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Hinark Husen: Kladdenklau

Tatort: ein recht nobles Café in der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Ich sitze bei einem Bier vor meinem kleinen Büchlein und sinniere über den vergangenen Arbeitstag. Am Tisch schräg gegenüber hockt einsam ein junger Mann, saugt angestrengt an einer Filterzigarette und schreibt, in sich blickend, aber an die Decke starrend, in eine unheimlich dicke China-Kladde. Vor sich das geradezu obligatorische Glas Rotwein, leider etwas klischeeabschweifend aus dem Hause Schultheiß. Sicherlich arbeitet er an seinem ersten Roman und ich beschließe einen Haß-Text über junge Schnösel zu schreiben, die alleine in Cafes sitzen, verinnerlicht durch die Gegend starren und aufs heftigste Tinte verschwenden.

Äußerst erfreut über diese Idee mache ich mir eine kleine Notiz, muß aber recht schnell feststellen, daß auch ich alleine in einem Café sitze und Tinte verschwende. Nun gut, ich werde also keine Geschichte schreiben über junge Schnösel, die alleine in Cafés sitzen und vor sich hin kritzeln. Ich mache mir gerade Gedanken über die sexuelle Disposition meines Gegenübers, als sich zufällig unsere Blicke treffen. Er schaut mich kurz an und kritzelt dann emsig weiter. Der Typ wird doch nicht etwa über mich schreiben? Nein, wahrscheinlich hat er überhaupt nichts mit Literatur im Sinn, sondern bastelt nur an seinem Einkaufszettel oder stellt eine Thekenmannschaft für ein Fußballturnier zusammen. Ungewöhnlich nur, daß er hierfür eine China-Kladde nutzt. Ich beobachte ihn interessiert und lange. Er schreibt fleißig weiter. Sollte er tatsächlich an einer Mannschaftsaufstellung arbeiten, müßte er jetzt an die 70 Namen auf seiner Liste haben, eine beneidenswert große Ersatzbank.

Ich leere mein Glas und bin geneigt, ihm »Es reicht!« hinüber zu rufen, als er innehält, abermals zu mir herüber blickt, um gleich wieder in seiner Papierentjungferung fortzufahren. Also doch, ich war mir nun sicher: Er kann nur über mich schreiben. Weder die Kellnerin, noch andere vereinzelt umhersitzende Gäste hat er bisher eines Blickes gewürdigt. Welch eine unverfrorene Dreistigkeit, und das in meiner Anwesenheit. Er könnte wenigstens warten, bis ich meine Zeche bezahlt habe und gegangen bin. Dann kann er sich von mir aus das Maul über mich zerreißen und allen Anwesenden erzählen, welch ein riesengroßes Arschloch ich bin. Aber doch nicht schriftlich und wenn ich ihm dabei fast über die Schulter schauen kann. In meiner stillen Empörung beschließe ich einen Tequila zu kippen, ihm dann die Kladde zu entreißen und die betreffenden Seiten vor seinen Augen zu zerfleddern. Wenn sich jemand über mich lustig machen darf, dann bin das in erster Linie immer noch ich selber.

Ich bestelle einen zweiten Tequila und beschließe, ihn öffentlich bloßzustellen. Ich werde diesen verblendeten Schreiberling derartig durch den Kakao ziehen, daß er sich nie wieder in Berlin in ein Café traut, um dort in aller Seelenruhe das Ansehen anderer Gäste mit seiner elenden Schreibe zu besudeln. Ich beginne bereits aufgewühlt an meinem vernichtenden Traktat zu arbeiten, als ich aus den Augenwinkeln beobachte, wie er aufsteht und auf die Toilette verschwindet. Ein genialer Gedanke überkommt mich jetzt. Auch ich stehe nun auf, trinke an der Theke noch einen Tequila auf die Schnelle, zahle meine Rechnung und greife im Abgang nach dem Buch, blitzschnell und in der Gewißheit, daß mich in diesem Moment niemand beobachtet. Erst in der U-Bahn angekommen, wird mir die mögliche Tragweite meines verwerflichen Tuns klar. Ich sitze da und wage nicht die Kladde aufzuschlagen. Was habe ich getan? Ein hoffnungsvolles Dichtertalent um die Früchte seiner Arbeit gebracht? Er wird, den Verlust bemerkend, sogleich in seine kleine, verkommene Wohnung laufen und sich dort auf dem Außenklo die Pulsadern aufschneiden. Folglich wird nun Blut an meinen diebischen Händen kleben. Vielleicht wird er sich, hoffe ich im Stillen, nur aufhängen, um mir eine derartig grausame Seelenpein zu ersparen! Mich fröstelt. Noch immer wage ich keinen Blick in die Kladde. Natürlich wird sie fast bis zur letzten Seite engzeilig beschrieben sein; ein Ausnahme-Roman mit überbordender sprachlicher Virtuosität, voll mit geistreichen Aphorismen, überraschenden Wendungen - der große Wurf der deutschen Nachkriegsliteratur, auf den Reich-Ranicki bis zum heutigen Tage wartet. Vielleicht könnte ich etwas retten, indem ich die Veröffentlichung selbst in die Hand nähme und die unglaublichen Gewinne in eine neuzugründende Stiftung für beraubte Literaten investierte. Aber unter welchem Namen sollte ich dieses Jahrhundertwerk veröffentlichen? Ich beschließe, sorgfältig die Todesanzeigen der nächsten Tage nach plötzlich verstorbenen jungen Männern in Neukölln zu untersuchen.

Doch was tun, wenn der arme Kerl keine Angehörigen hat und nun monatelang in seiner Toilette traurig vor sich hinschimmelt. Keine Todesanzeige, kein Name. Aber, - ich halte ja die Kladde in den Händen, sein Eigentum, und dergleichen versieht man, noch dazu wenn es etwas derartig Persönliches ist, mit seinem Namenszug. Es hilft alles nichts. Aufgeregt wie ein Pennäler am ersten Schultag mit Tränen der Rührung in den Augen schlage ich es auf, das Buch der Bücher, das Einzige, das Original und beginne zu lesen:

Tatort: ein recht nobles Café in der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Ich sitze bei einem Bier vor meinem kleinen Büchlein und sinniere über den vergangenen Arbeitstag. Am Tisch schräg gegenüber hockt einsam ein junger Mann, saugt angestrengt an einer Filterzigarette und schreibt, in sich blickend, aber an die Decke starrend, in eine unheimlich dicke China-Kladde.

An dieser Stelle breche ich erschrocken ab. Verwirrt überfliege ich die nächsten Zeilen und lese den letzten Satz:

Verwirrt überfliege ich die nächsten Zeilen und lese den letzten Satz:

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 19
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Schnittchen
Horst Evers: Zukunftsfragment 14 Manfred Maurenbrecher: Der Besuch Jürgen Witte: Menschen im Baumarkt Bov Bjerg: U-Bahn im internationalen Vergleich Frank Goosen: Das Glück der Pinguine Andreas Scheffler: Junges Glück Hans Duschke: Auf dem Drahtesel »Total Recall« Gabi Schlaug: Familienfest Sarah Schmidt: Liebeskummer Jan Böttcher: Ein Kurzes Ahne: Ein Tag in unserer WG Horst Evers: Wohnungseinrichtung Funny van Dannen: Geschicht der Arbeit Jürgen Witte: Arbeitsplätze backen Mascha Kaleko: »Interview mit mir selbst« Bov Bjerg: Paternoster Hinark Husen: Kladdenklau Falko Hennig: Reise aufs Land Andreas Scheffler: Ich war der Böse Ahne: In Sachen schnüffeln unterwegs Bov Bjerg: Notes of a dirty young man Horst Evers: Die dämlichste Wette des Jahrhunderts Tube: Die Beammaschine
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XXI
Kavara Bistroj: Der Ausländer
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