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Horst Evers: Zukunftsfragment 14

Genmanipulierte Lebensmittel

Dienstag, 17. Dezember 2097

Unendlich traurig schauten mich die vier Tomaten mit ihren großen roten Wangen an. Es war, als wollten sie mir sagen: »Möööh, hat doch alles keinen Zweck, is doch alles so sinnlos, diese Welt, sie ist eine schlechte Welt, die kann uns Tomaten doch sowieso nichts mehr bieten, wozu noch weiter reifen, immer nur reifen und größer werden, das kann doch nicht alles sein, nee, wir mögen nich mehr.«

Dann stürzten sie sich in das offene Messer und zerteilten sich selbstständig in acht gleichgroße Achtel. Sie waren sogenannte Harakiri-Tomaten gewesen. Genmanipulierte Tomaten, denen man ein Depressions-Gen eingezüchtet hatte, welches bewirkte, daß ihnen ein unwiderstehliches Selbstmordverlangen innewohnte. Das brachte sie dazu, sich bei der erstmöglichen Gelegenheit in ein offenes Messer zu stürzen und sich zu zerteilen. Die fünfte Tomate hielt ich zunächst noch zurück, wohlwissend, daß sie nun beständig durch die Küche rollen würde, auf der verzweifelten Suche nach einer Möglichkeit, sich das Leben zu nehmen.

Angefangen hatte dieser Wahnsinn 1997 mit der endgültigen Zulassung genmanipulierter Lebensmittel, damals speziell Sojabohnen, für den europäischen Markt. Zwar waren über 80 Prozent der Bevölkerung dagegen gewesen, aber es waren die unwichtigen 80 Prozent. Außerdem waren schwere Zeiten, und man hatte weiß Gott wichtigeres zu tun, als sich um das Innenleben irgendwelcher Sojabohnen zu kümmern.

Man konnte ja nicht ahnen, welche fatalen Folgen das haben sollte. Ging es bei den Sojabohnen noch nur darum, sie immun gegen diverse Pflanzenschutzmittel zu machen, damit man das Unkrautgift bedenkenlos tonnenweise auf die Felder sprühen konnte, entwickelten die Wissenschaftler bald auch Mittel und Wege, Obst und Gemüse mittels gentechnologischer Veränderung richtige Emotionen haben zu lassen.

Den Anfang machten, wie so häufig, die Salat- und Feldgurken. Ihnen pflanzte man ein Ehrgeiz-Gen ein, was sie dazu trieb, um jeden Preis größer und schöner als alle anderen Gurken auf dem Feld zu werden. Dies führte zu mancher Stichelei im Gurkenfeld, und häufig kam es zu rüden Auseinandersetzungen, nach der die Gurkenbauern die Hälfte ihrer Ernte mit zerschlagenem Rückgrat auffanden.

Das hätte die Wissenschaftler stutzig machen können, tat es aber nicht. Stattdessen statteten sie nun Erdbeeren mit einem übertriebenen Schamgefühl-Gen aus. Die Erdbeerbauern installierten daraufhin riesige Lautsprecheranlagen an ihren Erdbeerfeldern, über die sie die jungen Erdbeeren tagaus, tagein mit schmutzigen Witzen beschallten, damit diese schön rot wurden.

Für Feldsalat entwickelte man ein Reinlichkeits-Gen, um das langwierige Feldsalatwaschen einzusparen, da dieser sich nun selber schön sauber hielt und regelmäßig wusch. Der Clou aber war das Exhibitionisten-Gen für Zwiebeln und Kartoffeln. Man musste den Kartoffeln nur einfach >Hey, big spender< vorspielen und schon begannen sie, selbständig ihre Schalen fallen zu lassen. Mit dem Nachteil allerdings, daß das Exhibitionisten-Gen der Kartoffel vom menschlichen Körper absorbiert wurde, weshalb alle Kartoffelesser dieser Erde, wann immer sie >Hey, big spender< hörten, anfingen sich auszuziehen. Das Lied wurde daraufhin weltweit streng verboten.

Wirklich umstritten wurden die genmanipulierten Obstsorten jedoch erst, als die Rüstungsindustrie begann, Killernektarinen, Jagdbananen, Ninjazwiebeln und Kampfrosinen zu entwickeln. Diese militanten Obstsorten versetzten die Welt mehrere Jahrzehnte lang in Angst und Schrecken. Besonders die aggressiven Kampfrosinen, die während der Gemüsekriege in ihren Rosinenbombern mehrere Tage lang Berlin bombardierten, galten als extrem brutal und hinterlistig, wurden sie doch oft undercover in die Müslis der Zivilbevölkerung eingeschleust.

Erst, als die Gemüsekriege mit dem grausamen Ratatouille von Paris ihren makabren Höhepunkt fanden, beschlossen die kriegsführenden Nationen das Verbot biologischer Waffen. Und in den Abrüstungsverhandlungen wurde der sofortige Verzehr sämtlicher Obststreitkräfte festgelegt, was zur großen Weltdurchfallskrise von 2087 führte.

Vielleicht hätte sich alles vermeiden lassen, wenn man den Gen-Medizinern schon als Kind beigebracht hätte, daß man mit Lebensmitteln nicht spielt.

Über all das dachte ich nach, als ich durch einen dumpfen Knall aus der Küche aufgeschreckt wurde. Die lebensmüde Tomate hatte sich vom obersten Küchenregal in den Tod gestürzt. Mit einem lauten Platsch hatte sie ihre Bestimmung erfüllt.

Zeichnungen von F.W. Bernstein

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 19
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Schnittchen
Horst Evers: Zukunftsfragment 14 Manfred Maurenbrecher: Der Besuch Jürgen Witte: Menschen im Baumarkt Bov Bjerg: U-Bahn im internationalen Vergleich Frank Goosen: Das Glück der Pinguine Andreas Scheffler: Junges Glück Hans Duschke: Auf dem Drahtesel »Total Recall« Gabi Schlaug: Familienfest Sarah Schmidt: Liebeskummer Jan Böttcher: Ein Kurzes Ahne: Ein Tag in unserer WG Horst Evers: Wohnungseinrichtung Funny van Dannen: Geschicht der Arbeit Jürgen Witte: Arbeitsplätze backen Mascha Kaleko: »Interview mit mir selbst« Bov Bjerg: Paternoster Hinark Husen: Kladdenklau Falko Hennig: Reise aufs Land Andreas Scheffler: Ich war der Böse Ahne: In Sachen schnüffeln unterwegs Bov Bjerg: Notes of a dirty young man Horst Evers: Die dämlichste Wette des Jahrhunderts Tube: Die Beammaschine
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XXI
Kavara Bistroj: Der Ausländer
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