Mascha Kaleko: »Interview mit mir selbst«

Ich bin vor nicht zu
langer Zeit geboren
In einer kleinen klatschbeflissenen Stadt
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein
meistgesprochenes Wort als Kind war »nein«,
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück:
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein

Im letzten Weltkrieg
kam ich in die achte
Gemeinschaftsschule zu Herrn Rektor May
Ich war schon zwölf, als ich mir dachte,
Daß, wenn die Kriege aus sind, Friede sei.

Zwei Oberlehrer
fanden mich begabt,
Weshalb sie mich -zwecks Bildung- bald entfernten;
Doch was wir auf der hohen Schule lernten,
Ein Wort wie »Abbau« haben wir nicht gehabt.

Beim Abgang sprach
der Lehrer von den Nöten
Der Jugend und vom ethischen Niveau -
Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten.
Ich aber trat nur ins Büro

Acht Stunden bin ich
dienstlich angestellt
Und tue eine schlecht bezahlte Pflicht.
Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht.
(Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.)

Bei schönem Wetter
reise ich ein Stück
Per Bleistift auf der bunten Länderkarte
- An stillen Regentagen aber warte
Ich auf das sogenannte Glück...