Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XX
Viktor Orloff ist in eigenem Auftrag (Gummiallergie!) auf der Suche nach der Pflanze die AIDS besiegt. Von seinen Finanziers längst im Stich gelassen, von der CIA verfolgt, geriet er zusammen mit der treuen Indiana Jane zwischen die Fronten der Bürgerkriegswirren diverser ostafrikanischer Länder. Um internationale Verwicklungen zu vermeiden, wird das Paar in ein Flugzeug gesetzt und abgeschoben. Richtung Chicago, Illinois.
Folge XX: Chicago Blues
Die Story zum Film. Eingerichtet und für die Drucklegung bearbeitet von J. und B. Witte
Die 32. Straße irgendwo auf der Southside von Chicago sah aus, als wäre der Napalmangriff gerade vorüber. Ausgebombt, fachgerecht in Schutt und Asche gelegt. Es qualmte und dampft an allen Ecken, vereinzelt loderten kleine Feuer. In der Ferne war irgendwo immer Sirenengeheul zu vernehmen. Vier etwa dreizehnjährige, knallharte Burschen standen mir gegenüber, drei semi-automatische Schnellfeuerpistolen im Anschlag. Der vierte, augenscheinlich der Depp der Truppe, spielte nervös und ungelenk mit seinem N`chako. Wie, verdammt nochmal, war ich denn jetzt schon wieder in diesen Film geraten?
Der American Airlines Flug nach O`Hare Airport war leidlich stereotyp verlaufen. Beide Piloten hatten sich beim Mittagessen über Neufundland eine Fischvergiftung geholt, weil sie das Roastbeef aus Angst vor BSE nicht essen wollten. Naturgemäß brach eine Panik aus, alle gesundheitsbewußten Passagiere hatten auch den Fisch vorgezogen. Eine junge tapfere Stewardess bewahrte als einzige die Übersicht, sie fand einen Arzt unter den Passagieren, der, bevor es ihm selbst kotzübel wurde, noch schnell feststellen konnte, daß wir noch maximal zwei Stunden zu leben hätten, falls die Maschine nicht vorher abstürzt. Unter den Passagieren befand sich aber glücklicherweise eine siebenjährige, englische Flugschülerin, Miss Tammy Tischbein, die diese ganze BSE-Hysterie für übertrieben hielt und die als einzige das Roastbeef bestellt hatte. Die umsichtige Stewardess zerrte das junge Ding mit letzter Kraft in den Pilotensitz und brach dann von Krämpfen geschüttelt neben ihr zusammen.
Vom Tower in Chicago aus erteilte ein einfühlsamer Ex-Pilot, der, seit er Alkoholiker geworden war, sein Gnadenbrot als Gebäudereiniger im Versorgungstrakt des Flughafens verdiente, unserer kleinen Pilotin Flugunterricht, so daß sie tatsächlich lernte, den Riesenvogel über den Großen Seen unter ihre Kontrolle zu bekommen. Ganz allein saß sie da im Cockpit und hinter ihr winselten dreihundertzweiundfünfzig sterbende Leiber. Später würde sie sagen, sie habe sich gefühlt, wie der Fahrer eines Viehtransports auf dem Weg zum Schlachthof. Sie schwitze, sie weinte, sie drohte unter der Last der Verantwortung zu zerbrechen, sie lernte von ihrem versoffenen Fluglehrer alle Fliegerflüche dieser Welt und sie hielt dabei doch immer das Steuer fest in ihren kleinen, mutigen Händchen. So setzte sie das Baby mit letzter Kraft auf die Landebahn und brach dann bei 350 Stundenkilometern überglücklich zusammen. Dabei verriß sie das Steuerruder und die Kiste ging neben der Rollbahn gehörig zu Bruch. Alle Passagiere wurden gerettet. Die Kleine liegt noch immer im Krankenhaus. Der Chicago Enquirer hat sich bereiterklärt, gegen die Exclusivrechte an ihrem Interview, die Krankenhauskosten zu übernehmen. Uns anderen Passagieren wurde im Illinois State Hospital, das übrigens landesweit einen sehr guten Ruf genießt, der Magen ausgepumpt. Danach haben sie uns sofort auf unsere Zahlungsfähigkeit hin untersucht und die Mehrzahl mit zwei Aspirin in der Tasche auf die Straße geworfen. Selbst ein ordentlicher internationaler Krankenschein der AOK half Rüdiger aus Halberstadt, den ich auf den Flug kennengelernt hatte, nicht weiter. "Haven`t you got any Deutschmarks on you?" Wie gut, daß mich die Barmer schon vor Jahren wegen Beitragsrückständen rausgeschmissen hatte.
Es war ein langer Weg, vom Krankenhaus zu den turmhohen, heruntergekommenen Robert Taylor Homes auf der South Side. Ich war arm und ich war am Ende, ich hätte also schon hierher gepasst, aber ich war auch weiß, und das war den vier Jungs, die mir jetzt gegenüberstanden, sofort aufgefallen. Einer von ihnen hatte seine Pistole an meine Schläfe gesetzt, ein anderer durchsuchte meine Taschen. Der Depp der Truppe spielte noch immer mit seinen chinesischen Hölzern und kicherte dabei hysterisch. Der Typ war definitiv auf Crack. Was würden sie tun, wenn sie kein Geld finden? Dieses Drehbuch schrieb leider ein anderer. Wo war der Fehler? Wann hatte ich auf den großen Highway des Lebens die falsche Abfahrt genommen?
Ohne einen Pfennig in der Tasche lag ich auf den Stufen des Portals vor dem Krankenhaus. Fünf Objektschützer jagten mich die Treppe hinunter zum Parkplatz. Meine letzte D-Mark Barschaft war für ´emergency medical treatment´ draufgegangen und meine Kreditkarten waren plötzlich alle gesperrt. Die CIA hatte ganze Arbeit geleistet. Mit dem übriggebliebenen Bündel Banknoten der Nigerianischen Staatsbank würde ich im Lande des allmächtigen Dollars nichtmal zu einer Monopoly-Runde zugelassen. Es war unmöglich, Indy ausfindig zu machen. Ich durfte das Krankenhaus nicht mehr betreten. Sie hatten Angst, daß sie mich umsonst weiterbehandeln müssen. Ich trieb mich 48 Stunden hungrig auf dem Parkplatz herum, aber Indy tauchte nicht auf. Die Polizei griff mich schließlich auf, und ich landete wegen Landstreicherei für vier Tage im Knast und genoß die karge Kost amerikanischer Küchen. Danach sollte ich die USA binnen einer Woche verlassen. Aber wie? Ohne Geld? Ausserdem mußte ich Indy finden. Es verschlug mich in die Hafengegend. Ich prügelte mich mit streikenden Arbeitern und Gewerkschaftsfunktionären und ich bekam dann einen Job als Nachtwächter in einem Lagerhaus.
Soweit war ich also gesunken. Ein Illegaler, ein Streikbrecher, ein Mann der für die Hälfte des Mindestlohns arbeitet, nur um zu überleben. Der eisenharte Kapitalismus macht alle Menschen irgendwann zum Tier. Tagsüber jobbte ich bei Whimpys als Tellerwäscher in der Küche. So sparte ich mir die Wohnungssuche und bekam immer einen Hamburger und tonnenweise Fritten in den Bauch.
Keine Spur von Indy. Ob sie in die Hände der CIA gefallen war? Ob sie in einer Topless-Table-Dance-Bar ihren Körper verkaufen mußte, um diese Hölle zu überstehen? Die Zeit zwischen meinen Jobs nutzte ich dazu, das Rotlicht-Viertel durchzukämmen. Hätte ich einen Körper wie Indy, ich würde damit auch einen schnellen Dollar verdienen. All meine sauer verdienten Kröten gingen für diese Weiber drauf. So eine Tänzerin bekam fürs Tittenschütteln und Arschwackeln in einer halben Stunde soviel zugesteckt, wie ich ich einer ganzen Woche verdiente. Einige Dollars in den Straps geschoben und hinterher bestand die Chance, daß sich das Mädel zu einem Drink einladen ließ, und ich konnte sie ausfragen. Der ständige Anblick von silikongeblähter Haut wurde mir bald zuwider. Und jedes Mal, wenn das Portemonnaie leer war, gab es einen Tritt in den Arsch gratis dazu. Ich hätte gerne einen Job als Rausschmeißer in so einer Bar gehabt, aber die Jungs von dieser Gewerkschaft waren mir dann doch eine Nummer zu groß.
Es ist kaum eine Stunde her, da saß ich sturzbetrunken in einem Taxi, daß mich zu meinen Nachtwächterjob bringen sollte. Ich hatte endlich einen Go-Go-Schuppen mit eisgekühltem Bommerlunder im Angebot gefunden und war grade dabei mich in den good old U.S. of A. so richtig heimisch zu fühlen. Als der Fahrer mir an einer Ampel Down-town die letzten Ergebnisse der Chicago Bears erläuterte, riß plötzlich ein Kerl die Beifahrertür auf, und leitete das Taxi in Richtung South Side um. Er hatte eben einen Schnapsladen überfallen und er hatte noch eine Kugel im Lauf seiner 38er. Der Taxifahrer hatte Schiss und ich hatte einen Vollrausch. Bei den Robert Taylor Homes angekommen, erleichterte der Dreckskerl den Cabbie noch um seine Einnahmen und verschwand eilig in einer fensterlosen Ruine. Mein Chauffeur riß seine 45er aus dem Handschuhfach, ballerte aus dem Autofenster und schrie mich aus dem Halbschlaf: "Come on man, let`s go get him!" Eine gewichtige 45er, immerhin das größere Kaliber, das schien dem Taxifahrer Mut zu machen. Ich trabte also widerwillig hinter den beiden her, durchkämmte das erstbeste Haus, pisste ausgiebig in den Kamin eines ausgebrannten ehemaligen Wohnzimmers und besah mir dann die Gegend. Die Gegend gefiel mir nicht. Als ich wieder zur Straße zurückkam, war das Taxi verschwunden. Und da tauchen auch schon Hewy, Dewy und Louie auf.
Sie hatten mich durchgefilzt und nichts gefunden. Es wurde Zeit, daß ich mir etwas einfallen ließ.
"O.K. you guys. See I`m clean, so now let`s talk business!"
Sie sahen mich ziemlich verwundert an. Aber dann gewann der gute alte amerikanische Geschäftssinn doch die Oberhand.
"Wadda you want? Guns? Moonshine? Crack? Cocaine?"
Der Supermarkt war also noch geöffnet und ich verhandelte über eine größere Lieferung: Eine 38er, ein Pfund Grass und etwas Koks dabei, und je härter ich um den Preis feilschte, desto mehr schienen sie mir meine Rolle abzunehmen. Langsam wurde ich nüchtern und begann meine Fluchtchancen abzuschätzen. Es sah übel aus. In einem unbedachten Nebensatz hatte ich gleich zu Beginn unserer Verhandlungen damit geprunkt, daß mich meine weiße sechstürige Lincoln-Limo mit Satelliten-Fernseher und Barfach hier bald wieder auflesen würde. Diese dreizehnjährigen Möchtegern-Millionäre wollten unbedingt auf eine kleine Spritztour mitfahren. Der Depp mit den angeketteten Esstäbchen zog gleich los. Er wollte seine scharfe kleine Schwester holen, und einige ihrer so gut wie jungfräulichen Freundinnen. Damit wäre der Kindergarten dann komplett.
Es hatte so gut angefangen, aber im Moment quatschte ich mich doch noch um Kopf und Kragen.