Manfred Maurenbrecher: Der Besuch
Ich geh heut nicht raus auf die Straße. Ich will niemanden sehen. Ich liege auf meinem Ruhesofa und bin erschöpft. Ich hatte drei Tage Besuch. Besuch eines jungen Landmenschen bei mir in Berlin - ich wußte gar nicht mehr, wie es ist, sich zwölf Stunden am Tag lang zu unterhalten. Unterhalten zu müssen! Jetzt weiß ich es wieder. Und ich begreife allmählich, wie erfrischend eine langjährige Ehe und eine leere Wohnung sein können.
Ich will wirklich niemanden treffen. Ich hab keinen Text für heut abend. Oder soll ich erzählen, wie ich vorhin beim Frühstück ausgerastet bin, als mein Besuch mir das Brotmesser aus der Hand reißen wollte: »Gib mal, laß mich mal - Mann, das sah aber gerade gefährlich aus«? Ich bin diesen Umgangston nicht gewohnt. Ich finde auch, man kann Weingläser ruhig von selber abtropfen lassen, man muß die nicht unbedingt nachpolieren... Und man darf ruhig auch zwei Fernseher besitzen, einen im Schlafzimmer, einen im Arbeitsraum - ich wußte gar nicht, wie sehr ich Leute hassen kann, die andauernd beteuern, sie hätten kein TV, sie bräuchten das alles auch gar nicht. Na, von mir aus!? Ja, unsere Videosammlung ist ziemlich groß, ja, ›Jenseits von Eden‹, das haben wir auch... Mal kurz reinschauen? Ach, nanu...
Das ist doch alles kein Gesprächsthema. Auch, daß ich ›Die Stadt hinterm Strom‹ von Hermann Kassack nie gelesen habe, wen interessiert denn das? Mich hat es nie interessiert, das Buch steht seit irgendwann bei mir im Regal, auf einem Trödel gekauft - jetzt muß ich es nicht mehr lesen, ich kenne den Inhalt auswendig. Und auf meine Stadt bin ich überraschenderweise seit neuestem richtig stolz. Ich finde wirklich nicht, daß sie so vollkommen verbaut ist, so kalt, so anonym - ich mag jetzt sogar die Untertunnelung und die Bebauungspläne vom Potsdamer Platz. Eigentlich bin ich mit meinem Besuch zu dem Infotainment von Sony und Konsorten nur hingegangen, damit wir uns mal gemeinsam amüsieren - und eine Weile nicht reden müssen, das auch, zugegeben. Ich hatte das Gefühl, jeder Berliner geht griesgrämig mit seinem Besuch jetzt dorthin, aber wenn ich dann andauernd dieses Gestöhne über die menschenfeindlichen Hochhäuser höre, die armen Bäumchen vom Tiergarten, die Tiraden gegen das Zentralistische, die deutsche Großmannssucht, das Gigantomanische, das sich im Architektonischen niederschlägt wie auch zwangsläufig in den Psychen der Hauptstadtbewohner - »Ihr seid doch hier alle schon wie gedoubelt - und, nebenbei, das mit eurem Supertunnel da zum Lehrter Bahnhof, das klappt nie, das kann gar nicht klappen, ich kenn da nämlich einen Statiker aus meinem Dorf, der hat eindeutig nachgewiesen, daß euer Grundwasserspiegel...« - »Hör auf!«
Mein Hormonspiegel kommt erst langsam wieder ins Reine. Ich mach mir einfach einen faulen Abend mit Videos. Videos, die von Anfang bis Ende durchlaufen. ›Jenseits von Eden‹, das hab ich ja abgeschaltet nach zehn Minuten, nachdem mein Besuch mir bis dahin sämtliche Szenen aus anderen Filmen erzählt hat, in denen James Dean mitspielt... Ich will Salzgebäck. Ich will Ruhe. Ich will einen funktionierenden Transrapidtunnel direkt von diesem Bett hier auf die Kanarischen Inseln!
Mit dem Besuch, das fing schon an, nervend zu werden, als er mir schrieb, er käme am 15., und ich schrieb zurück, das wäre okay, und dann war seine überschwengliche Stimme auf meinem Anrufbeantworter mit der Nachricht, er käme dann also um 12 Uhr 30 am Bahnhof Lichtenberg an. Na, schön für dich, dachte ich. Aber ich bin einfach zu gutmütig: Es ist ziemlich weit von hier bis nach Lichtenberg, eigentlich quer durch die Stadt... Aber wie ruhig der Hinweg zur U-Bahn noch war, und dann die Fahrt selbst - wie ich noch gemächlich, genüßlich in meiner Zeitung geblättert hab, wie ich da noch das Wort ›Jelzin‹ lesen, denken oder sogar aussprechen konnte, ohne daß ich sofort ungefragt eine fremde Meinung zu Rußland, dem Reformkommunismus und seiner Beziehung zum Fundamentalismus um meine Ohren geschlagen bekommen hab, wehrlos...
Himmlische Ruhe hier. Gleich fängt die Lindenstraße an. 18 Uhr 40. Ich geh nirgendwo hin. Ich leg mich ins Bad und spann ab. Und falls irgendwas auf mich warten sollte da draußen - denen schick ich diesmal mein Double. Mal sehen, wie der's rüberbringt!