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Sarah Schmidt: Liebeskummer

Mein Sohn scheint zum ersten Mal verliebt zu sein. Die Angebetete ist ein türkisches Mädchen. Sie ist zwar gleich alt wie mein Kind, aber etwa fünf Jahre weiter entwickelt, ein gutes Stück größer, mindestens zehn Kilo schwerer und eines von den Mädchen, die bei Schulaufführungen aufreizende Tänze zu Musik von den Back Street Boys vorführen. In knappen, bauchfreien Oberteilen und mit Hüftbewegungen, die einem den Atem nehmen. Nebenbei scheint sie sogar ganz nett zu sein, mein Sohn darf bei ihr auf dem Schoß sitzen (andersrum würde es anatomische Probleme geben), und sie gehen zusammen spazieren. Das alles gefällt mir ganz gut. Ich bin froh, daß er scheinbar beliebt bei den Mädels ist. Uneigentlich mache ich mir Sorgen! Die ist viel zu entwickelt für meinen Kleinen. Wahrscheinlich hat sie drei große Brüder, die ihn schlagen, wenn er nicht das macht, was sie erwartet. Und noch schlimmer, sie könnte das Interesse an ihm verlieren. Und dann hat er Liebeskummer. Und da weiß ich wirklich Bescheid. Ich hatte, als ich wenig älter war als er, einskommafünf Jahre lang Liebeskummer. Nur kurz von unwichtigem Geplänkel auf Klassenfahrten oder Kinderlandverschickungen unterbrochen. Aber kaum zurück in Berlin, war ich dem Unglück wieder treu. Das war das erste und letzte Erlebnis wirklicher Treue. Hab ich später als unnütz abgelegt.

Er war aber auch süß! Auch ich war etwa zehn Zentimeter größer als mein großer Schwarm Lutz. Lutz war drei Jahre älter, das war wohl auch der wichtigste Grund sowohl für meine Liebe, als auch für seine Ablehnung. Was kann man mit 17 schon mit 14jährigen anfangen?

Ich schrieb ihm herzzerreißende Liebesgeständnisse (das hab ich danach auch nicht mehr gemacht), und zur Belohnung durfte ich dann manchmal am Freitagabend auf der Disco im Jugendfreizeitheim mit ihm Blues tanzen. Dann war die Woche gerettet, und ich fieberte auf den nächsten Freitag hin. Tanzte er nicht mit mir, war die Welt schrecklich, und ich schloß mich mit meiner Freundin im Mädchenklo ein: »Er liebt mich nicht!!!«

»Doch Sarah, ich glaub schon, ich hab doch gesehen, wie er dich letzte Woche Mittwoch so süß angelächelt hat.«

»Meinst du? Aber warum ist er dann so gemein zu mir?«

»Bestümmt. Ich mein, soo lächelt der doch nicht einfach nur so. Der ist halt schüchtern.«

»Ja, schnief, schnief, ist das nicht süß?«

Ich glaub, Jungs machen sich überhaupt keine Vorstellungen darüber, daß sie ununterbrochen beobachtet werden und daß dann alles, also, jede Bewegung, jedes Wort, jede Geste, einfach alles von den interessierten Mädchen analysiert wird. Is nix mit heimlich popeln, oder so. Keine schöne Vorstellung. Ein bißchen wie bei Insekten unter dem Mikroskop.

Naja, nachdem ich meiner Freundin auch versichert hab, daß ihr Schwarm ganz bestimmt total interessiert an ihr ist: »Aber du weißt ja, wie doof Jungs sind. Die können nicht anders!« gings uns wieder besser.

Nachdem wir uns also auf diese Art gegenseitig belogen haben, kippten wir ne Schachtel Ephedrin mit Bier runter und waren für den Abend nicht mehr an Lutz und Gerd interessiert. Noch schöner war Liebeskummer im größeren Verband. Die Mädchenklos waren Stätten der Begegnung und nicht selten standen wir zu zehnt da rum und jede, jede hatte Sorgen. Die, die einen Freund hatten, weinten, weil er irgendwas Doofes gesagt hatte, die, die keinen hatten, weinten, weil er nichts Doofes zu ihnen gesagt hatte, und die, die gar nicht verliebt waren, weinten, weil ihre Freundinnen ihnen unterstellten, sie hätten ihren Typen schöne Augen gemacht. Mit schöner Regelmäßigkeit haben wir die abendliche Jugendheimlangeweile mit einem kollektiven Hysterieanfall aufgepeppt.

Mindestes zwei Mädels mußten sich dann auf dem Höhepunkt in die Kabinen einschließen und sich die Pulsadern aufschneiden. Einem anderen Mädchen fiel die Aufgabe zu, schon am frühen Abend mindestens zehn Tabletten zu schlucken und nun langsam, aber äußerst attraktiv, auf den Boden zu sinken. Das war dann der Punkt, an dem die Sozialarbeiter einschritten. Für die eine wurde ein Krankenwagen bestellt, den anderen unter viel Geschrei die aufgeritzen Arme verbunden.

»Laß mich, ich will sterben!« Die Jungs haben nie so richtig was zur Wochenendunterhaltung beigetragen. Naja, da hat sich nicht viel geändert.

Aber zurück zu Lutze. Irgendwann hat er ne Freundin gehabt. Und was für eine. Eine echte Schabracke namens Roswitha. Wat das schon fürn Name ist. Der sagt doch alles. Roswitha war echt zickig und wirklich nicht die Richtige. Das konnte schließlich nur ich sein. Mein Kummer war unendlich groß. Jeden Abend zu Hause legte ich meine traurigste Platte auf und heulte die Kissen voll. Als ich es nicht mehr aushielt und auch mein allertraurigstes Gesicht ihn nicht erweichen konnte, sich endlich der Richtigen, mir, zuzuwenden, wollte ich sterben. Ich lief nach Hause und überlegte mir den besten Weg dazu. Da mir nichts wirklich Gutes einfiel, legte ich mich einfach auf die Mecklenburgische Straße und wollte mich überfahren lassen. Nach zehn Minuten kam immer noch kein Auto, und ich stand wieder auf, weils langweilig wurde. Ich war froh, daß mich niemand gesehen hatte und war geheilt. Zu Hause warf ich die Platte weg und fand Lutz fortan blöd.

In klaren Momenten finde ich es doch ziemlich erschreckend, daß ich nur noch lebe, weil Selbstmord so langweilig ist. Und das soll ich jetzt alles bei meinem Sohn zulassen? Auf keinen Fall! Ab sofort gibt es keine Treffen mehr mit Mädchen, und zwar mindestens, bis er 30 ist.

Copyright: Sarah Schmidt

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 19
Titelbild
Vorrede
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