Falko Hennig: Der erste Joint
Es war nicht so sehr der erste Joint, an dem ich mitgeraucht hätte, es war der erste, den ich zu bauen versuchte, das war, als ich mit einem Wahnsinnigen in einem silber-metallic Opel Kadett durch Bayern fuhr. Er war am Steuer und vielleicht war er gar nicht wahnsinnig. Aber die Lichter der entgegenkommenden Autos spiegelten sich in den dunklen Gläsern seiner Brille, er schien mir doch wahnsinnig. Wir waren bei einem Verlag in München gewesen, ich war hingefahren und er fuhr jetzt zurück. Wir hatten Bier gekauft und irgendwie war es mir logisch erschienen, daß er zurückfährt, wenn ich schon hingefahren war. 600 oder 800 Kilometer, eine ganz schöne Strecke. Aber wie er da jetzt neben mir saß, mit seiner dunklen Brille und den Pillen, die er immer schluckte, und dem Bier, was er trank, es kam mir jetzt so logisch nicht mehr vor. Er war ein Dominik-Experte, vermutlich der Mensch mit dem meisten Wissen über Hans Dominik überhaupt.
Schon auf dem Hinweg, als wir in Bayern reinfuhren und aus heiterem Himmel ein Stau entstand und wo es dann eine bayerische Polizeikontrolle war und er wie versteinert neben mir saß, den Kiff sehr raffiniert im Abfall versteckt, und er sagte: »Das ist Bayern! Die finden einen kleinen Klumpen und funken nach Berlin und die machen dann da eine Hausdurchsuchung«, und das wäre für ihn überhaupt nicht gut gewesen, er hatte wohl zu Hause einige Kilo oder so lagern. Und jetzt auf dem Weg zurück und wieder waren andauernd Polizeikontrollen und ich mußte seinen Kiff suchen in einer bestimmten Tasche seiner Jacke und sollte ihn verstecken. Aber ich fand es nicht und sagte ihm:
»Vergiß es! Was meinst du, was die Polizei denkt, wenn der Beifahrer fieberhaft nach was sucht und es versteckt?« Und sie hielten uns auch nicht an. Wir kamen noch an mehreren Polizeikontrollen an und sie hielten uns nie an. Für uns wäre es sowieso immer schon zu spät gewesen, wenn wir sie sahen. Sie lauerten im Dunkeln mit Nachtsichtgeräten und gaben über Funk Nummernschilder und Autobeschreibungen durch. Bei der Polizeikontrolle dann stand einer da mit Kopfhörern und winkte die Autos raus. Aber sie waren auf der Jagd nach Ausländern und Terroristen. Eigentlich vollkommen rätselhaft, daß sie uns nicht rauswinkten. Denn was der Polizist mit dem Nachtsichtgerät gesehen haben muß, war ein silber-metallic Kadett mit einem Menschen am Steuer, der starr und verkrampft durch dunkle Brillengläser nach vorne stierte und auf dem Beifahrersitz jemand, der hektisch irgendwas sucht. Aber wir kamen heil durch.
Und dann kam es zu dieser skurrilen, unheimlichen Szene. Es ging darum, daß wir jetzt raus waren aus diesem faschistischen Bayern und uns vorstellen konnten, einen Joint zu rauchen. »Dann bau doch mal einen!«, sagte der am Steuer und ich sagte: »Das ist absurd, ich hab noch nie einen gebaut, ich kann nicht mal richtig Zigaretten drehen.« - »Ich beschreib dir das schon«, sagte der am Steuer und ich war mir jetzt doch schon etwas sicherer, daß er verrückt wäre.
»Es ist doch absurd,« sagte ich, »ich kann Auto fahren, aber keinen Joint bauen. Wir wechseln einfach und du baust den.«
Er fuhr weiter und die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos spiegelten sich wieder in seinen dunklen Brillengläsern. »Ich kann dir das schon genau beschreiben,« sagte er wieder, »als erstes mußt du mit dem Papier so einen Winkel kleben wie ein L.« Ich gab mich geschlagen und klebte einen Winkel wie ein L. »So,« sagte er weiter, während er sich das geklebte L anschaute und mir wäre lieber gewesen, er hätte auf die Straße gesehen, »jetzt Tabak rein!«
»Wo rein?« fragte ich, »es ist doch absurd, daß ich hier versuche, auf deine Anweisung einen zu bauen.« Er schaute jetzt wieder nach vorn und tippte auf mein geklebtes L. »Da!« sagte er, »da muß der Tabak rein. Und nimm ein Buch oder so als Unterlage.« Ich haßte, was ich tat, ich wußte genau, niemals würde ich es auf seine Anweisung schaffen, einen Joint zu drehen. Aber ich nahm ein Buch als Unterlage und tat Tabak in das L.
»Ist das genug?« Er schaute rüber.
»Ja, und jetzt den Kiff mit dem Feuerzeug heißmachen und in den Tabak krümeln!«
»Sollten wir nicht das Licht ausmachen, wenn wir einen LKW überholen? Ich mein, die haben alle Funk und vielleicht sind nicht alle so liberal wie wir.« Ab jetzt machte er immer das Licht aus, wenn wir einen LKW überholten.
»So, ist das jetzt genug reingekrümelt?«
»Du mußt gucken,« antwortete er, »es muß alles voll so kleiner brauner Krümel sein.« Ich guckte und natürlich ist alles voll kleiner brauner Krümel, das ist der Tabak.
»Wie soll ich braune Krümel auf braunem Tabak erkennen? Beenden wir das hier, du fährst am nächsten Parkplatz ran und wir tauschen.«
»Nee nee, wird schon gehen. Mach mal noch mehr ran.« Wieder machte er das Licht aus und wieder an, während wir einen LKW überholten. Ich krümelte noch mehr rein.
»Und jetzt?« fragte ich.
»Hast du genug drin?« fragte er.
»Keine Ahnung, ich erkenn doch das Zeug nicht. Es ist doch Unsinn hier, es ist doch, als ob ein Tauber einem Blinden erklärt, was Musik ist.« Er sagte einen Moment nichts und nahm einen Schluck aus seinem Bier.
»Ich kann es auch selber machen«, sagte er dann.
»Aber es wäre doch besser, wenn ich fahre.«
»Ich hab das schon tausendmal gemacht.« Ich reichte ihm das Zeug rüber und er fing an zu basteln. Er guckte immer abwechselnd nach unten und wieder auf die Fahrbahn.
»Das ist ja die ganz falsche Seite zusammengeklebt! Die Gummierung ist ja auf der falschen Seite!«
»Hab ich doch gesagt, daß ich das noch nie gemacht habe. Wenn ich es probieren könnte und du kannst es mir dabei zeigen, aber wir sitzen hier in einem Auto!«
Er bastelte weiter, schaute durch seine dunkle Brille und ab und an auf die Fahrbahn. Dann war er fertig, zündete den Joint an und inhalierte ein paarmal. Dann leckte er an seinem Finger und machte den Joint direkt an der Glut feucht.
»Damit es nicht so heiß wird", sagte er und reichte mir den Joint rüber. "Verbrennt man sich da nicht manchmal?« fragte ich. »Ich hab schon Hornhaut!« antwortete er und nahm wieder irgendwelche Tabletten.
»Willst du auch welche?« fragte er.
»Was sind denn das für Pillen?« fragte ich und inhalierte.
»Hauptsächlich zum Wachbleiben«, sagte er und ich inhalierte weiter, dann machte ich den Joint ebenso an der Glut feucht und reichte ihn rüber.
»Nein, ich glaube nicht«, sagte ich. Und so war das, als mir jemand erzählen wollte, wie man einen Joint baut. Und wir fuhren weiter nach Berlin und manchmal machte ich mir ernsthafte Sorgen, wegen der Reaktionszeit. Denn ich glaube nicht, daß die Reaktionszeit unter Kiff wirklich noch dieselbe ist. Ich glaube, sosehr sich auch die Zeit in unglaublich lange Momente zieht, ich glaube nicht, daß man das wirklich für eine schnellere Reaktion nutzen kann. Denn bekiffte Leute bewegen sich doch eher wie schwankende Schiffe. Ich trank Bier und war die meiste Zeit ziemlich relaxt und wir kamen heil an.
