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Hinark Husen: Mein Kiwi

Was wäre das für ein feines Leben, mag sich so mancher denken, von einem guten Geist jeden Morgen mit einem freundlichen Lächeln einen Kaffee ans Bett gebracht zu bekommen und von all den häßlich-kleinen Mühseligkeiten des Alltags wie beispielsweise dem Abwasch, der Toilettenreinigung und des Fensterputzens befreit zu sein, um sich ganz der Leichtigkeit des Müßigganges hinzugeben.

Ich kann mittlerweile sagen, so spaßig ist das nicht und, nach meinen Erfahrungen, werde ich derlei Tagträumen bestimmt nicht mehr anheimfallen.

Ja, ich muß es an dieser Stelle einmal zugeben, ich war drei Wochen in Besitz eines Dieners.

Anfang März traf ich den gebürtigen Neuseeländer am Wittenbergplatz. Er bat mich für eine Nacht um Unterkunft. Ich fand ihn harmlos, hab ihn bei mir untergebracht, ohne zu bedenken, was das für Konsequenzen haben könnte.

Man kann sich gar nicht vorstellen, was so ein Dienstbote an Fragestellungen und Problemen aufwirft. Gleich am ersten Morgen fing er damit an, meinen dreckigen Geschirrberg, den ich mühevoll in einem halben Jahr aufgebaut hatte, in schlappen anderthalb Stunden zu vernichten

All das, während ich noch im Bett lag. Andere Leute, die man nachts auf der Straße aufliest, denen man menschlicherweise eine Unterkunft anbietet, pflegen einen während des Schlafes auszurauben. Und was macht dieser Kerl? Nachdem er in der Küche für klar Schiff gesorgt hatte, brachte er mir einen Kaffee ans Bett und fragte: "May I hoover a little bit?" Ich glaube, ich habe vergessen zu erwähnen, daß er der deutschen Sprache nicht mächtig war und ich verstand im morgendlichen Tran auch nicht viel. Mir war die Bedeutung des Verbs "hoover" in keinster Weise klar. Aber was kann es schon machen, dachte ich so bei mir, wenn er ein bißchen hoovert. Es wird schon nichts Schweinigeliges dabei herauskommen, dazu war er viel zu britisch. Und so antwortete ich freimütig: "Of course you can hoover. Hoover as much as you like to." Was soviel heißt wie: "Natürlich kannst du huwern, huwer ruhig soviel wie du magst!"

Ich drehte mich auf die Seite, um noch ein wenig zu dösen. Dann setzte der Staubsauger ein, ich schrak recht ordentlich hoch und wünschte mir, es wäre doch was Schweinisches gewesen. Denn das geht mit Sicherheit leiser von statten.

Gott sei Dank war Sonntag und ich flüchtete um 12 Uhr zum Frühschoppen, mit der quälenden Frage im Kopf, ob es richtig war, diesen ozeanischen Putzteufel allein in meiner Wohnung zurückzulassen. Was, wenn er anfängt, meine schmutzige Wäsche mit der Hand zu waschen oder noch schlimmer, wenn er versucht noch etwas Eßbares in meiner Vorratskammer zu finden.

Ich hätte ihm gleich sagen sollen, daß das nur in die Hose gehen kann. Es ist nämlich so, daß ich zuhause so gut wie nie koche und dementsprechend bin ich auch ausgestattet. Es kam natürlich wie es kommen mußte. Als ich am späten Abend dann zurückkehrte, lag meine Haushaltshilfe von mächtigen Bauchschmerzen geplagt auf dem Sofa. Was er noch vorfand, war eine fünf Jahre alte Packung Beutelreis. Er hatte sich wohl gar nicht erst die Mühe gemacht, nach dem Verfallsdatum zu schauen, weiterhin eine Dose mit Weihnachtstee etwas jüngeren Ursprungs sowie zwei leicht überlagerte Äpfel und eine angebrochene Tüte H-Milch. Ein Reispudding schwebte ihm vor, - gar nicht so dumm gedacht. Den Reis in dem süßlichen Teewasser aufzukochen, mit der Milch geschmeidig zu machen und schließlich mit Zucker und Apfelstückchen zu verfeinern. Das Verdauungsproblem wurde, meiner Annahme nach, dann durch die winzigen Chitinhüllen verursacht, die sich im Reis befanden. Letzte Überbleibsel einer kleinen Mottenpopulation, die sich vor Jahren, wohl von mir unbemerkt, den Beutel als Brutstätte ausgewählt hatten.

Kurzerhand spendierte ich ihm, von leichten Gewissensnöten geplagt, einen Tequila und beschloß, ihm noch ein wenig Unterschlupf zu gewähren. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen sollte.

Von diesem Tage an wurde ich jeden Morgen mit einem Kaffee und den lieblichen Klängen des Staubsaugers geweckt.

Der Mann war drauf und dran, mir gehörig auf die Nerven zu gehen mit seiner devot-freundlichen Art. Man konnte ihn nicht einmal mit zu Bekannten nehmen, weil er sich dort sofort wie ein Derwisch auf den dreckigen Abwasch stürzen wollte, was die Gastgeber sichtlich irritierte.

Drei Wochen hat es gedauert, bis ich all meine Höflichkeit über Bord werfen konnte und ihn kurzerhand an die Luft setzte. Drei Wochen, in denen er immer schon um 11 ins Bett ging und meinen auf die Nacht fixierten Biorhythmus auf den Kopf stellte. Drei Wochen, in denen ich ihm 10 Mark am Abend in die Hand drückte, damit er sich irgendwo außerhalb amüsieren konnte: "Heute kannst du mal richtig einen drauf machen", hab ich zu ihm gesagt, "such dir eine schöne Kneipe und betrink dich mal richtig", in der stillen Hoffnung, daß er aufgrund seiner bohrenden Kopfschmerzen am nächsten Morgen ausnahmsweise auf das Hoovern verzichten würde. Aber auch da unterschätzte ich ihn gewaltig.

Und dann sein Zigarettenkonsum. Meine Güte, ich rauche ja selber und anfangs hat er in seiner britischen Höflichkeit jedesmal seinen einzigen deutschen Satz abgenudelt: "Dürft ick ein Cigarett haben?" bis ich ihn darauf hinwies, daß er sich auch ohne zu fragen mal die eine oder andere aus der Schachtel nehmen könnte. Dummerweise hat er das recht schnell begriffen und fleißig zugelangt. Ich versuchte, seinen Verbrauch zu drosseln, indem ich die widerlichsten Sorten kaufte: Overstolz, Malboro Menthol oder Eve 100, vergebens.

In den letzten Tagen war es dann so, daß er mich fragte, ob er nicht mal 50 Mark statt der üblichen 10 für den Abend bekommen könnte. Nun war der Punkt erreicht, wo ich dachte, jetzt schmeiß ich ihn raus.

So startete ich eines Morgens den Versuch, an seinem Kaffee herumzumäkeln, einmal war er mir zu stark, nächstentags war es zu wenig Milch oder Zucker, dann wieder war die Tasse zu klein. Er ertrug alles mit der stoischen Gelassenheit, die Dienstboten nun einmal zu eigen ist, und kochte immer wieder neu. Was mich nur noch mehr in Rage brachte, schließlich war ich es ja, der den Kaffee bezahlte.

Abends, sein Ausgehgeld hatte ich längst gestrichen, schaute ich immer wieder meine zwei Monty-Python-Videocasetten an, in der Gewißheit, das er diese Art von Humor nicht ausstehen kann. Und richtig, er sagte, das mag er nicht und zog sich prompt in die Küche zurück um Aschenbecher zu spülen. Alles andere war ja eh längst sauber. Ich war mit den Nerven am Ende.

Am Gründonnerstag hab ich ihm erzählt, ich bekäme Besuch über die Feiertage und er müsse sich demzufolge eine neue Unterkunft suchen. Er fragte noch, ob er seine Tasche da lassen kann. Nein, hab ich gesagt, mir meine Zweitschlüssel herausgeben lassen und ihm noch frohe Ostern gewünscht. Auch ein Zeugnis hab ich ihm nicht geschrieben.

Nach nur zwei Tagen habe ich meine alte Unordnung wieder hergestellt. Ich rauche die Zigaretten, die mir auch schmecken und lasse den Abwasch friedlich vor sich hinschimmeln. Und gehuwert wird frühestens, wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 18
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