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Hinark Husen: Alltagsphänomene

Eine beispielhafte Analyse

Struckturelle Vorbemerkung:

Ausgangsbasis meiner Beobachtung ist das Café Cralle im Wedding. Datum der folgenden Beobachtungen ist Dienstag, der 27. April 1996 in der Zeit von 18.30 bis 18.45 Uhr. Die Außentemperatur betrug zu diesem Zeitpunkt circa 27,3°C, also durchaus im akzeptablen Bereich, um sechs Weizenbiere zur Stärkung der Beobachtungsgabe im Außenbereich der Gaststätte zu sich zu nehmen, von wo aus man einen hervorragenden Aussichtspunkt auf die Straße hat. Zunächst die einzelnen Beobachtungen, im zweiten Teil ihre Einbettung in das soziale Umfeld sowie Ursachen und Folgen mit abschließender Kommentierung.

1. Ein Nachtfalter fliegt um eine noch nicht in Betrieb befindliche Straßenlaterne

Zur Analyse: Daß Nachtfalter in der Nacht auf Lichtquellen jeglicher Art zusteuern, ist ein alltäglich zu beobachtendes Phänomen. Was aber machen diese, zu unrecht als Motten verschrieenen Insekten im gleißenden Sonnenschein an einer noch nicht in Betrieb befindlichen Lichtquelle? Neugierig werfe ich einen Blick ins Lexikon und erfahre, daß meine Einteilung in Tag-und Nachtfalter längst überholt ist. In der internationalen Schmetterlingsforschung unterscheidet man nur noch die beiden Unterordnungen Homoneura und Heteroneura. Es gibt also normale und schwule Schmetterlinge. Der Fall liegt klar auf der Hand, bei dem von mir gesichteten Exemplar handelte es sich um ein Homoneura, das sich für eine geile Nacht schon mal den besten Platz an der Lampe gesichert hat, um dann bei Einbruch der Dunkelheit ordentlich mit seinen Artgenossen einen draufzumachen. Die zweibeinigen Warmblüter machen es im Sommer nicht anders. Auch dies ein völlig alltägliches Phänomen also.

2. Eine circa 25jährige Brillenträgerin setzt sich mit einem Rowohlt Taschenbuch, Titel: "Anders Reisen - Frankreich" zu mir an den Tisch. Sie bestellt einen Anisschnaps mit Wasser und beginnt alsbald zu lesen und sich gelegentlich eine Zigaretten zu drehen. Tabaksorte Drum, Papier Muskote 100, Feuerzeug Bic, schlicht weiß.

Zur Analyse: Zusammenhänge rechtzeitig erkennen zu können, gehört zu den vordringlichsten Eigenschaften eines Alltagsphänomenologen. Die junge Frau war also offensichtlich auf der Suche nach einem geeigneten Reisepartner für ihren bevorstehenden Frankreichurlaub. Alle Anzeichen deuteten darauf hin. Ihre Muskote-Blättchen sind wie alle anderen in einer grünen Umverpackung. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Ihre Feuerzeugfarbe zielte auf eine blütenreine Vergangenheit sowie die Hoffnung auf eine baldige, dauerhafte Bindung. Da sie während meiner Anwesenheit acht Zigaretten rauchte, wußte ich auch bald, daß sie die Reise im August anzutreten gewillt war. Und daß es in die Normandie gehen sollte, war durch ihre Schnapsbestellung schon von vornherein klargestellt. Meine folgende Bemerkung zu der Frau war also zwingend logisch: "Leider kann ich mit dir nicht im August in die Normandie, da ich weder Interesse an einer Beziehung habe und Frankreich mir viel zu teuer ist." Ihre ersichtliche Frustration kleidete sie in die etwas ungewöhnliche Formulierung "Fick dich ins Knie" und setzte sich an einen anderen Tisch.

3. Ein circa 12jähriger, schwarzhaariger Junge, südländischer Herkunft, nachlässig gekleidet, startet den Versuch, eine Schachtel Zigaretten an einem, meinem Tisch direkt benachbarten Automaten zu ziehen. Nach erfolgreicher Durchführung kontrolliert er den Geldrückgabeschacht und verabschiedet sich mit folgender, von mir mitstenografierter Äußerung: "Kost fünf Mark!"

Zur Analyse: Kinder neigen sehr häufig dazu, ihre Suchtproblem zu verheimlichen. Das mag breitgefächerte Ursachen haben. Nicht unterschätzen sollte man allerdings trotz einer inzwischen sehr liberalen Erziehungstendenz, daß Eltern es nicht sehr gerne sehen, wenn ihr Kind Alkohol, Tabak, Haschisch oder Heroin konsumiert.

Häufig wenden gerade Pubertierende die plumpesten Methoden an, ihre Sucht gegenüber der Öffentlichkeit zu verbergen. Ich habe sogar schon Kinder gesehen, die sich unschuldig dreinblickend eine Plastiktüte vor den Mund halten, als ob wir Erwachsenen nicht genau wüßten, daß sich darin ihr qualmender Glimmstengel verbirgt. In Anbetracht solch grotesker Täuschungsmanöver, darf das Verhalten des von mir beobachteten Jungen sogar noch filigran genannt werden.

4. Ein roter Golf älteren Baujahres mit der Aufschrift "Fahrschule" fährt innerhalb kurzer Zeit dreimal die Straße entlang und biegt jedesmal am Ende der Straße rechts ab. Während beim ersten Passieren des Cafés noch ein rothaariger Mann am Steuer saß und sich im Fond des Wagens eine weitere Person befand, fehlt der Rothaarige beim zweiten Mal.

Zur Analyse: Zweifelsohne war ich indirekter Augenzeuge eines Kapitalverbrechens geworden. So traurig uns das stimmen mag. Nicht nur in den kapitalistischen Kapitalen dieser Welt gehören Kapitalverbrechen leider zu den Alltagsphänomenen.

In einem geradezu archaischen Adrenalinrausch, verursacht durch eklatante Fahrfehler seines Schülers, erdrosselte der bis dato unbescholtene Fahrlehrer den jungen Mann und bugsierte ihn schnell und unbeobachtet in einen großen, für alle Fälle immer mitgeführten Koffer. Nach der Tat fuhr der zweite Schüler auf Geheiß des Fahrlehrers die Strecke noch zweimal ab. Wie wir alle wissen, kehrt der Täter immer wieder an den Tatort zurück. Der verbliebene Schüler war sichtlich bemüht, keine Fehler zu machen. Vorgestern war dann zwangsläufig in der Zeitung zu lesen, daß man in der Unterhavel eine Kofferleiche aus dem Wasser gezogen hat. Der rothaarige Mann sei aber ohne Fremdverschulden verstorben. Der Fahrlehrer mußte also eine ganz perfide Art der Erdrosselung erfunden haben. Ein absolutes Alltagsphänomen, daß Morde im Zeitalter rasch fortschreitender Technisierung immer raffinierter werden.

6. Ein circa 30jähriger Mann setzt sich an den Nachbartisch. Er hat fünf Bücher unter den Arm geklemmt, die sich alle mit der Schiffahrt beschäftigen.

Zur Analyse: Im August wird dieser junge Mann mit einer adretten Brillenträgerin Urlaub in der Normandie machen. Auf einem Krabbenkutter werden sie dann vom Kapitän getraut und zur Feier des Tages alle ein Yes-Tortie ins Meer werfen. Dies entdeckt die Wasserschutzpolizei und alle werden wegen schwerwiegender Meeresverschmutzung verhaftet. Dies wird den jungen Mann endgültig von seiner naiven Schwärmerei für die Schiffahrt befreien.

Abschliessende Kommentierung:

Ich möchte noch mal darauf hinweisen, daß sämtliche Beobachtungen in einem Zeitraum von einer viertel Stunde gemacht wurden. Kontaktunfähigkeit, Drogenmißbrauch, sexuelle Ausschweifungen, Mord und Umweltverschmutzung, Phänomene des Alltags in einer Großstadt, die jeder beobachten kann, wenn er sich nur die Zeit nimmt, allein in einem Straßencafé in 15 Minuten sechs Weizenbiere zu trinken. Natürlich wird es anfänglich ein wenig schwierig für den Laien, die Geschehnisse um ihn herum sofort in den richtigen Zusammenhängen zu erkennen.

Wenn Sie, beispielsweise, ein gemischtkontinentales Pärchen beobachten, also einen Berliner und eine Thailänderin etwa, so ist es keinesfalls zwangsläufig, daß die Frau aus einem Katalog bestellt wurde. Sie kann ebenso Chinesin sein und er ein Sinologiedozent, oder er war bei der Fremdenlegion und sie die Kasernenköchin. Jede Eventualität muß in Betracht gezogen und in der Beobachtung verifiziert werden.

Auch wird die Lawine der Problematiken beim Beobachter tiefgehende Frustrationen erzeugen, die selbst dem abgefeimtesten Phänomenologen die Tränen in die Augen schießen lassen. Das Weizenbier hat daher die wichtige Aufgabe, solche seelischen Zusammenbrüche zu verhindern oder zumindest abzufedern. Spätestens nach dem dritten Glas stellt sich ein idealer Beobachtungsmodus ein. Nutzen Sie diese Möglichkeiten und sehen Sie ihren Alltag in einem neuen, analytischen Licht.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 18
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