Victor Orloff: Geheimauftrag AIDS - Folge XXI
Lange vor Öffnung der Mauer "macht" der Stasi-Agent Victor Orloff in den Westen "rüber". Er kann nicht wissen, was ihn dort erwartet: Aids, Drogen, Alkoholismus gar. Hätte der Staatssicherheitsdienst besser funktioniert, hätte Orloff all dies wissen können. Aber so? Weil er vom BND als überqualifiziert abgelehnt wird, bezahlt das Arbeitsamt ihm eine Umschulung zum Privatdetektiv. Leider ist Victor Orloff sein einziger Auftraggeber: Eine Gummiallergie bringt ihn dazu, verzweifelt die Pflanze zu suchen, die Aids besiegt. Indiana Jane, seine bezaubernde Geliebte, "hilft" ihm dabei. Sylvie Latex und diverse Pharma- und Kautschuk-Konzerne können sie besiegen, ebenso Jean Pauls (+) und Klingbeil (+). Doch seit geraumer Zeit hat Orloff die CIA am "Arsch". Nun steckt er im winterlichen Chicago. Doch wo steckt die CIA?
Folge XXI: Die letzte Karo
Von Martin O'Peeds, ins Deutsche gebracht von Bov Bjerg
Eine Hals-, Nasen-, Ohrensache nebst populär-entomologischer Abschweifung und diskreter Würdigung des Theoretikers uneigentlicher Tüttelchen, Th. Gsella.
***
Liebe Indy, wie geht es Dir? Mir geht es
nicht
gut. Nachdem sie mich aus dem Krankenhaus
geworfen haben, hat mich eine Bronchitis "kalt
erwischt".
Inzwischen ist der Eiterherd von der Lunge
nach oben gewandert und hat sich in der linken
Nasennebenhoehle verschanzt.
Ich überlegte gerade, ob es in meinem Kopf wohl auch eine Nasenhaupthöhle gab, da machte es im linken Ohr laut und deutlich >knack!<, und ich war taub. Klarer Fall von Mittelohrentzündung. Scheiße auch! >Auf dem linken Ohr bin ich taub<, ja, das wäre ein prima Witz gewesen, damals in Staatsbürgerkunde.
Jesus, wie lange war das her? Ich zündete mir die letzte Karo an und versuchte, den Rauch ins Mittelohr hinein zu inhalieren. Dann holte ich die dritte Flasche Bommerlunder aus dem Schrank. Das Kätzchen, das heute morgen auf der Flucht vor der Kälte durch das scheibenlose Fenster ins Zimmer geklettert war, maunzte bettelnd um meine Waden herum. Der Winter 1946/47 in Berlin klirrte mir im Sinn. Mann, was war das für ein Winter gewesen! Alle meine vier Urgroßmütter waren entweder erfroren oder verhungert. Beide Großmütter und alle ihre Schwestern hatten mir tausendmal davon erzählt. Heute war ich davon überzeugt, daß ich nur wegen diesem gottverdammten Winter 46/47 bis zur Jugendweihe schafwollene Unterhosen tragen mußte. Vor meinem inneren Auge zog mein ganzes Leben noch einmal an mir vorbei. Ich wünschte, mein inneres Auge wäre blind.
Wenigstens saß ich nicht in irgendeinem gottverdammten kolumbianischen Knast. Wie Mauss, diese Ratte, mein alter >Freund< und >Kupferstecher<. >Victor, du bist und bleibst eine Niete<, das war sein Abschiedsgruß gewesen, damals. Was war noch mal aus ihm geworden, aus dem berühmtesten Privatdetektiv Deutschlands? Genau, er saß in irgendeinem gottverdammten kolumbianischen Knast, haha!
Aber das Hotel hier ist "vom Feinsten"
und
sehr gut geheizt. Der Hotel-Boy hat mir eine
Schreibmaschine gebracht, und waehrend ich
diese Zeilen schreibe, lasse ich mir vom
Whirlpool die Eier kraulen.
Au! Der Schlag war zu doll! Ich pulte das zappelnde Insekt zwischen meinen Schenkeln heraus und schnippte es in die Ecke, zu seinen Artgenossen. Jetzt wußte ich, warum die Dinger hier >cock-roaches< genannt wurden. Die Katze hatte ihre helle Freude an dem Viech. Sie patschte mit ihren Pfoten drauf, schubste es hin und her, und als das Tierchen müde war, beförderte sie es mit einem knackenden Biß ins Kakerlaken-Nirvana. Zur Belohnung kippte ich ihr noch einen Schluck Bommi ins Schälchen.
Meine junge Begleiterin ist leider die
ganze
Zeit am Spachteln. Und zu betrunken fuer die
"Sachen, die zu zweit mehr Spass machen".
Das würde Indiana Jane ein bißchen eifersüchtig machen und ihre Liebe zu mir frisch halten. Ich brauchte ihr ja nicht auf die Nase zu binden, daß ein junger Deutscher mich gnädigerweise hier aufgenommen hatte. Zu zweit in einem eiskalten, heruntergekommenen Pensionszimmer. Ich sah schon die Schlagzeile: >Junger Deutscher beherbergt erfolglosesten Privatdetektiv der Welt.< Nein, das mußte nicht sein. Das klang so unselbständig.
Ja, der Winter 46/47... Mist, jetzt war ich zu gierig gewesen. Der halbe Bommerlunder rann mir aus dem Mundwinkel.
(Jetzt tropft mir schon der Schweiss auf
den
Brief, so heiss ist es hier.)
Mein Blick fiel auf das leere Gurkenglas am Fenster. >Gefangener von Victor Orloff< hatte ich vor drei Wochen draufgeschrieben, nachdem ich eine Kakerlake darin eingesperrt hatte, und: >Sofortiger Rückzug der Kakerlaken-Armee aus Zimmer 19!< Sie waren auf meine Forderung nicht eingegangen. Jetzt war mein Gefangener tot. Wahrscheinlich erfroren.
Ach, Indy. Leichen pflastern meinen
Weg.
Manchmal kommt mir das alles so sinnlos vor.
Henning, mein Gastgeber, bedrängte mich seit Tagen, das Gurkenglas endlich wieder zum Reinpinkeln freizugeben, aber ich wagte es nicht, das Volksgefängnis zu öffnen. Die kleinen hell- und dunkelbraunen Pünktchen darin: Waren das Köttel oder waren es Eier? Kakerlaken war abnippeltechnisch einiges zuzutrauen.
Liebste, wollen wir nicht noch einmal
einfach
von ganz von vorne anfangen? Uns zur Ruhe
setzen und Kinder bekommen? Ich koennte mich
beim Wachschutz bewerben.
Allmählich stieg mir der Bommi zu Kopf. Mit jedem Schluck wurde der Druck im Ohr stärker. Die linke Gesichtshälfte dröhnte vom Scheitel bis zum Kinn. Wie damals, bei dieser Geschichte mit dem Baseball-Schläger. Ich schälte eine kleine Knoblauchzehe und steckte sie mir ins Ohr. Indiana Jane schwörte auf die antibiotische Wirkung von Knoblauch, und tatsächlich, solange sie eine Zehe in der Muschi stecken hatte, plagte sie kein Vaginalpilz.
Toetet Knoblauch eigentlich auch
Spermazellen?
Das waere bloed.
In diesem Moment krachte die Zimmertür aus den Angeln, ein Dutzend schwarze Uniformen stürmte herein, ein Dutzend Maschinenpistolen legte auf mich an, ein Dutzend Stimmen brüllte: »Hands up! Don't move!« Und dann die ganze Litanei: Alles was sie sagen, kann gegen sie verwendet und so weiter. Auf Englisch natürlich. Bzw. Amerikanisch.
Ich muss jetzt leider Schluss machen. Bis
bald!
"In Liebe", Dein Victor.
Ich nahm den allerletzten Zug von der Karo, kühlte meine brennenden Fingerspitzen an der Bommerlunderflasche und schüttete den Rest in die Kehle. Mein Kopf war kurz vorm Platzen. Ich biß die Zähne zusammen. »Keep cool, boys«, preßte ich hervor, und: »Would you mind mailing this letter?« Ich wandte mein linkes Ohr zur Tür. Nun ging alles sehr schnell. Ich brauchte nur die Kopfhaut ein wenig anzuspannen, da krachte es auch schon im Ohr. Das Trommelfell platzte, die Knoblauchzehe schoß aus der Ohrmuschel, ein bestialisch stinkender Eiterstrahl strullte hinterher. Tat das gut! Weg waren die Schmerzen, weg waren diese düsteren Gedanken an den Winter 46/47. Die eustachische Röhre quietschte vor Vergnügen. Leider hatte ich nicht gut genug gezielt. Der Eiter traf die Katze mitten auf die Nase, vorwurfsvoll blickte sie mich an, zögerte kurz, dann sprang sie wie von der Tarantel gestochen zu den Bullen hinüber, von Ekel geschüttelt hüpfte sie zwischen ihnen hin und her und erbrach sich über die schwarzlackierten Stiefel. Hunderte von Kakerlakenhälften, eingelegt in klarer Bommerlunderbrühe, zappelten auf 24 blanken Stiefelspitzen.
Als die Bullen aus ihrer Lähmung erwachten und in Panik damit begannen, mit der MP ihre eigenen Zehen zu perforieren, da stand ich längst, durch das Fenster auf die Feuerleiter entkommen, im Hof. In der Hofdurchfahrt wartete schon eine weiße sechstürige Lincoln-Limousine mit Satelliten-Fernseher und Barfach. Im Fond des Wagens tupfte mir Henning das Ohr trocken. Mit seiner freien Hand wedelte er von einem Ledersofa zum andern: »Darf ich vorstellen? Linda, das ist Victor. Victor - Linda.« Der Chauffeur segelte den Schlitten auf den Highway. Linda sagte: »Es wird Ihnen sicher gefallen, Victor, bei mir in L. A.«