Frank Goosen: Das Glück der Pinguine
Wohnungsnot ist etwas Schlimmes. Vor allem, wenn man selbst davon betroffen ist. Vor einigen Jahren, als ich noch kein Auskommen als Possenleser gefunden hatte, sah ich mich einmal gezwungen, um den freien Platz in einer Wohngemeinschaft zu SPIELEN! Die WG wurde bewohnt von meiner damaligen Gefährtin und einer anderen Frau, deren Sozialpartner ebenfalls Ansprüche auf die freigewordenen 20 Quadratmeter anmeldete. Ich hielt es für eine lächerliche Idee, für diese Entscheidung gleichsam ein mittelalterliches Gottesurteil anzustrengen, anstatt die Angelegenheit in einem herrschaftsfreien Diskurs zu klären. Aber nach einem beinahe handgreiflichen Gerangel mit meinem Vermieter, in welchem es unter anderem um meine mangelnde Bereitschaft zur regelmäßigen Säuberung des Hausflurs gegangen war, drohte ich Ende des Monats auf der Straße zu sitzen, und so ließ ich mich widerwillig auf den Wahnsinn ein. Trivial Pursuit, der banale Zeitvertreib für Möchtegern-Ranickis sollte es sein. Und das ging so:
Mone, jene, in deren Besitz mein armseliger blutpumpender Muskel seinerzeit übergegangen war, und Silvia, die wo verbandelt war mit Eduard, dem Enervierenden, und der, wie schon erwähnt, ebenfalls ein Auge auf das Tipi geworfen hatte, Mone und Silvia also richteten alles her und wollten als Fragestellerinnen, gleichsam also Sekundantinnen fungieren.
Wir spielten die Genius Edition. Ich hätte gerne die Baby Boomer-Ausgabe gespielt, was aber ein durchsichtiges Manöver war. Offensichtlich wollte ich nur den Wissenschaftsfragen aus dem Wege gehen.
Ich wählte den grünen, Eduard den blauen Stein. Mone würde die Fragen für Eduard vorlesen, und Silvia die für mich.
Wir würfelten um den Anfang. Ich hatte eine Vier, Eduard eine Zwei. Ich fing an.
Mit einer Sechs. In welche Richtung sollte ich gehen? Auf das grüne Feld zu? Um die schwierigste Sache vielleicht gleich hinter mich zu bringen? Oder sollte ich mich an Wissensgebieten, die mir näher lagen, erstmal warmlaufen? Unterhaltung? Oder Geschichte? Ich wählte den schwierigen Weg, ging auf Grün. Silvia zog eine Karte aus der Box und las vor:
»Was bedeutet der mathematische Ausdruck für ›Sinus‹ wörtlich?«
Ich mußte grinsen. Es ging gut los.
»Busen«, sagte ich. Sie drehte die Karte um und nickte.
»Das darf nicht wahr sein!« seufzte Eduard.
Ich hatte meinen ersten Stein, gleich mit der ersten Frage in meinem Problembereich. Ich würfelte weiter. Eine Drei. Jetzt galt es, erstmal Punkte zu machen, Boden zu gewinnen, um Eduard psychologisch unter Druck zu setzen. Also ging ich in Richtung Pink und kam auf ein gelbes Feld: Geschichte.
»Welche religiöse Bewegung wurde von Joseph Smith begründet?« las Silvia vor. Mist, dachte ich, Smith? Amerikaner wahrscheinlich. Quäker? Mormonen? Keine Ahnung.
»Mormonen«, sagte ich.
»Richtig«, sagte Silvia.
»Das hast du doch nicht gewußt, das hast du doch geraten!« sagte Eduard.
»Spielt doch keine Rolle, weiter gehts.«
Silvia schob die Karte hinten in den Karton und lächelte so, daß Eduard es nicht bemerkte. Mit einer Eins kam ich auf das graue Feld und durfte nochmal würfeln: eine Fünf. Damit kam ich genau auf das pinke Feld. Nach nur wenigen Minuten stand ich vor meinem zweiten Stein.
»Der bepißt sich ja vor Glück«, schnaubte Eduard.
»Wer war der Regisseur des Films ›Vertigo - Aus dem Reich der Toten‹?«
»Das darf nicht wahr sein!« rief Eduard wieder.
»Alfred Hitchcock«, sagte ich sachlich, der Form halber. Ich bekam meinen zweiten Stein. Mein nächster Wurf war tatsächlich eine Sechs. Damit kam ich bis kurz vor das gelbe Feld.
»Wie heißt der Titel des Buches, in dem Günter Kunert seine Gedanken vor und nach seinem Weggang aus der DDR zu Papier brachte?«
Verdammt, diese Antwort mußte ich wissen. Wußte ich aber nicht. Günter Kunert hatte mich, wie das meiste, was aus der DDR an Literatur gekommen war, nie interessiert. Ich tat noch einige Sekunden so, als läge mir der Titel auf der Zunge, dann sagte ich, ich käme gerade nicht drauf.
»Verspätete Monologe«, las Silvia die Antwort vor.
»Ja, richtig«, sagte ich.
Eduard startete ebenfalls mit einer Sechs und rückte vor auf ein Pink-Feld.
»Los, Unterhaltung!« drängte er.
»Welches Gangsterpaar wurde von Warren Beatty und Faye Dunaway filmisch nachempfunden?« fragte Mone.
»Bonnie und Clyde, Bonnie und Clyde!« rief Eduard eilig.
»Meine Güte, beruhige dich doch mal, du bist ja völlig fickerig!«
»Halt du dich da raus!«
Er würfelte eine weitere Drei und gelangte auf das braune Eckfeld. »Ha!« rief er triumphierend. Ich wünschte ihm eine Günter-Kunert-Frage.
»Wie heißt die Schriftstellerin, die 1938 den Nobelpreis für Literatur erhielt?«
»Scheiße«, sagte Eduard.
»Falsch«, sagte Mone. »Es war Pearl S. Buck.«
»Würfel her«, rief ich. Und wieder kam ich auf ein Roll-again-Feld, diesmal mit einer Sechs. Danach noch eine Sechs. Welche Richtung? Ich hatte den gelben Stein noch nicht. Also wieder zurück, ich erwischte wieder Braun: Wieder Kunst und Literatur. Ich seufzte. Eigentlich ein Bereich, in dem ich mich auskennen muß. Ich bekam aber erfahrungsgemäß immer die falschen Fragen.
Silvia schmunzelte wieder. »Welche Kunst lehrt das indische Buch ›Kamasutra‹?«
»Ficken«, rief ich im besten Ruhrpott-Slang.
»Naja, es heißt hier: Die Liebeskunst.«
»Falsche Antwort!« rief Eduard.
»Komm, das kann nicht dein Ernst sein«, sagte Silvia.
»Ich bitte dich!« empörte sich Eduard. »Das ist hier eine ganz ernsthafte Sache, und er nutzt das, um zu pubertieren!«
»Einspruch abgelehnt. Ficken ist als Antwort akzeptiert, darum gehts schließlich. Oder was meinst du, Mone?«
»Es geht ums Ficken. Antwort korrekt.«
»Auf welcher Seite stehst du eigentlich?« zischte Eduard Silvia an.
So ging das eine ganze Zeit weiter. Es wogte hin und her, Eduard drohte einige Male die Conténance zu verlieren, da meine Fragen angeblich viel zu einfach und seine selbstredend viel zu schwer, kaum lösbar waren. Ich überging dieses alberne Gehabe weltmännisch, stellte jedoch auch in meinem Inneren eine gewisse Erregung fest, die durchaus mit der Grenze zum Ehrgeiz flirtete. Plötzlich war es mir ganz egal, weswegen wir hier waren, ich wollte Eduard nur noch sein großes Maul stopfen. Geradezu atavistische Regungen exhumierten den Neandertaler in mir. Meine Keule suchte Eduards Kopf, die Schaltkreise in meinem Hirn setzten sich nicht mehr aus Ja- und Nein-Bits, Einsen und Nullen zusammen, sondern aus Aga/Uga-Einheiten. Beide sammelten wir verbissen Stein um Stein, und Eduard legte schließlich sogar eine unheimliche Serie hin, stolperte dann aber endlich über die Frage, wer das Märchen ›Die sieben Schwaben‹ geschrieben habe. Ich hatte also die Chance, das ganze unwürdige Schauspiel, das sich zu einer billigen Provinzschmiere gewendet hatte, zu beenden. Ich entledigte mich noch der lächerlichen Information, wer ›Krieg und Frieden‹ verfasst habe und stand schließlich in der Mitte des Bretts: Im Auge des Hurrikans. Eine richtige Antwort noch, und Eduards Schädel würde unter der Wucht meiner Keule ächzen.
Eduard grinste, er mußte jetzt ein Wissensgebiet aussuchen. Natürlich wählte er Grün - Wissenschaften. Hätte ich an seiner Stelle auch getan.
Silvia zog die Karte aus dem Karton.
»Also los!« rief Eduard ungeduldig.
»Wie oft im Jahr«, fragte Silvia, »machen Pinguine Sex?«
»Das ist nicht dein Ernst?« rief ich.
»Doch.«
»Das steht da nicht!«
»Jetzt stell dich nicht so an. Gib eine Antwort oder hau in den Sack!« rief Eduard und seine Stimme zeigte erste Bestrebungen, sich überschlagen zu wollen.
Ich dachte nach. Die Antwort konnte nur einmal oder zweimal lauten, alles andere ergäbe keinen Sinn. Die Chancen standen fifty-fifty. Bei solchen Entscheidungen bin ich immer schlecht. Aber diesmal nicht, dachte ich. Ich bin ganz nah dran, meine Keule rauscht schon durch die Luft. Ich mußte mich entscheiden. Fifty-fifty, eigentlich ganz leicht. Die Antwort auf solchen Fragen lautet immer: Einmal. Das liegt in der Natur der Frage. Es ist eine ›Antwort: Einmal‹-Frage, weil nullmal nicht geht, denn auch Pinguine müssen sich fortpflanzen, also kann die Antwort nur ›einmal‹ lauten, deprimierend für die Viecher, aber die einzig mögliche Antwort, kein Zweifel möglich. Einmal. Die Zahl Eins baute sich vor meinem inneren Auge auf - groß, schwarz und souverän, unverrückbar. Ich stellte mir Pinguine vor. Ein Männchen und ein Weibchen, auf einem blendend weißen Untergrund. Das Männchen hat einen Frack übergeworfen und freit das Weibchen. Wie balzen Pinguine? Tanzen sie? Rufen sie etwas, machen merkwürdige Geräusche, strecken dem Partner den Unterleib entgegen? Wie sieht ein Pinguin-Pimmel aus? Und was sagt das Pinguin-Männchen, wenn es Sex machen will? »Los komm, wir gehen in die Dünen und poppen ein bißchen?« Oder doch etwas förmlicher? »Madame, die Zeit ist reif, wir sollten diese Chance nicht verpassen!« Hing das vielleicht vom Alter des Pinguin-Männchens ab? Oder waren es hier gar die Weibchen, die die Männchen freiten? Wer sagt denn, daß die Tierwelt ähnlich chauvinistisch organisiert ist wie die des Homo angeblich-sapiens? Ich stellte mir zwei Pinguine beim Vögeln vor. Sie oben. Macht rhythmische Bewegungen, verdreht die Augen, stöhnt. Er unten. Hat die Augen geschlossen, stöhnt auch, ist offensichtlich zufrieden. Eine Weile nur übliches Geplänkel, dann bewegt sie sich plötzlich schneller, atmet stoßweise, fängt an mit den Flügeln zu schlagen und erhöht ihren Geräuschpegel. Vor und zurück, vor und zurück, sie sieht ihn gar nicht mehr an, geht völlig in sich selbst auf, vergißt alles um sich herum und kommt schließlich in einem lauten, kurzen Schrei, und das war es dann: Der Fick des Jahres.
»Zweimal«, hörte ich mich sagen.
Drei Tage später ist Eduard in das freie Zimmer eingezogen.