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Andreas Scheffler: Ich war der Böse

Die Stadt Dresden verfügt über eine große, saubere Fußgängerzone. Schulklassen ziehen aufgeregt von Burgerking zu McDonalds und zurück. Japaner fotografieren Japaner vor pittoresken Brunnen. Die Touristeninformation verkündet, daß Karten für ein Konzert von Patrick Lindner ab 55 Mark zu haben sind, Udo Lindenberg kostet nur 46. Bevor mich mein Zug zurück nach Berlin bringt, bleibt mir eine Stunde Aufenthalt für die Dresdner Fußgängerzone, aber das reicht auch.

Am Tag zuvor hatte mich ein Redakteur des Mitteldeutschen Rundfunks angerufen und gefragt, ob ich an einer Talkshow zum Thema Volksmusik teilnehmen würde. Ich zum Thema Volksmusik? Warum? - Nun, vor fast einem Jahr hatte ich in einer angesehenen Tageszeitung eine Polemik gegen das Volkstum geschrieben. Der MDR brauchte jemanden, der schimpft.

Was macht man nicht alles für Geld! Sogar in aller Hergottsfrühe in den Zug steigen und nach Dresden reisen, um in der täglichen Sendung ›Juliane & Andrea‹ als Talkgast aufzutreten.

Das Taxi bringt mich zu den MDR-Studios in der Kesselsdorfer Straße, schlichte, weiße Bauten ohne jeden Glanz, die nicht vermuten lassen, daß hier Unterhaltung produziert wird. Die Aufnahmeleiterin holt mich an der Pforte ab, und ich unterschreibe meinen Vertrag über eine Summe, von der ich einen knappen Monat leben kann. Ich bin bereits höllisch nervös, und meine Hände zittern beim Schreiben. Im Zug hatte ich zur Vorbereitung einen Artikel von Alexander Osang über die Wildecker Herzbuben gelesen und einen Piccolo getrunken. Dabei formulierte ich Sätze, die ich in der Show sagen wollte: »Wer seine Informationen ausschließlich aus der Bildzeitung bezieht und dann abends noch Volksmusik hört, der hat gar nichts mehr zum Denken.« Oder: »Volksmusik ist Vorspiegelung falscher Tatsachen.«

In diesem Moment, im Büro der Aufnahmenleitung, sind alle diese Formulierungen weg. Ich werde in den Gästeraum geführt und treffe im Flur auf Juliane. Wie soll ich sie ansprechen? Mit dem Vornamen? Sie kommt mir zuvor: »Guten Tag, Herr Scheffler, halten Sie bloß ordentlich dagegen. Ich will, daß Sie hart bleiben.« Schon ist sie wieder verschwunden. Ich wünsche mir noch einen Sekt, aber im Gästeraum stehen lediglich Kaffee, Tee, Wasser und Saft.

Ich werde immer aufgeregter, besonders, als mit dem allmählichen Eintreffen weiterer Gäste klar wird, daß ich hier der einzige Volksmusikfeind bin. Außer Achim Menzel, der kurz vor Beginn der Aufzeichnung eintrifft, kenne ich niemanden, aber alle anderen benehmen sich wie eine große Familie. Man unterhält sich über die Stimmbänder von Stefanie Hertel, über Auftritte in zugigen Zelten und den Stimmbruch des kleinen Matthias, der zwischen seinen Großeltern auf einem Sofa hockt und schweigt. Ich sitze unbeachtet in einer Ecke.

»Wollen wir nachher mal alle sagen, daß wir das nur wegen der Kohle machen?« ruft plötzlich einer der Musikanten. - Ein Scherz?

»Achtung, Feind hört mit«, zischt die Sängerin Mara Kayser dazwischen.

Mara Kayser kann mich nicht ausstehen. Mit ihr, einem TV-Produzenten namens Herr Jürgens, mit Menzel und schließlich Juliane sitze ich wenig später auf dem Podium des kleinen Studios. Die anderen Promis sind zwischen den Zuschauern verteilt, die im wesentlichen aus Omas und einer Schulklasse bestehen. Juliane & Andrea sind bester Laune, treiben Scherze ohne Unterlaß und lesen ihre Überleitungen vom Teleprompter ab. Oft muß wegen eines Versprechers die Aufzeichnung unterbrochen werden. Bei diesen Gelegenheiten erscheint eine Frau mit Puderquaste. Ich muß laufend abgetupft werden. Alle anderen machen einen gelassenen Eindruck, ich aber schwitze wie ein mit Eiswürfeln gefülltes Whiskyglas.

Allein die Frage, wohin ich mit meinen Händen soll! Immerhin fallen mir einige der Formulierungen aus dem Zug wieder ein. Ich rede von »zweifelhaften Inhalten«, von »Eintönigkeit« und von »Opium für's Volk«. Tatsächlich aber habe ich nicht die geringste Chance. Ich, ein Tiger ohne Zähne, stehe ganz allein gegen acht Volkstumsfreunde. Meine Behauptung, die meisten Volksmusikanten würden viel lieber etwas anderes machen, kann nicht bewiesen werden, weil eine Bestätigung dieser Aussage die Karriere beenden würde. Lediglich von Juliane erhalte ich Unterstützung. Das ist ihr Job. Als eine der Künstlerinnen mich herausfordernd anjodelt, haben sie auch das Publikum auf ihrer Seite.

Nach gut einer Stunde ist alles vorbei. Alle verabschieden sich überaus herzlich von mir. Ich habe noch Zeit und plaudere ein wenig mit Juliane & Andrea, die entgegen meiner Erwartung unverschämt nett sind. In der Garderobe greife ich mir je eine Autogrammkarte der beiden und lasse mich schließlich zum Hauptbahnhof zurückfahren. Eine Stunde später sitze ich im Zugrestaurant des EC 176 Porta Bohemica. Da erst fällt mir ein, daß ich immer noch geschminkt bin. Daß mich vermutlich alle anderen Anwesenden für schwul halten, ist mir nach dem dritten Bier schnurzpiepegal.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 19
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Schnittchen
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