Sönke Lars Neuwöhner: Ein bißchen Inge
Inge liegt im Sterben. Zumindest glaubt Inge, daß sie im Sterben liegt. Genau genommen liegt Inge im Bett und kann nicht schlafen. Sie kann nicht schlafen, weil sie zu sterben glaubt. Wer kann schon schlafen, wenn man stirbt? Wer könnte das schon, schlafen, wenn man stirbt? Inge bestimmt nicht. Inge liebt das Leben. Erst heute war sie auf einer schönen Party gewesen und hat getanzt, gelacht und einem fremden schönen Mann das Ohr geleckt. Und jetzt sowas. Sterben, mitten in der Nacht! Und morgen wieder früh raus. Das ist das Schlimmste. Morgen in aller Herrgottsfrühe raus, und jetzt nicht einschlafen können, weil man stirbt. Vielleicht sollte sie noch ihren Chef anrufen und dem Bescheid geben, daß sie morgen nicht kommen kann, weil sie stirbt. Aber der schläft jetzt bestimmt. Das kann sie nicht machen, da ist sie ihren Job ja gleich los. Inge verkauft Wurst, manchmal Käse im Supermarkt. Dabei ist sie sich sicher, daß sie mehr kann als Wurst und Käse verkaufen. Das was ihr Chef kann, das kann sie schon lange. Rumstehen, glotzen, meckern. Sie könnte auch Gitarre spielen, glaubt Inge, und vielleicht sogar einen Roman schreiben. Den großen Wenderoman vielleicht, da würde sie es allen geben, vor allem ihrem Chef. Und ihrer Freundin Evi. Die kriegt auch ihr Fett weg. Und wenn sie dann stirbt, in ihrem jungen Alter, dann wären die Flaggen der Welt aber sowas von auf Halbmast! Aber Inge hört schon, was der Chef morgen sagen wird: Sterben, ja, das kann sie, aber sonst kann se nüscht! Blöder Typ. Inge ärgert sich, aber dann lacht sie. Sie steht auf und brät sich in der Küche ein leckeres Spiegelei. Das legt sie sich auf ein Schwarzbrot, dann beißt sie heftig rein. Das Eigelb platzt auf und läuft ihr über das Kinn. Ist schon eklig, so ´ne einsame Nacht. Aber wenn sie nicht stirbt, macht sie morgen krank, daß das schon mal klar ist. Und dann ruft sie diesen fremden schönen Mann von der Party heut abend an, und dann wird erstmal ein bißchen gefickt. Und dann mal weitersehen
