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Andreas Scheffler: Baggern für Ralf

Frauen für sich einzunehmen, in die heutige Sprache übersetzt anzubaggern, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die man sich stellen kann; ist möglicherweise sogar die schwierigste, erst recht, wenn man so schüchtern ist wie ich. Andersherum, glaube ich, ist es für Frauen leichter, einen Mann für sich zu gewinnen, denn Männer fallen doch allzu leicht auf den schnöden Sexus herein. Doch das ist nicht mein Thema. Worüber ich eigentlich sprechen will, ist mein Freund Ralf.

Ralf ist seit einigen Monaten ledig und leidet unter einer fehlenden Beziehung. Man könnte auch sagen, er hat sexuellen Notstand. Sowas kommt häufig vor, und die meisten Menschen können damit umgehen und nehmen ihr Schicksal aktiv in die Hand. Doch Ralf sagt, er sei extrem schüchtern und ich als Freund möge ihm doch bitte eine Frau besorgen, am liebsten Frau Dr. Knispel, bei der er unlängst wegen eines verstauchten Knöchels in Behandlung war. Das mußte ich ablehnen, schließlich bin ich gerade selbst bei ihr in Behandlung und will nicht durch unkluge Äußerungen meine Genesung aufs Spiel setzen. Außerdem ist Frau Doktor Knispel schwarzhaarig, und Ralf ist durch eine kartenlegende Tresenkraft eine Blondine prophezeit worden.

Ich und Frauen anbaggern - das paßt einfach nicht zusammen. In meiner Zeit als Junggeselle habe ich das gelegentlich versucht. Doch dazu mußte ich mir immer mit gewaltigen Mengen Bieres Mut antrinken, was dazu geführt hat, daß ich dann kaum noch sprechen konnte und keine Chance hatte. Einmal aber hatte ich einen überraschenden Erfolg. Hans Duschke und ich bemühten uns während einer Feier um die gleiche Frau. Wir hatten uns beide Mut angetrunken und gingen munter voran. Mein Mut verführte mich aber erst einmal dazu, die Konkurrenz auszuschalten, indem ich Duschke Prügel androhte für den Fall, daß er nicht auf der Stelle das Feld räume. Damals hatte er noch Respekt vor mir und tat wie ihm geheißen. Heute ist mir das peinlich, und als Sühne überlasse ich ihm alle Frauen, die als Wahlpartner ihrer Abendgestaltung zwischen mir und ihm schwanken. Er wäre sonst ein vereinsamter Mann. Mein Sieg damals hat übrigens außer ein paar Knutschereien nichts gebracht. Die begehrte Frau stellte sich später, wie mein Freund Hinark es formuliert, als "schleimige Opportunistin" heraus. Das muß aber nichts heißen, denn Hinark nennt mich gelegentlich auch "blondiertes Arschloch".

Jahre später wurde tatsächlich ich selbst einmal das Objekt einer weiblichen Begierde. Sie hieß in etwa Regine, und ich weiß bis heute nicht, wie sie aussieht, denn Regine trug eine sowas von dicke Schicht Schminke im Gesicht, daß dem äußeren Anschein nicht zu trauen war. In einer erkenntnisgeilen Stimmung rief ich einmal in angeregter Runde aus: »Wenn ich Regine das nächste mal sehe, wasche ich sie!« Irgendwann ist Regine weggeblieben.

Ein anderes Mal aber habe ich doch tatsächlich einen vermeintlichen Coup gelandet, eine Geschichte, die ich auch Ralf mehrfach erzählt habe, und zwar, wie ich Karin für mich gewonnen habe. Es war bei einer Vorstellung des begnadeten Komödianten Thomas Koppelberg, einem Villon-Programm, welches extrem enthemmt. Wolfgang und ich waren gerade ledig und saßen zwei Frauen gegenüber. In der Pause kamen wir ins Gespräch und wurden letztenendes auch gefragt, was wir so machen. Wir erklärten wahrheitsgemäß, daß wir wöchentlich öffentlich auftreten würden. Dies wurde uns zunächst als Angeberei angekreidet, doch als wir, ebenfalls wahrheitsgemäß, durchblicken ließen, daß wir den Künstler Koppelberg gut kennen würden und sie mit ihm bekannt machen könnten, wurden wir wieder interessant. Nach der Vorstellung arrangierte ich ein Treffen in der nahegelegenen Kneipe Marilyn. Wir tranken viel und redeten über Dinge, die ich vergessen habe. Thomas gab allerlei Tequila aus, und irgendwann merkte ich: Jetzt oder nie mehr. Ich wuchtete mich hoch, ließ mich neben Karin fallen und sagte: »In ungefähr zehn Minuten bin ich vollkommen betrunken. Wollen wir nicht vorher unsere Adressen austauschen?« Karin war so überrascht, daß sie es tat. Vier Wochen später begann eine siebenmonatige, größtenteils unerfreuliche Beziehung.

Dies erzählte ich Ralf, doch er wollte mein Beispiel nicht nachahmen.

Dann ergab es sich, daß Ralf und ich in unserer Stammkneipe hockten und mit einem Mal eine Gruppe von zwei Männern und zwei Frauen erschienen, von denen eine eindeutig die geweissagte Blondine war. Wir setzten uns dazu und tranken ein paar Biere zusammen. Nachdem einer zwei Runden Tequila ausgegeben hatte, sagte ich zu der Blonden, die Susanne hieß: »Ich habe einen ganz tollen Freund, der eine Freundin sucht, nicht nur zum Ficken, sondern auch so. Aber wenn er nüchtern ist, traut er sich nicht, jemanden anzusprechen und wenn er einen getrunken hat, redet er nur Scheiß.« In diesem Moment ging Ralf schnell auf´s Klo. Ich trank noch einen Tequila und ging frustriert nach Hause. Am nächsten Tag rief ich Ralf an und erklärte ihm abschließend: »Ich kann das nicht.«

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 18
Titelbild
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