Gabi Schlaug: Familienfest
Wir sitzen auf der Terasse herum, trinken Alkohl und knabbern an Aldi-Knabberzeug. Mein schmächtiger Onkel kommt dazu, ein Skelett, dem jemand zum Scherz einen Ballon als Kopf aufgesetzt hat. Verwelkt sitzt er vor seiner Weinflasche, die er sicherheitshalber selbst mitbrachte, und starrt vor sich hin. Bei jedem Schluck verzieht er das Gesicht vor Schmerzen.
Er hat das Kind einer amerikanischen Bekannten mitgebracht. Er beschließt, ihm Deutsch beizubringen, steht auf, streckt den Arm aus und brüllt »Heil Hitler«. Das Kind schaut ihn verständnislos an, während er immer lauter und ekstatischer wird und es anschreit, es solle ihm nachsprechen.
Keiner sagt etwas, alle lächeln verkrampft und versuchen, Unterhaltung herzustellen. Schließlich ist der 50. Geburtstag ein ganz besonderer Tag im Leben.
Ich frage ihn, ob er nicht mit dem Blödsinn aufhören könne. Da wir aber eigentlich seit acht Jahren nicht mehr miteinander reden, reagiert er nicht. Schließlich packe ich ihn am Kragen und schmeiße ihn in die Ecke. Dazu gehört nicht viel.
Er schaut ziemlich erstaunt, ich setzte mich wieder hin. Seine Freundin hilft ihm auf die Beine und ruft ihre Söhne, die in der Landschaft gar nicht so leicht zu erkennen sind, da sie in unförmigen Tarnanzügen stecken, zu sich. Wortlos packt sie ihre Sachen ein, und die Truppe begibt sich auf den Heimweg.
Vater ruft aufmunternd hinterher: »Bleibt doch noch ein wenig!«