Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 19/1996 Ahne: In Sachen Schnüffeln unterwegs
Artikelaktionen

Ahne: In Sachen Schnüffeln unterwegs

Was machen eigentlich Helmut Kohl, Margot Honecker und Sinèad O'Connor so in ihrer Freizeit? Eine Frage, die Millionen von Menschen in der Bundesrepublik schon seit Jahren im Kopf herumspukt. Jedenfalls erreichten mich bereits mehrere hundert Briefe zu diesem Thema. So schrieb Frauke Frankfurt aus München: »Ahne, mich interessiert besonders, was Margot Honecker so in ihrer Freizeit macht. Finde es bitte schnell heraus, sonst muß ich sterben. Deine Frauke Frankfurt aus München.« Oder Felix K. aus New York: »Hallo Ahne. Sag mal, Helmut Kohl oder Sinèad O'Connor, was machen die eigentlich so in ihrer Freizeit? Tschüß, Dein Felix (aus New York).«

Nun kann sich sicherlich jeder vorstellen, wie sehr es einen Menschen wie mich abstößt, in anderer Leute Privatsphäre herumzustochern. Man hat ja schließlich einen edlen Charakter, und Spionieren gilt nicht mehr als chic seit der Wende in Albanien. Doch was soll man tun, wenn der Druck der Volksmassen schier ins Unermeßliche wächst. Soll man vielleicht wieder knoffen gehen in den Steinbruch wie früher, 20 Stunden am Tag? Das ist doch auf die Dauer so anstrengend.

Helmut Kohl also kommt halb vier nach Hause, wäscht sich die Hände und ißt am runden Wohnzimmertisch ein Marmeladenbrot. Er gähnt häufig und nimmt dabei nicht die Hand vor den Mund. Dann guckt er in den Spiegel - ungefähr eine Minute. Er sagt: »So, das hätten wir geschafft.« Danach entfernt er seine Bauchattrappe und die dicken angeklebten Backen. Helmut Kohl ist eigentlich ganz schlank und sieht gar nicht mal so übel aus. Doch er erkannte früh, daß in Deutschland nur häßliche Menschen berühmte Politiker werden können (siehe Hitler oder Scharping). Kurz nach um fünf begibt sich Kohl in sein Atelier. Er malt für sein Leben gern. Kubistische Motive zumeist, aber auch manchmal surrealistisch oder barock. Helmut Kohl, der schon Einstein kannte und zu ihm Anfang des Jahrhunderts eine, bis heute unentdeckte, erotische Beziehung unterhielt, versteht sich meisterhaft auf das Pinseln von Wasserfarben. Ich staunte nicht schlecht. Was ich da sah, waren richtig gemalte Bilder (genau wie bei Hitler und Scharping). Kohl malt ungefähr so zwei Stunden, dann sind ca. zehn Bilder fertig, erstaunlich. Dazu trinkt er Tee und Wodka, ein echter Bohemien. 19 Uhr wird Abendbrot gegessen. Es gibt belegte Brötchen von seiner Frau, die auch Hannelore heißt, wie eine andere Frau, die ich kenne. Sie schmiert sie richtig mit Butter und Wurst, wo die Pelle schon ab ist. Dazu gibt es trockenen Chianti, in hohe Gläser eingeschenkt, und einen Aperitif als Erfrischung. Hinterher gehackte Erdnüsse, getrocknete Weintrauben und Früchte des Haselstrauchs. Studentenfutter, sagt man im Hause Kohl scherzhaft dazu.

Am Abend geht Helmut gewöhlich im Kreise seiner Lieben zu Konzerten von Dead Kennedys, den Rostocker Philharmonikern oder ins Bett. Er kann schlecht schlafen, weil ihn die Sorgen seines Volkes drücken. Er wälzt sich durch das Bett wie der Ruderachter aus dem Ruhrpott. Ein schöner Vergleich, finde ich. Gerade angemessen für unseren Bundeskanzler.

Seine Frau, die den Namen einer Bekannten von mir trägt, schläft an seinem Kopfende und bildet zusammen mit ihrem Ehegatten diesen berühmten Buchstaben, den sich auch die Deutsche Telekom für eine Werbekampagne auserkoren hat.

Früh um fünf klingelt der Wecker. Helmut springt aus dem Bett. Bundeskanzler müssen früh raus. Urlaub oder Krankmachen gibts für sie nicht. Es wird sich erzählt, daß er einmal sogar mit 40 Fieber eine Mammutkonferenz der ›Gesellschaft für Natürliches Gehen‹ leitete und so den Weltfrieden rettete. Kohl trinkt schnell seinen Kaffee aus, den er schon am letzten Abend gebrüht hat. Er klebt sorgfältig Bauch und Backen an, sagt schnell »Tschüß« zu Frau und Stieftochter und macht sich in die Spur. Ein Kanzler wie Hitler und Scharping. Man kann ihm vertrauen. Er tut sein Bestes.

Margot Honeckers Freizeit verläuft so ähnlich. Bei Sinèad O'Connor ist es genau umgekehrt.

Wenn ihr noch Fragen habt, schickt sie mir. Ich bleib für euch am Ball. Um ganz ehrlich zu sein, ich kann ja auch nichts anderes.

Copyright: Ahne

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 19
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Schnittchen
Horst Evers: Zukunftsfragment 14 Manfred Maurenbrecher: Der Besuch Jürgen Witte: Menschen im Baumarkt Bov Bjerg: U-Bahn im internationalen Vergleich Frank Goosen: Das Glück der Pinguine Andreas Scheffler: Junges Glück Hans Duschke: Auf dem Drahtesel »Total Recall« Gabi Schlaug: Familienfest Sarah Schmidt: Liebeskummer Jan Böttcher: Ein Kurzes Ahne: Ein Tag in unserer WG Horst Evers: Wohnungseinrichtung Funny van Dannen: Geschicht der Arbeit Jürgen Witte: Arbeitsplätze backen Mascha Kaleko: »Interview mit mir selbst« Bov Bjerg: Paternoster Hinark Husen: Kladdenklau Falko Hennig: Reise aufs Land Andreas Scheffler: Ich war der Böse Ahne: In Sachen schnüffeln unterwegs Bov Bjerg: Notes of a dirty young man Horst Evers: Die dämlichste Wette des Jahrhunderts Tube: Die Beammaschine
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XXI
Kavara Bistroj: Der Ausländer
Was die anderen schreiben
Werswer
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: