Hans Duschke: Meine Gespräche mit der Jugend
Er berichtet von der verzwickten Situation, in der er gerade steckt, eine krude Mischung aus studentischer Politik, tragischer Liebesgeschichte, absurder Behördenwillkür und vorsichtiger Selbsterfahrung.
»Und du möchtest, daß ich dir einen Rat gebe, wie du dich weiter verhalten solltest?« frage ich und lächle.
»Na ja,« sagte er, »wenn du mir ´n Rat geben willst - würd mich schon interessieren.«
»Vorher hätt ich noch ´n paar Fragen.«
»Frag nur, immerzu«, sagt er und freut sich, im Mittelpunkt zu stehen.
Ich verschaffe mir Klarheit über seine Schichtzugehörigkeit und stecke ihn probehalber in einige Schubladen. Er wehrt sich. Ich sage: »Was du erlebst, das ist doch typisch für deine soziale Schicht und deine Generation.« Dieser Satz überzeugt ihn.
Dann frage ich: »Was willst du eigentlich?« und betone das du in einer Art und Weise, daß ihm keine Antwort einfällt. Dann sage ich: "Du solltest aufhören, dich zu beklagen." Er sagt: "Hä?" und ich sage: »Du wolltest doch einen Rat: Wenn du nicht weißt, was du willst, solltest du aufhören, dich zu beklagen. Das ist mein Rat.« Er ist beleidigt, ich weiß nicht warum. »Willst du weitere Ratschläge? Carpe diem, nutze den Tag; wer schaffen will, muß fröhlich sein; beklage dich niemals über das Wetter, du kannst es doch nicht ändern...«
»Vielen Dank«, sagt er, steht auf und geht.
»Und Höflichkeit sollte stets von Herzen kommen!« rufe ich ihm nach, dann ist er verschwunden.
Ach, die Jugend, voller Begeisterung, voller Idealismus. Und ich, schon alt und kalt und zynisch, ich wärme mich an ihr.
Sie hat ein halbes Jahr Stadtteilarbeit in Friedrichshain gemacht und unglaublich viel gelernt in der Zeit. »Echt?« sag ich, »erzähl doch mal« und laß den guten Zuhörer raushängen. Armut, Elend, Alkoholiker hat sie gesehen in Friedrichshain und plädiert wohl für mehr Liebe zwischen den Menschen, so genau war das nicht herauszubekommen.
Ich soll auch mal kommen nach Friedrichshain, da gibt es schöne Ecken, und wo sie wohnt, da findet das Leben im Sommer auf der Straße statt. Das ist schön. Das ist mediterran. Das ist nicht so deutsch. Die Deutschen sind sowieso furchtbar. Sie hat einen Freund, der ist Ausländer, der findet die Deutschen auch furchtbar. Und mit ihren Freunden aus der Stadtteilarbeit unterhält sie sich oft darüber, wie furchtbar die Deutschen sind - und ich suche nach einer Atempause, um auch zu Wort zu kommen...
...und erkläre ihr das Spiel, daß wir manchmal spielen: »Der Deutsche hat Freunde in aller Welt« (in Südamerika wg. der Nazis, in Arabien wg. der Nazis, in Japan wg. der Nazis, in Indien wg. der Nazis...), und ihr bleibt das Lachen im Halse stecken, wie wir Satiriker sagen.
Ach, so naiv, so voller Idealismus - schön. Nicht so zynisch wie ich. Ich sage: »Du, das mag ich an dir.«
Möglicherweise hab ich mich mich noch mit ihr verabredet, aber wenn dem so sein sollte, dann hab ich sie versetzt. - Tut mir leid.
»Also wenn ich heut in deinem Alter wäre, würde ich mir auch einen Ring durch die Nase ziehe lassen«, sage ich und schaue sie so treudoof an, so daß sie nicht weiß, ob ich einen Scherz gemacht habe. Oder - vielleicht hab ich´s auch ironisch gemeint. Kann ja sein. Aber ich verrate es nicht.
Daß ich mich vielleicht über sie lustig mache, können junge Menschen nicht ertragen und versuchen sofort, sich mit mir zu solidarisieren. Und umgekehrt. Vor allem umgekehrt.
Er hatte vor kurzem eine Demonstration mitorganisiert, gegen alles im wesentlichen, vor allem aber gegen den sog. Sozialabbau - ein breites Bündnis - und wollte nun mit mir den Fatalismus der Massen beklagen und die Politik der Bundesregierung verdammen. Aber ich wollte nicht zuhören. Ich hatte vor Jahren auch schon einmal eine Demonstration mitorganisiert. Keine Lust, den Standort Deutschland zu diskutieren, keine Lust auf PolitologiestudentInnengequatsche sagte ich: »Jaja, es kommt ja noch hinzu,... (ein billiger rhetorischer Trick) ...daß in Deutschland zum ersten Mal seit 100 Jahren wieder massiv vererbt wird.« - »Ja, mmh, äh, ich werd auch mal drei Millionen erben, ohne daß ich je was dafür getan hätte.« Ertappt. Blattschuß. Klappe zu, Affe tot. Ich konnte mich dem nächsten Opfer zuwenden.
