuh die dem Mike und Horst.«
»Und, wat ham se gesagt?«
»Na der Horst sagt: ´Die hat ja gar keinen Schlüpfer an´. Mike war natürlich begeistert von mir.«
Ich kann mir sofort diesen Geburtstag vorstellen. 6-8 Leute in einer Ostneubauwohnung, wahrscheinlich Hohenschönhausen, zu trinken gibts Futschi und als das Geburtstagskind besoffen genug ist, zieht sie sich die Unterhose aus und lässt sich mit gespreizten Beinen auf dem Couchsessel fotografieren. Was für ein Spaß.
»Ja und dann vor die Kaufhalle, schnappen Mike, Horst und Gudrun sich die Fotos und da standen sone Ausländer rum, wa. Die hin und denen die Fotos gezeigt, wollten mich verkuppeln. Als wenn ich mit ´nem Ausländer ficken würde. Ich geh doch nicht mit ´nem Kanakenschwein ins Bett.«
»Alte Faschistensau«, flüster ich ins Telefon.
»Was? Wer war das denn?«
»Wie, wer war das, was ist denn los?«
»Na haste nicht gehört, da hat grad wer Faschistensau zu mir gesagt.«
»Ich hab nix gehört.«
Ah, sehr gut, nur Gabi kann mich hören.
»Gabi, pass gut auf, ich weiß alles über dich, du Rassistin und - wir kriegen dich.«
»Wer sind Sie denn?«
»Ich bin Gott«, sage ich.
Gabi wird unsicher
»Aber Gott ist doch ein Mann.«
»Na, du hörst doch, daß das eine Lüge ist«
»Was redeste da für einen Scheiß?«, mischt Heidi sich wieder ein.
»Leg schnell auf, ich hör hier so ´ne Stimme, die spricht mit mir.«
»Ist ja gut, na dann bis morgen«
Dann ist die Leitung tot. Ich stell mir vor, wie Gabi in ihrer dunklen Wohnung sitzt und Angst hat. Das ist ein gutes Gefühl. Morgen werd ich es wieder versuchen.
