Bov Bjerg: Paternoster
Immer mal wieder versuchen sozial engagierte Autoren, in ihren Werken richtige Arbeiter zu beschreiben: »Der Mann an der Kotflügelpresse hatte nur noch sieben Finger, doch er beklagte sich nicht.« Oder, noch besser, der Arbeiter kommt selbst zu Wort: »Ick bin int Baujewerbe tehtich (tätig) und spreche den Alkohol zu.« Das ist sicherlich richtig und wichtig. Doch was ist mit dem Heer der Angestellten und Beamten? Ihre Arbeitswelt wird totgeschwiegen. Umso wichtiger erscheint es, folgende Aufzeichnungen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.
1. Arbeitstag
Im Amtsgebäude gibt es einen Paternoster-Aufzug. Sinnbild des ewigen Auf und Ab. Alles fließt. Steiler Aufstieg, jäher Fall. Himmel und Hölle. Yin und Yang. Lolek und Bolek. Am ersten Arbeitstag schon den Titel für meinen großen Büro-Roman gefunden: ›Paternoster‹. So entsteht Literatur, die nach vorne losgeht!
3. Tag
Kollege Sonnberger bringt sich immer Buletten mit, die er in der Mittagspause heimlich im Büro verzehrt. Sagt, er hätte zu tun. Ich brauche mich nicht zu verstecken. In der Kantine Eisbein gegessen. Hat etwas Ehrliches. Etwas Archaisches. Werde jetzt immer Eisbein essen. Hemingway geht zum Stierkampf, ich esse Eisbein.
8. Tag
Nach reiflicher Überlegung zum ersten Mal mit dem Paternoster gefahren. Darin eine Tafel: »Kindern und Gebrechlichen ist die Benutzung verboten.« Aha! Eine weitere Tafel: »Weiterfahrt durch Boden oder Keller ist ungefährlich«. Kenne niemanden, der behauptet, er sei in einem Paternoster schon mal unten oder oben herumgefahren. Das heißt: Es gibt keine Überlebenden!
18. Tag
Noch vor Arbeitsbeginn zur Stärkung der Willenskraft Paternoster gefahren. Im Erdgeschoß ausgestiegen, Aktentasche unauffällig drin stehengelassen. Kabine kam aus dem Keller, Aktentasche stand unversehrt, so wie ich sie zum letzten Mal gesehahren lassen. Er zitterte etwas, als er wieder hochkam, und ein welkes Blatt war abgefallen!
37. Tag
Habe Sonnberger versprochen, ihm ein ganzes Kapitel zu widmen, wenn er das Meerschweinchen seines Sohnes mitbringt.
38. Tag
Sonnberger hat Meerschweinchen mitgebracht. Meerschweinchen in den Paternoster gesetzt und durch den Keller fahren lassen. Kabine kam wieder hoch, leer. Sonnberger fünf Mark gegeben. Neuer Romantitel: ›Paternoster oder: Wem die Stunde schlägt‹.
39. Tag
Am Vormittag kleiner Streit mit dem Kollegen Sonnberger. Er nimmt mir die Sache mit dem Meerschweinchen immer noch übel. Am Nachmittag wieder Versöhnung. Habe Sonnberger versprochen, meinen Büro-Roman ›Sonnberger‹ zu nennen, wenn er einmal mit dem Paternoster durch den Keller fährt. Hat sich Bedenkzeit ausgebeten.
42. Tag
Ohne Sonnberger ist das Büroleben nicht mehr zu ertragen. Ich spüre, daß meine jahrelangen Studien an einem Wendepunkt angelangt sind. Mittags Hühnerbrühe. Ob ich es wage? ›Der alte Mann und der Paternoster.‹
Bricht hier leider ab. Vortreffliche Ärmelschoner-Prosa gibt es noch von Franz Kafka. Aber das ging auch nicht gut aus.
