Jürgen Witte: Menschen im Baumarkt
Wenn ich in einen Baumarkt gehe, dann trage ich für gewöhnlich ein kariertes Hemd. Ich besitze zwei karierte Hemden, und im Baumarkt ist es fast unerläßlich, ein kariertes Hemd zu tragen. Das karierte Hemd signalisiert anderen Baumarktmenschen, dieser Mann, also ich, der kann auch mal eine Rohrzange handhaben, und genau dieses möchte ich dem Verkaufspersonal mitteilen, wenn ich einen Baumarkt aufsuche. Farb- oder Mörtelspritzer auf der Hose sind natürlich noch besser, aber wer hat sowas schon immer im Schrank zu hängen.
Ich will ernst genommen werden, Gleicher unter Gleichen sein. Allein die mitleidigen Blicke der Kittelträger von Bauhaus, zum Beispiel, wenn ein Typ mit ausrasierten Schläfen und aberwitzigem Bärtchen auf sie zukommt, womöglich auch noch einen Ring in der Nase oder anderswo, wo man es gleich sehen kann, das will ich nicht! Also, Szene ist das eine, und ein Baumarkt, das ist das andere.
So ein Szene-Fuzzi, so ein Nachtlebenmensch, der dürfte sich ja tagsüber eigentlich gar nicht auf die Straße trauen. Wenn der so aufgedonnert Kartoffeln bei Krohn kauft, das lappt schon ins Peinliche. Ähnlich kommt das in Kirchen oder eben auch im Baumarkt.
Ich könnte jetzt darüber nachdenken, warum die echten Kreuzberger früher Kreuzberg so gut fanden? Bestimmt nur deshalb, weil sie mit ihrem Nachtmenschenoutfit dort auch tagsüber nicht aufgefallen sind. Einerseits waren sie schon stolz auf ihr gestyltes Äußeres, aber irgendwie peinlich war es ihnen tagsüber trotzdem. Also mußten sie in ihrem Stadtteil die Mehrheit sein, damit das Abnorme auch im direkten Sonnenlicht nicht so auffällt. Zuerst sich als Außenseiter zurechtmachen, und dann doch lieber nicht auffallen. Das scheint das ganze Geheimnis aller Szenemoden.
Gestylte Menschen im Baumarkt haben es schwer. Einerseits prunken sie durchaus gewollt permanent mit ihrem superabgefahrenen Äußeren, und dann müssen sie sich, weil sie so profane Probleme haben wie alle andern auch, vor dem Verkaufspersonal ganz klein machen, damit die ihnen gnädig erzählen, mit welchen Schrauben und Dübeln ihr kitschiges Lämpchen an eine Decke zu bekommen ist.
»Altbau oder Neubau!« herrscht sie der Fachmann an und sieht dabei milde über ihr affiges Outfit hinweg. Falls er aber trotzig reagiert, verkauft er ihnen sofort irgendwelche äußerst stark patentierten Deckendübel, die an keiner einzigen Decke jemals richtig halten.
Der Gestylte versucht krampfhaft so dazustehen, als ob er noch immer alles im Griff hat.
»Was weiß ich, mittelalt denke ich, gibts denn nix für beides?«
»Nee! Is da Luft drin, oder is es massiv Betong?«
»Luft! Also, ich hoffe doch nicht!« säuselt das gestylte Unikum, und beim Fachpersonal verdichtet sich ein bestimmter Verdacht.
»Also, ich hatte ja vorhin wieder so ne Tunte«, wird er nachher im Frühstücksraum berichten, »schwul wie die Nacht! Und det Parföng!«
Sowas, das habe ich mir geschworen, das passiert mir nicht. Auf Fachpersonal in Baumärkten bin ich zwar nicht immer gut zu sprechen, aber dafür können diese armen Menschen meistens nichts. Mein typisches Problem ist ein anders. Das, was ich will, das führen diese Laubenpieperausstatter immer gerade nicht. Wenn ich eine dreieckige Badewanne wollte, oder einen Klodeckel im Muscheldesign, sowas gibt es immer, meistens sogar im Angebot, aber ich habe viel kleinere Probleme.
»Ich brauche einen Kreuzschlitzschraubenzieher, so einen dünnen für diese ganz kleinen Schräubchen, mit einer Schaftlänge von mindestens 25 Zentimetern!«
»Gibts nicht!«
»Bitte?«
»Hammwanich!«
»Ist Ihnen schon mal aufgefallen, daß sämtliche Hersteller von neumodischen elektrischen Geräten mit Plastik-Gehäuse ihre Schrauben aus produktionstechnischen Gründen immer nur an solch unmöglichen Stellen plazieren, daß man allenfalls mit einem Kreuzschlitzschraubenzieher von mindesten 25 cm Länge rankommt?«
»Homhom!«
»Warum bitte, führen Sie dann solche Schraubenzieher nicht?«
»Die wollen eben nicht, daß Sie an die Schrauben rankommen, sowas ist Spezialbedarf, das gibts nur im Elektrikerfachhandel!«
»Fach-Großhandel, meinen Sie. Die verkaufen mir doch nichts!«
»Homhom!«
»Und Sie beteiligen sich hier stillschweigend an dieser Großkonzern-Verschwörung, die mich davon abhalten soll, meine Kaffeemaschine selbst zu reparieren?«
Hätte ich jetzt kein kariertes Hemd an, der Kerl würde mich wegen linker, marktwirtschaftswidriger Propaganda achtkantig aus dem Laden werfen. So aber sieht er, daß auch ich ein Kind seiner Klasse bin, und er wird nachdenklich.
»Da hammse eigentlich recht, aber wissense, die Produkthaftung! Und wir hamm ja da gar keinen Einfluß, was hier verkauft wird und was nicht!«
Ich verfolge still und andächtig seinen Bewußtwerdungsprozeß. Dieser Mann wird ab heute nie mehr die Ideologie seines Arbeitgebers blind vertreten. Da ist plötzlich ein Keil zwischen der Firma Bauhaus und einem langjährigen, treuen Mitarbeiter.
»Aber wissense, das ist ja auch zu gefährlich, mit diesen elektrischen Geräten!« Er macht einen letzten Versuch, seinen Brötchengeber in Schutz zu nehmen. Darauf habe ich nur gewartet.
»Ich soll keine lumpige Kaffemaschine reparieren dürfen, aber ein Regal weiter verkaufen sie mir Sicherungskästen, die ich womöglich unter Spannung und ohne BEWAG-Konzession installieren soll!«
Er sieht mich bestürzt an und nimmt mich sanft beiseite. »Also wissense, da kann ich ja auch immer nur abraten, aber es gibt halt so viele unvernünftige Leute!«