Ahne: Ein Tag in unserer WG
Irgend etwas ist faul. Es stinkt. Es stinkt bei uns in der Küche. Nach Moder. Es ist ein Geruch, der einem den Magen umdreht.
Ich setze einen Kessel Wasser für Kaffee auf. Es ist zu früh, um mit der Suche nach der Stinkursache zu beginnen. Vielleicht wird es ja auch von alleine besser. Alleine am Tisch. Ich sitze da ganz alleine, die Beine verschränkt, den Kopf in meine Hände gestützt. Die Sonne beginnt draußen ihre Bahn zu ziehen. Ein Vogel hüpft auf dem Fensterbrett hin und her. Moment mal, das habe ich doch schon mal erlebt. Genau das Gleiche. Nee, nee, diese Déjà-vus. Die bringen mich nochmal um den Verstand. Los jetzt, Kaffee in den Filter, Wasser drauf, fertig. Kaffee ist fertig. Ich bin fertig. Es stinkt erbärmlich. Ein Tier. Es stinkt nach verendetem Tier. Vielleicht in der Kammer? Ich schließe die Kammer auf. Richtig. Da liegt ein verendeter riesiger Büffel aus Nordamerika. Von den Indianern. Er ist aufgebläht. Die Farbe ist merkwürdig. So zwischen Rot und Grün. Überall wimmelt es von Maden. Das ist ja ein dolles Ding. Verwesender Büffel in unserer Kammer. Wer hat den da reingelegt? Sicher wieder so ein verrückter Scherz. Eklig.
Ich setze mich wieder an den Tisch zurück und probiere ein Schlückchen vom frisch aufgebrühten Kaffee. Das tut gut. Bringt das Denken auf Hochtouren. Ein Scherz also. Schöner Scherz. Welches Arschloch war das? Gerade erst umgezogen, und jetzt sowas. Ich kucke in unserem WG-Mitteilungsheftchen nach. Donnerstag, 15. August. Tatsächlich, da stehts: »Habe großen Indianerbüffel gekauft. Wegen Scherz. Liegt in Kammer. Bitte nicht wegräumen, bevor er entsetzlich stinkt. Simone.«
Aha, Simone also. Tut immer so, als könnt sie kein Wässerchen trüben. Macht sogar manchmal den Abwasch. Das ist also ihre andere Seite. Eklige Scherze. Ich schaue nachdenklich in meinen Kaffee. Was bin ich nur in so'ne WG geraten. Ein Wing Chung-Kämpfer, der einem ständig den Schädel eindreschen will, eine auf zwei Meter hohen Absätzen stolzierende Außerirdische, die am liebsten als Tapete an der Wand hängt, ein Hund, der normalerweise schon zehn Jahre tot sein müßte, und diese Simone, die bisher eigentlich ganz normal wirkte, nun einem aber verwesende Büffel in die Kammer stopft.
Dazwischen ich: 28 Jahre alt, 1 Meter 81 groß, Schüler mit 08/15 Leben, der sich früh und abends wäscht, unauffällige Kleidung trägt, gerne Milch und Kaffee trinkt; eben ein Mensch, der auch in jeder anderen Wohnung wohnen könnte. Doch nein, mein Zuhause nennt sich Lottumstraße 10, Erdgeschoß.
Ich trinke den letzten Schluck aus. Es ist ein großer Schluck. Aber egal, in einem Zug runter. Hui, Hals verbrannt. Macht nichts. An die Arbeit. Scherz wegräumen. Suche den Fuchsschwanz, den Bert im Ofen versteckt hat. Finde ihn hinter einer glühenden Kohle, die noch vom letzten Winter da sein muß. Schlurfe zur Kammer. Halte mir mit einer Hand die Nase zu. Säge mit der anderen Hand den Büffel in transportable Stücke klein. Lege die Stücke ordentlich auf dem Hinterhof vor der Kunstschule ab und beschichte sie etwa zehn Zentimeter hoch mit den übriggebliebenen Maden. Wische die Kammer mit Staublappen ordentlich aus. Schlage die dicke Fliege an der Tapete tot. Moment mal! Merke, daß die Tapete gar keine richtige Tapete ist, sondern Nadja, die sich zum Schlafen an die Wand gehängt hat. Bekomme nun erstmal Tracht Prügel. Nadja ist ziemlich sauer, wegen der toten Fliege auf ihrem Kleid. Kann ich verstehen. Werde nächstes Mal besser hingucken beim Fliegentotschlagen. Plötzlich steht Simone im Zimmer. Kann es gar nicht fassen, daß ich ihren Scherz so vermasselt habe. Fängt an zu weinen. Tanzt einen traurigen Tango mit unserem Hund durch die Küche. Überlegt, ob sie sich das Leben nehmen soll. Wäscht sich dann aber doch lieber die Haare. Mein ganzes Leben zieht nochmal an mir vorbei. Halt, das ist doch immer so, wenn...
Kann gerade noch ausweichen. Ein Fuß schießt um Millimeter an meinem Kopf vorbei. Bert hatte einen neuen Tritt gelernt, und wollte den nun mal ausprobieren. Er lächelt. Ich komme mir irgendwie doof vor und bitte um ein WG-internes Plenum. Klage den anderen mein Leid. Kann so nicht mehr leben. Da beginnt Bert von Lao-Tse zu erzählen, von den verschiedenen Wegen, die zum Ziel führen. Wir trinken ein paar Bierchen. Nadja sagt: »Wichtig ist die Toleranz.« Simone schreibt in unser Büchlein: »Nicht vergessen, 43 Ringelnattern kaufen. Stichwort: Scherz.« Kolja, der alte Hund, hat bereits die Schicht Maden auf dem Hof geschafft und bemüht sich nun um die Büffelteile. Und ich denke bei mir: »So schlimm ist es ja nun wiederum auch nicht. Hauptsache, man ist überhaupt irgendwo zu Hause.« Und so haben wir wieder einen Tag geschafft, jeder auf seine Art und Weise.