Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 18/1996 Jürgen Witte: Aussterbende Produkte VI
Artikelaktionen

Jürgen Witte: Aussterbende Produkte VI

Die Zigeunerin in Oel

Junge Menschen, die heutzutage mit Postern ihre Zimmerwände schmücken, sollten immer im Zusammenhang mit den urzeitlichen Höhlenmalereien gesehen werden. Der nackte Fels, die kahle rauhfasertapezierte Wand, sie haben eines gemeinsam: Sie sind leer. Und vor genau dieser Leere fürchtet sich der homo erectus seit seinen primitivsten Urzeiten.

Horror vacui, die Angst vor dem Nichts, nennen das die Anthropologen, und sie haben eine ganze Entwicklungstheorie daraus gemacht. Erst der moderne, zweckrationale Mensch, an neuer Sachlichkeit und Bauhausidealen geschult, sei überhaupt in der Lage, eine kahle Wand als solche zu würdigen, ohne angesichts der Leere in schwere Angstzustände zu verfallen. Einfach gesagt, je weniger Bilder ein Mensch um sich braucht, desto entwickelter ist seine Kultur.

Diese radikale Theorie hätte, wären Levi-Strauss und die anderen neumodischen Franzosendenker nicht gewesen, den gesammten Kunstmarkt zusammenbrechen lassen. Welcher schnöselige Kunstsammler, der sich seine schicke Villa zug um zug mit teuren Originalen zuhängt, würde sich denn gerne nachsagen lassen, daß seine Ästhetik weniger entwickelt sei, als die seiner zwanzigjährigen Sekretärin, die nur ein, in rahmenloses Glas gefasstes Kitsch-Katzen-Poster in ihrem frischbezogenen Neubau-Appartement hängen hat.

Seit den Strukturalisten gibt es kulturell kein Oben und Unten mehr. Alle Kulturen existieren parallel. Und ausserdem sind wir alle, die wir uns seit der Entdeckung des Restes der Welt so entwickelt dünken, vielleicht zurückgebliebener als manch ein unberührter Stamm im Dschungel des Amazonas. Der Kunstsammler ist also primitiv, aber primitiv-sein ist nicht mehr weiter schlimm. Selbst die aufdringlichsten bunten Tapetenmuster, der preiswerte Ganzwandschmuck, der sich selbst in den niederen Geschmacksklassen unserer Gesellschaft immer seltener findet, erlebt eine, von postmodernen Theorien abgesegnete Wiedergeburt in avantgardistischen Zirklen. Grafitti-Sprayer und Teufelsanbeter, Briefmarkensammler und Skatspieler, allesamt sind wir irgendwie ´neue Primitive´.

Bei meinem Opa väterlicherseits ging es noch archaischer zu. Obwohl als Beamter durchaus dem Bürgertum zugehörig, brachte es sein Beruf als Förster mit sich, daß er seine Wände zum große Teil mit Jagdtrophähen geschmückt hatte. Reh- und Hirschgeweihe, sogar einige auf Holzplatten drapierte Eberzähne. Solcher Wandschmuck hat allenfalls sekundäre ästhetische Funktion. Er ist hauptsächlich dazu da, einem potentiell paarungsbereiten Weibchen anzuzeigen, daß hier womöglich ein verläßlicher Ernährer wohnt.

Wie aber gingen Bauern, die dem Jäger- und Sammlertum längst entwachsen waren, mit ihrem horror vacui um? Meine früh verwitwete Oma mütterlicherseits, ein Sproß seßhafter Winzer und Gastwirte, hatte ihre Zimmerwände weit weniger vollgepackt. Zumeist hingen da in den Schlafstuben einsame Kreuze. Protestantische Strenge in Gegensatz zur waidmännisch-katholischen Oppulenz. Daneben fand ich zwei großformatige Kohlezeichnungen dörflicher Szenen, die ein durchreisender Künstler vor Ur-Zeiten als Entgelt für Kost und Logis hinterlassen hatte. Nur eines stach mir damals noch ins Auge. Der größte leere Platz an einer Wand in diesem engen Bauernhaus, der Platz über dem Ehebett wurde, lange bevor Hollywood das Cinemascope erfand, von einem breitleinwandformatigen Jeusbild in ausladendem Goldramen geschmückt. Ein, um die Jahrhundertwende weitverbreiteter Druck, der den Sohn des Herrn zeigte - vom Chef selbst sollte man sich ja kein Bild machen - sitzend, mit Hirtenstab in der Hand, wie er sich eines der herumstehenden Schafe gegrabscht hatte und es auf seinem Schoß wiegte.

Ähnlich wie sich heute ein 11jähriger vermittels einiger Poster zur Glaubensgemeinschaft der Kelly Family-Fans bekennt, hatte auch dieser Wandschmuck nur eingeschränkt ästhetische Funktion. Die Zugehörigkeit zu einem gewissen Kulturkreis wird damit symbolisch mitgeteilt.

Leider war ich zu jung, um in den Haushalten meiner Großeltern das obligatorische Führer-Bild zu besichtigen. Aber ich denke doch, daß es vor 1945 in beiden Wohnungen den ihm gebührenden Platz einnahm.

Man sieht, ich stamme aus ordentlichen, bürgerlichen Verhältnissen, und bei meinen Mittelstands-Eltern hingen in den Fünfzigern nur sehr wenige Bilder herum. Die betenden Hände von Dürer, ein hockender Hase, auch von Dürer, das ist, außer dem Apothekerkalender in der Küche, schon alles, an das ich mich erinnern kann.

Wie aber erging es unseren unteren Schichten? Den vielen Männern, die harte Arbeit gewohnt waren, und die sich beim Schaffen des Wirtschaftswunder nur selten eine kleine Atempause gönnten. Wenn sie dann mal, um ihren tiefgebeugten Rücken durchzudrücken, dem Kopf erhoben und sich mit dem ölverschmierten Handrücken über die schwitzende Stirn wischten, dann fiel ihr Blick oftmals auf den einzige Schmuck der Werkstatt, den neuesten Kalender eines namhaften Reifenherstellers.

Lange bevor das Wort Poster erfunden war, ja sogar noch bevor der Playboy das überformatige Ausklappbild erfunden hat, behängten einsame Männer ihren Arbeitsplatz oder ihre Zelle mit aufreizenden Abbildungen kaum bekleideter Frauenleiber. Bilder, die nicht nur die Leere der Wand, sondern auch die Öde ihrer Gefühlswelt kaschieren halfen.

Seit den Fünfzigern gab es im Versandhandel und in den Kaufhäusern serienweise preiswerte Ölgemälde von tiefdekolletierten exotischen Damen. Braunhäutig und rotlippig, deren animalische Sinnlichkeit einen tragbaren Kompromiß zwischen den raumgestalterischen Ansprüchen der Hausfrau und der Geilheit ihrer Männer bildeten. Die Spanierin, die Brasilianerin, und immer wieder, die Zigeunerin. Schön, wild, bunt und im Goldrahmen würdig gefasst. Die ideale Ergänzung zur beleuchteten Plastikgondel auf dem Fernseher. Hitler war tot und der deutsche Durchschnittsbürger entdeckte verschämt vorsichtig tastend seine multikulturellen erotischen Phantasien.

Heute, im Zeitalter des weltweiten Sextourismus haben die Traumvorlagen aus dem Wirtschaftswunder-Wohnzimmer von einst leider längst ausgedient. Die Plastikgondel ist vor Jahren beim Staubwischen herabgefallen und zerbrochen. Aber das wilde, exotische und animalische Frauenbildnis findet sich, etwas modernisiert, und, des animalischen wegen, mit einem Katzenkopf gepaart, als Motiv auf einer bestimmten, entgegen der Schnellebigkeit unserer Modetrends, seit Jahren sehr gefragten Druckbettwäsche.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 18
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Schnipsel
Jürgen Witte: Encyclopedia Teutonica Andreas Scheffler: Im Schoße des Krans Horst Evers: Zukunftsfragment 13 Bov Bjerg: Volkstrauertag Ahne: Ins Museum Hans Duschke: Zurück zur Natur Horst Evers: Der Käfer Funny van Dannen: Das Trauma Sarah Schmidt: Gott Hinark Husen: Alltagsphänomene Gabi Schlaug: Rosi Bov Bjerg: Rausgeben Andreas Scheffler: Baggern für Ralf Sönke Lars Neuwöhner: Ein bißchen Inge Michael Stein: Als ich ein Genie wurde A. Ballert und M. Maurenbrecher: Offenes Künstlergespräch Falko Hennig: Der erste Joint Gustav Bewer: Informationsgespräch Bov Bjerg: Safari, süß und ehrenvoll Hinark Husen: Mein Kiwi Horst Evers: Probleme unserer Zeit I Hans Duschke: Meine Gespräche mit der Jugend Jürgen Witte: Aussterbende Produkte VI Horst Evers: Probleme unserer Zeit II
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XX
Kavara Bistroj: Der Ausländer
Was die anderen schreiben
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: