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Tube: Die Beammaschine

Wir zeichnen das Jahr 2002.

Die SIEMENS Cybernetics Corporation - nicht zu verwechseln mit einem größeren Konzern, der wenige Jahre zuvor an den enormen Verlusten seiner Taschentelefonabteilung zu Grunde gegangen ist - entwickelte eine Maschine, mit welcher der letzte Traum der Menschheit wahr werden sollte. Jener Traum, in welchem man innerhalb von wenigen Sekunden von Berlin nach Leverkusen reisen kann, und zurück. Und am 6. 7. 2002 war es dann endlich soweit. Die erste Beamstrecke der Welt - Berlin/Leverkusen - wurde feierlich am Beambahnhof Berlin eingeweiht.

Der Bundeskanzler persönlich war der erste Reisegast. Er durfte der erste Mensch sein, der aus Materie aufgelöst in Information durch die dünnen Glasfaserleitungen der Telekom sirren konnte.

Doch wie funktioniert diese Beammaschine eigentlich?

Kurz nachdem der Reisegast die telefonzellenartige Beamkapsel betreten hat und diese luftdicht und schalldicht verschlossen wurde, wird er von einem Molekülscanner bis aufs letzte Teilchen abgetastet. Ja, dieses wunderbare Gerät ist in der Lage, jedes einzelne Atom, jedes Molekül, ja, jedes Quarkteilchen, aus dem der Mensch besteht, in seiner Form, Größe, Farbe und Position zu bestimmen, und diese Informationen, nicht aber die Teilchen selbst, über eine Telefonleitung an den Zielort zu übertragen.

Am anderen Ende der Telefonleitung arbeitet ein weiteres wichtiges Gerät, der Molekülbagger. Dieser kann aus großen Vorratsbehältern, die mit Molekülen, Atomen und Quarkteilchen jeder Form, Größe und Farbe bestückt sind, jene Teilchen greifen, die ihm über die weite Telekomstrecke genannt worden sind, und sie so zusammensetzen, daß eine materielle Kopie des Reisenden entsteht. Wenn die Kopie des Fahrgastes am Zielort erfolgreich erstellt wurde, wird dieser am Ausgangsort durch einen schweren, mit Preßluft betriebenen Hammer zerstampft. Dort wollte er ja weg. Der dabei entstehende Brei - er kann hie und da noch ein paar Knochensplitter enthalten - wird durch den Molekülwolf gedreht, der die einzelnen Atome, Moleküle und Quarkteilchen fein säuberlich nach Form, Größe und Farbe sortiert, und für die Herstellung ankommender Reisender in großen Behältern lagert.

Die Beamkapsel wird nur kurz, wie eine Flasche, ausgespült und steht für den nächsten Beamwilligen zur Verfügung.

Der Erfolg dieser neuen Technologie war vorprogrammiert. Binnen weniger Jahre wurde ein weltweites Beamnetz errichtet. Jede größere Stadt bekam einen Beambahnhof.

Doch einmal passierte es einem Beamgast, Hans Grantig war sein Name, als er von Berlin nach Dessau reisen wollte, daß der preßluftbetriebene Stampfhammer versagte. Es kam zu der bis dahin einmaligen Situation, daß der zu beamende - in Dessau frisch zusammengebacken - aus der Beamkapsel trat und in Berlin der Gleiche - das Original.

Welch phantastische Gelegenheiten sich da auftun. Hans Grantig könnte unbehelligt seine Frau betrügen, doch davon wußte er leider nichts. Er ging zur Beambahnhofsaufsicht und beschwerte sich darüber, daß er immer noch in Berlin sei. Nachdem sich diese wiederum durch ein kurzes Telefonat mit Dessau davon überzeugt hatte, daß Hans Grantig bereits unversehrt dort angekommen war, entschuldigte man sich bei dem in Berlin verbliebenen und schickte ihn nochmal in die Kapsel. Diesmal wurde kein Molekülbauplan des Reisenden nach Dessau übermittelt, sondern nur der Stampfhammer in Bewegung gesetzt. Hans Grantig war nun zufrieden.

Copyright: Tube

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 19
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Schnittchen
Horst Evers: Zukunftsfragment 14 Manfred Maurenbrecher: Der Besuch Jürgen Witte: Menschen im Baumarkt Bov Bjerg: U-Bahn im internationalen Vergleich Frank Goosen: Das Glück der Pinguine Andreas Scheffler: Junges Glück Hans Duschke: Auf dem Drahtesel »Total Recall« Gabi Schlaug: Familienfest Sarah Schmidt: Liebeskummer Jan Böttcher: Ein Kurzes Ahne: Ein Tag in unserer WG Horst Evers: Wohnungseinrichtung Funny van Dannen: Geschicht der Arbeit Jürgen Witte: Arbeitsplätze backen Mascha Kaleko: »Interview mit mir selbst« Bov Bjerg: Paternoster Hinark Husen: Kladdenklau Falko Hennig: Reise aufs Land Andreas Scheffler: Ich war der Böse Ahne: In Sachen schnüffeln unterwegs Bov Bjerg: Notes of a dirty young man Horst Evers: Die dämlichste Wette des Jahrhunderts Tube: Die Beammaschine
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XXI
Kavara Bistroj: Der Ausländer
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