Hans Duschke: Auf dem Drahtesel »Total Recall«
Ich hatte damals ein zu einem Bonanza-Fahrrad umgebautes Holländerrad, unterschiedliche Radgrößen und einen sehr hohen Lenker. Natürlich Dreigangschaltung mit scharf eingestellter Rücktrittbremse. Aber bremsen, das war das uncoolste, totale Energieverschwendung. Immer war es unser Ehrgeiz, große Strecken zurückzulegen, ohne auch nur einmal zu bremsen. Man mußte den Schwung mitnehmen und sich tief in die Kurve legen. Bremsen war nur gestattet bei einem ›Abdrängeln‹ genannten Spiel.
Bis zur Schule waren es 300 Meter, ich ging nie zu Fuß. Einmal wettete ich mit Volker Rettmann, daß wir das Mittagessen nach der Schule mit den Fingern essen würden, sozusagen als multikultureller Selbstversuch. Bei uns gab es Kartoffelbrei, Volker gestand am nächsten Tag, er habe sich unter Mamas tadelndem Blick nicht getraut. Ich war menschlich enttäuscht, sagte aber nichts.
Bei schönem Wetter, nach der Schule oder in den Ferien, zum Baden an die Nordsee.
Treffpunkt Marktplatz, die Stufen vor der Marienkirche. Die Großstraße entlang, an Karstadt vorbei. Dann die Neustadt hoch, man könnte auch geradeaus, vorbei an winzigen Fachwerkfischerhäuschen, über uriges Kopfsteinplaster, oder rechts durch die Fußgängerzone, und dann den Hafen entlang bis zur Schleuse, doch wir fuhren meistens die Neustadt hoch. An der großen Kreuzung links, über die Bahngleise Hamburg-Westerland; die Stadt war sehr plötzlich zuende, noch 2 km Rennstrecke unten den Deich entlang; das Schaftor zum Strand mit dem Vorderrad aufstoßen, erster Gang den Deich hoch und auf der anderen Seite: Nicht bremsen, ausrollen lassen. Wenn das Fahrrad nicht mehr weiter will und umfällt, da wird das Handtuch hingelegt, dort lagern schon die Freunde.
Wenn Ebbe ist und die Touris das Wasser scheuen, baden wir in der Fahrrinne, das ist wegen der starken Strömung nicht ungefährlich, sehr sauber ist vor allem das ablaufende Wasser auch nicht; die Abfälle der Großschlachterei (und angeblich auch des Krankenhauses) werden beinahe ungefiltert ins Meer geschüttet. Auf der anderen Seite der Fahrrinne kann man sich auf der Mole in die Sonne legen, Schlickschlachten veranstalten, Braunalgenbläschen zerdrücken, oder eine Zigarette rauchen, die man, wasserdicht verpackt, mit rübergenommen hat.
Aber das war ja viel später, wir fuhren nachts zum Baden, und ich kann mich an eine Erektion erinnern, das war, als das Meer schaumig wurde. Ich war inzwischen Diskjockey im Jugendfreizeitheim, trug ein schwarzes Jackett und lange Haare.
