Gabi Schlaug: Rosi
Rosi ist Alkoholikerin. Wir arbeiten zusammen am Fließband einer Fahrradlampenfabrik. Nach unserem ersten gemeinsamen Rausch haben wir Freundschaft geschlossen. Wir erzählen uns den ganzen Tag Witze. Oft brechen wir vor Lachen zusammen und müssen das Band abstellen.
Täglich schleppt Rosi Alkohol in Eimern an, um auf all die Namens- und Hochzeitstage ihrer Kollegen zu trinken, die nicht halb so interessiert und zum Teil so-gar überrascht sind, zu erfahren, daß sie etwas zu feiern haben. Sie nippen einmal am Becher, begeben sich wieder an ihren Platz und spotten über Rosi.
Morgens ist sie verkniffen und sprachlos, nicht einmal dazu in der Lage, Grüße zu erwidern, da sie den Blick nicht vom Boden lösen kann. Nach ein paar Getränken kneift sie den vorbeigehenden Männern in den Arsch und schreit ihnen obszönes Zeug hinterher.
Wenn, anstelle einer zu füllenden Schachtel, zwei Markstücke auf dem Band bei mir ankommen, weiß ich, daß ihre Eimer leer sind und ich zum Automaten gehen muß, um Bier zu holen. Am Nachmittag ist sie meistens nicht mehr dazu in der Lage, die Schachteln zu falten und wir stellen das Band langsamer, solange sich kein Chef in der Nähe befindet.
Nach der Arbeit schleppen wir Rosi zu dritt zur U-Bahn. Sie ist so betrunken, daß ihr ständig die Knie einknicken.
Rosi lacht, doch sie meint es nicht so.
