Bov Bjerg: Notes of a dirty young man
Manchmal, wenn ich abends nach Hause komme, bin ich traurig und stinke. Da geh ich morgens früh aus dem Haus, doch doch, ich gehe manchmal morgens FRÜH aus dem Haus, habe Unterwäsche und Socken eingepackt, weil der Geruch, der mir nach dem Aufwachen noch bei geschlossenen Augen in die Nase gestiegen ist, weil dieser Geruch mir ganz klar signalisiert hat: Heute ist Duschtag! »Sieh zu, wie du dich geduscht kriegst«, sagt der Geruch, »aber dusch dich!« Dann fällt mir immer die blöde schwäbische Redensart ein: Rushdie, Rushdie, wasch di, oder i dusch di. Den Sinn versteht außer mir keiner, und wenn ich ganz ehrlich bin, versteh ich ihn auch nicht. Salman Rushdie ist bestimmt immer tiptop geduscht, obwohl er wenig unter Leute kommt. Der hat solche Ratschläge gar nicht nötig. Ich habe also keine Dusche, immer noch nicht, aber bald werde ich eine haben, denn mein Haus wird saniert und ich bekomme eine Umsetzwohnung, eine mit Dusche, denn außer meiner Wohnung gibt es in ganz Berlin nur noch Wohnungen mit Dusche, außer der Wohnung von Gabi, aber dahin werde ich nicht umgesetzt, da wohnt ja schon Gabi, und die würde sich bedanken.
Also morgens früh aus dem Haus, in der Erwartung, auf einem der verschlungenen Wege, auf die mich das Leben heute führen wird, an einer befreundeten Wohnung mit Dusche vorbeizukommen. Alle meine Bekannten haben eine Dusche in der Wohnung, das ist eine feine Sache, außer Gabi natürlich und Hans, aber der hat ja nicht mal eine Wohnung im engeren Sinne, der zählt nicht. Immer, wenn ich das erste Mal bei jemand in der Wohnung bin, stelle ich mich in die Badezimmertür und rufe: »Oh, du hast ja eine Dusche!«, bzw.: »Boh, du hast 'ne Badewanne?« Sie reagieren immer gleich: »Ach, du nicht? - Kannst gern mal vorbeikommen, wenn du duschen willst. Du kannst auch baden.« Meine Bekannten sind alle saumäßig nett. Einmal hat sogar eine Freundin, nachdem sie mir den Laufpaß gegeben hatte, zum Abschied gesagt: »Aber du kannst gern weiter zum Duschen kommen.«
Also morgens früh aus dem Haus, in der Gewißheit, abends sauber und wohlriechend zurück zu kommen. Doch Sabine ist nicht zuhause. Sarah geht nicht ans Telefon. Horst läßt sich von seinem Anrufbeantworter verleugnen. - Das Schwimmbad hat zu.
Manchmal, wenn ich nach Hause komme, bin ich also traurig und stinke. Ich laufe an meinem Fahrrad vorbei, das im Hof steht. Mein Fahrrad hat einen Platten. Mein Fahrrad hat zwei Platten. Mein Fahrrad hat keine Ventile mehr. Verbrecher! Das waren garantiert die hyperaktiven Türkenblagen, die von morgens um sieben bis abends um elf im Hof stehen und schreien: »Anne! Anne!! Anne!!!« Das heißt ›Mama‹. Es ist das erste türkische Wort, das ich gelernt habe. Wenn ich als Kind so hysterisch nach meiner Mutter gebrüllt hätte, hätte ich längst mal eins aufs Maul bekommen, und, aus heutiger Sicht, mit dem nötigen Abstand betrachtet, zurecht. Diese Verbrecher haben meine Ventile geklaut. Abschieben! Alle in ein Flugzeug, und ab nach weiß der Herr wo, wo's keine Fahrräder gibt. Aber vielleicht waren die es gar nicht. Gut möglich, daß die Kinder, die das verbrochen haben, einen deutschen Paß besitzen. Die kann man leider nicht abschieben. Die müssen ins Heim. Kinder, die Fahrradventile klauen, sind unökologisch. Kinder, die beim Ventilklauen erwischt werden, sollten pro Ventil einhundert Stunden gemeinnützige Arbeit leisten müssen. Fahrräder reparieren, Radwege bauen usw. Außerdem sollte man unentgeltliche Badehäuser einrichten, wo ich immer, wenn ich will, Tag und Nacht, baden kann. Und an jede Wanne ist ein kleiner Delinquent gekettet, der mir den Rücken schrubben muß. - Ich glaube, die Lösung liegt doch in der Öko-Diktatur.