Kurznachrichten: Schnittchen
Sie will mich ficken
(Bov Bjerg) Der Anrufbeantworter blinkt mitteilungslustig vor sich hin. Zurückspulen. Ui, das dauert aber lang! Das müssen ja Hunderte von Anrufen sein! Ein schönes Gefühl, so gefragt zu sein. Eine unbekannte Frauenstimme sagt: »Ich will dich ficken.« Sie wiederholt es mehrmals. Und: »Heute abend, 18 Uhr, Alexanderplatz.« Sie singt: »Ich will dich ficken.« Ein langes, langes Lied, das nur aus diesem Refrain besteht. So geht das etwa zehn Minuten lang, und dann legt sie auf. - Der einzige Anruf in fünf Tagen. In der Provinz war alles so deutlich und klar. Kaum zurück in der großen Stadt, da türmen sich schon wieder die Fragen vor mir auf. Wann war ›heute‹? Wer ist diese Frau? Wo auf dem Alexanderplatz? Unter der Weltzeituhr?
Mutmachen
(Andreas Scheffler) Auf meine Bewerbung um eine ausgeschriebene Stelle als Kulturmanager bei der Neuen Gesellschaft für Literatur e. V. erhalte ich nach fünf Wochen folgende Antwort: »Wir haben uns nicht für Sie entscheiden können (...) Wir sind der festen Überzeugung, daß es Ihnen bald gelingen wird, bei anderer Gelegenheit mehr Erfolg zu haben.« -Woher nimmt die Neue Gesellschaft für Literatur diese Zuversicht?!
Drogenpolitik
»Wenn Haschisch und Marihuana wirklich als weiche Drogen akzeptiert werden, dann sollten sie das Zeug keinesfalls in Apotheken verkaufen!"
»Wo denn sonst?«
»Na, in Reformhäusern zum Beispiel!«
(Jürgen Witte / Hans Duschke / Falko Hennig)
Unsere Volkskrankheiten I - Mento-Sklerose
(Hans Duschke) Zwei Sätze werden alternierend ausgestoßen: Weiß ich schon! Oder: Interessiert mich nicht! Ich guck mir nur noch Filme an, die ich schon gesehen habe. Mit dem Verlust der Neugier gehen nach und nach auch alle anderen menschlichen Eigenschaften verloren. Die Betroffenen kennen die Namen der Schauspieler aus Fernsehvorabendserien auswendig und unterhalten sich mit Gleichgesinnten darüber.
Unsere Volkskrankheiten II - Pekuniäre Schizophrenie
(Hans Duschke) Es spricht gegen das Privatleben, daß man dort kein Geld verdienen kann. Im Gegenteil: Der Patient definiert Privatleben als die Zeit, in der er das Geld ausgibt. Aber andererseits: Jede Form der Berufstätigkeit ist Prostitution.
Wenn ich, so denkt der Patient, mein Privatleben einschränke, müßte ich nicht soviel arbeiten, denn ich bräuchte nicht soviel Geld und hätte noch Zeit übrig. Nur, wofür?
Unsere Volkskrankheiten III - Habituelle Pubertät
(Hans Duschke) Zu deutsch: zur Gewohnheit gewordene Geschlechtsreife. Erst ab dem 25. Lebensjahr diagnostizierbar. Ein eigenes Kind die wirksamste Therapie. Wer selbst ein Kind hat, muß erwachsen werden. Doch ich kenne einige, bei denen auch dieses Mittel versagt hat. Die eigene Persönlichkeit sollte aufblühen, aber bei den Patienten tut sich nichts. Alles bleibt, wie's immer war: Ihr Leben ist nur vorläufig, vorübergehend, ein Übergang. Da sie alles wollen, können sie sich für nichts entscheiden.
Der Sicherheitsschleier
(Jürgen Witte) Innenminister Kanther hat von einem Sicherheitsschleier gesprochen, der an den Ostgrenzen der Republik eingerichtet werden müsse. Klingt ganz niedlich, aber wehe uns, wenn der letzte Schleier fällt.
Unser neuer bundesdeutscher Ostwall braucht einen Namen. Er soll so hoch und fast so lang sein wie die Chinesische Mauer, besser wäre es aber, er bliebe unsichtbar. Ein Sicherheitsschleier? Ob sowas auf die Dauer ausreicht? Ist das, weil die, die von draußen reinwollen, durchaus ungestraft mal durchsehen sollen, oder ist unser zukünftiger Sicherheitsschleier mehr so blickdicht, wie eine Nylonstrumpfhose, die die unerwünschten Beinhaare verdeckt?
Tresengespräche 1 - Männersorgen
Horst: Ich glaub, zur Toilette schafft der das nicht mehr.
Hinark: Nee, zur Toilette schafft ders nicht mehr.
Horst: Vor dem Tequila hätt ers vielleicht noch geschafft, aber jetzt ists vorbei.
Hinark: Klar, das packt der nich mehr. Die Stulle ist gegessen.
Horst: Vorhin hat ers noch versucht, aber er is nichmal mehr richtig hochgekommen.
Hinark: Das is vorbei. Der Lolli ist gelutscht.
Horst: Blöde Situation, das. Auf Toilette kann er nich, nach Hause kann er nich, der is einfach hier an den Tresen gefesselt. Wahrscheinlich für immer.
Hinark: Ja. - Obwohl... Ich find, da gibts echt Schlimmeres.
(Horst Evers)
Wohnen
(Andreas Scheffler) Meine Freundin sucht eine Untermieterin. Möglichst eine Fremde. Also setzt sie Anzeigen in die Stadtmagazine. »Aber zu mir kommen echt nur die Kranken. Ich sach denen am Telefon schonn: ›Dein Zimmer ist dunkel, du guckst genau auf 'ne Taubenkolonie, und der Hausflur ist reines Ghetto. Willst du noch mehr wissen?‹ Und die sagen: ›Ja!‹ Wenn sie dann allerdings hier oben ankommen, sind sie alle blaß und heißen Ursula. Außerdem tragen sie so komisch verdrehte Brillengestelle mit viel Metall.«
»Bestimmt alles Esoterikerinnen.«
»Genau!«
Kleiner literarischer Dialog
A: Also nein, dieser Hölderlin, der war ja verrückt. Überhaupt kein richtiger Dichter, nein nein! Das war kein Dichter, kein richtiger Dichter!
B: Na hören Sie mal, was denn sonst?
A: Na Goethe!
(Falko Hennig)
Mitarbeitermotivation
(Jürgen Witte) Verfassungsschützer sitzen meist am Schreibtisch und schützen unsere Verfassung. Wer nur eine stundenweise leichte Bürotätigkeit sucht, der hat dort nichts zu suchen. Der Schreibtisch eines Verfassungsschützers steht immer hart am Rande der Legalität. Wer Angst hat abzustürzen, der kann in dem Job nichts werden. Extrem-Bleistiftspitzen, Survival-Sachbearbeiterei, Action-Aktenlesen! Da kommt man leicht mal vom rechten Weg ab, verirrt sich in Grauzonen.
Damit der einfache Verfassungsschützer weiß, daß er nicht ganz allein an vorderster Aktenfront kämpft, hat ihm der Innenminister einen Notizklotz für seinen multi-pressure-Arbeitsplatz spendiert, auf dem gedruckt sieht: »Verfassungsschutz ist DemO.K.ratie!«
Eine Verschlußsache, dieser Notizklotz, nur für den internen Gebrauch. Aber ich habe ihn genau gesehen, ganz vorne auf dem Schreibtisch, als so ein Verfassungsschützer im Fernsehen interviewt wurde.
Wie man's macht...
(Andreas Scheffler) Es ist schon dunkel, als ich mich auf den Heimweg mache. Ein Auto fährt langsam aus einer Parklücke heraus. Ich bemerke, daß die Scheinwerfer nicht angeschaltet sind und klopfe an der Fahrerseite ans Fenster. Ein Herr in den Fünfzigern kurbelt die Scheibe herunter und fragt unwirsch: »Is was?«
»Sie haben vergessen, das Licht anzumachen«, antworte ich.
»Und was geht dich das an?« entgegnet er. Tcha, was geht mich das an? Nichts eigentlich. Ohne ein weiteres Wort gehe ich nach Hause.
Tresengespräch 2 - Männertheorien
Hinark: Wenn ich noch ein Bier trinke, bin ich betrunken.
Horst: Das war jetzt unpassend.
Hinark: Wieso?
Horst: Hättest du das vor zwei Bieren gesagt, hätte es gestimmt, jetzt ist es unpassend.
Hinark: Moment, ab wann ich betrunken bin, entscheide immer noch ich.
Horst: Das galt vielleicht noch vor zwei Bieren, jetzt liegt diese Entscheidung nicht mehr in deiner Hand.
Hinark: Der Zigarettenautomat ist auch leer.
Horst: Mensch, mensch, mensch, wo soll das nur alles enden.
Hinark: Ganz genau, es geht alles den Bach runter in diesem Land.
Horst: In diesem Land? Auf der ganzen Welt. Ich sage nur: Nahostfriedensprozeß.
Hinark: Genau, Nahostfriedensprozeß. Da sagste was. Geht alles den Bach runter.
Horst: Hinark, du bist einer der wenigen Menschen, mit denen man sich heute noch richtig über Politik unterhalten kann.
(Horst Evers)
Alte Zeiten
(Bov Bjerg) Sein neues Auto? Nein, es ist das neue Auto der Quasi-Schmiegermutter. Die fortschrittliche schwäbische Pfarrerswitwe hat sich an ihr neues Auto wieder den gleichen Sticker geklebt, der schon an ihrem alten pappte: ›Ohne Rüstung leben!‹ Sie muß die Dinger damals gesammelt haben. So hat jeder seine angenehmen Erinnerungen. Es muß ja nicht immer der Umriß der Insel Sylt sein.
Braucht jemand einen ›stoppt strauss!‹ -Aufkleber? Oder: ›Unterdrückung in Südafrika - wie lange noch?‹ Zum Wegschmeißen sind die doch nun wirklich zu schade. Ich geb sie auch ganz billig her.
Im Baumarkt
Ich: Ich hätte gerne so einen Belüfter für den Wasserhahn, sie wissen, so einen Plastikeinsatz mit Drahtnetz drunter, damit das Wasser schön sprudelnd fließt!
Er: Da hängen die Dinger doch!
Ich: Ja, schon, aber nur zusammen mit dieser verchromten Dekoschraube. Die Schraube habe ich noch, ich bräuchte nur das innere Teil, da hängt immer der Sand drin, und den kriegt man nicht wieder raus.
Er: Ja, das Teil hatten wir früher auch mal einzeln, aber das lief nicht!
Ich: Warum denn nicht? Man braucht doch nur das Netzchen, die Schraube hält doch ewig!
Er: Wissense, das Innenteil allein, für 95 Pfennig, das hat einfach keiner erkannt. Das komplette Ding für dreifünfundneunzig, da wissen alle gleich, was es ist.
(Jürgen Witte)
Neue Rechtschreibung
(Falko Hennig) Im neuen Duden steht unter ›Scheiß‹: »der; - (derb für unangenehme Sache; Unsinn); Scheißdreck (derb); Scheiße, die; - (derb);«
Also alles auf dem neuesten Stand, merkwürdig fremd scheint das Wort ›derb‹. Man brauch es nur ein paar mal wiederholen: »Derbderbderbderbderb« schon bemerkt man, daß dieses Wort überhaupt keine Bedeutung hat. Oder ist es ein neues Wort, das üblich werden soll?
Hausputz 1 - Wäsche waschen
(Horst Evers) Von der Wäsche quetsche ich soviel wie eben geht in die Waschmaschinentrommel. Leider ist es soviel, daß ich meine Dosierkugel mit den Megaperls danach einfach nicht mehr in die Trommel kriege. Da die Wäsche so ineinander verknäuelt ist, daß ich sie auch nicht mehr aus der Maschine rauskriege, und da ich mir aus der oberen Vorrichtung zum direkten Einstreuen des Waschpulvers schon vor Monaten einen Karteikasten gebaut habe, um besser Ordnung halten zu können, komme ich zu dem Schluß, daß die Waschmaschine kaputt ist. Zumindest fast. Mir bleibt nur noch eine Möglichkeit. Ich schütte die Dosierkugel wieder aus und drücke das Mittel, Megaperl für Megaperl in die Wäsche. Knapp vier Stunden später bin ich fertig. Ging doch.
Hausputz 2 - Fensterputzen
(Horst Evers) Fensterputzen geht schnell. Ich spritze reichlich Glasreiniger auf die verdreckten Scheiben und hoffe, daß es im Laufe des Tages noch regnet. Fertig.
zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08