Jürgen Witte: Arbeitsplätzchen backen
Seit einigen Monaten kursiert ein Schreiben in Arbeitgeberkreisen, das der Salbader. seinen Lesern hier exclusiv präsentiert:
Arbeitsplätzchen backen, macht alle mit.
Lieber Arbeitgeber,
dies ist eine Aktion der Bundesregierung. Wenn Du diesen Brief erhältst, stehen vier Millionen Mitbürger arbeitslos auf der Straße (Liste im Anhang). Gerade jetzt zur Weihnachtszeit bitten wir Dich, einen der fünf an erster Stelle stehenden Arbeitslosen einzustellen.
Dafür darfst Du drei Mitarbeiter, von denen Du Dich in nächster Zeit trennen willst, der Liste unten anfügen. Verschicke nun in spätestens einer Woche diesen Brief mit der neuen Liste an fünf weitere Unternehmen deiner Wahl.
Es liegt in Deinem eigenen Interesse, diese Kette nicht zu unterbrechen. Der Nettogewinn von 2 abbaubaren Arbeitsplätzen sollte Dir Anreiz genug sein. Die Aktion ›Arbeitsplätzchen backen‹ ist unser aller letzte Hoffnung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Das Statistische Bundesamt hat berechnet, daß wir mit dieser neuen Kettenbriefpolitik tatsächlich bis zum Jahre 2000 die Arbeitslosigkeit besiegt haben werden.
Hochachtungsvoll
Norbert Blüm, Bundesarbeitsminister
P.S.: Ein Miederhakenhersteller in den USA, der eine ähnliche Kette abreißen ließ, mußte nur wenige Wochen später Konkurs anmelden, bekam kurz darauf Magen-Krebs und starb noch im gleichen Jahr völlig mittellos im Armenkrankenhaus der barmherzigen Schwestern von Brooklyn. Seine Leichtfertigkeit führte einige Monate später zur großen Weltwirtschaftskrise von 1929.