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Andreas Scheffler: Nepper, Schlepper, Bauernfänger

»Jetzt hast auch Du die Chance, zu Hause Dein Geld zu verdienen und nur zu arbeiten, wenn Du Lust dazu hast.« Nun, in dem Fall würde ich überhaupt nicht arbeiten, aber das läßt unsere vermaledeite Leistungsgesellschaft nicht zu. Wie war das jetzt also mit dem Briefumschläge-Füllen? »Dein Einkommen ist gesichert, wenn Du nach unseren Ratschlägen arbeitest. Wir zahlen Dir sogar Zehntausende in nur einem Monat.« Toll. Das Dumme war nur, daß ich für diese Ratschläge 65 Mark investieren müßte. Und was sollte ich in diese Umschläge füllen? Alte Liebesbriefe? Kakerlaken? Autogrammkarten vom Bundeskanzler? Sehr dubios, aber für Zehntausende? Dann fiel mein Blick auf eine zweite Verdienstmöglichkeit von MSC-Marketing: »Mit alten Briefmarken Geld verdienen!« Ich sollte einfach die Marken auf den Briefumschlägen, die ich bekomme, nicht mehr wegwerfen. »Die Idee dieses Business Systems, womit Du sogar viele tausende Dollar im Monat verdienen kannst, besteht darin, daß Du uns Briefmarken verkaufst und ein wenig dafür arbeiten mußt. Die Arbeit ist sehr leicht.« Was für eine leichte Arbeit? Sollte ich nachts Briefkästen aufbrechen? Die Antwort auf diese Frage würde mich 54 Mark kosten.

Das letzte Verdienstangebot war der Hammer: »Mit Deinem Anrufbeantworter Geld verdienen! Mit diesem sensationellen System kannst Du sogar 1500 DM pro Tag verdienen. Du programmierst einfach Deinen Anrufbeantworter nach unserem Text und kannst dann ausspannen. Du läßt einfach Deinen Anrufbeantworter für Dich arbeiten.« (Kostenpunkt 58 Mark) – Unmöglich. Eintausendfünfhundert Mark pro Tag – mit der eigenen Hände Arbeit kann das eigentlich allenfalls ein Chirurg verdienen. Oder…?

»Wir verstehen gut, wenn Du Bedenken hast.« – Ach was? – »Vergiß die alten Vorstellungen, daß nur der reich wird, der hart und viel arbeitet!« – Diese Vorstellung hatte ich noch nie, ausgenommen, es ging um mich selbst. Scheiß drauf.

Es kam der Tag, da hatte ich zwei Scotch intus und fühlte mich so locker, daß ich die nächste Polizeiwache aufsuchte. Ich treffe auf sechs Beamte, die so abgründig gelangweilt aussehen, als hätten sie kurz vor meinem Hereinkommen schnell noch ihre Schnapsflaschen versteckt. »Ich will eine Anzeige erstatten, wegen Betrugs«, sage ich, werde in einen kargen Raum geführt und zunächst einmal allein gelassen. Vor mir auf einem auseinanderbrechenden Schreibtisch steht eine Triumph-Schreibmaschine, die auch schon bessere Zeiten erlebt hat, ähnlich wie der Beamte, der nach fünf Minuten erscheint, um meine Anzeige aufzunehmen. Er spricht, soweit ich das beurteilen kann, sächsischen Dialekt. Ich lege ihm mein Problem dar und fürchte mich. Jederzeit rechne ich damit, daß er in schallendes Gelächter ausbricht und mir empfiehlt, doch wenigstens die Sonderschule ordentlich abzuschließen. Doch der Beamte, ein dicker Herr mit Vollbart, schmunzelt lediglich verhalten.

»Das können Sie vergessen. Ich würde Ihnen von einer Anzeige abraten«, erklärt er.

»Aber diese Firma arbeitet doch eindeutig illegal«, werfe ich ein.

»Das ist nicht illegal. Sie hätten's ja nicht machen müssen.«

»Wenn ich auf ein Angebot eingehe, etwas bestelle und bezahle, dann aber das Bestellte nicht bekomme, dann ist das doch wohl illegal!«

»Ja, das ist illegal. Aber ich sag Ihnen, wie's is': Sie haben keine Chance. Nehmen Sie's als Lehrgeld. Ich will Ihnen mal was erzählen.« Seine Stimme wird leiser, er steht auf, schließt die Tür und weist in Richtung Wachraum.

»Das brauchen die ja nicht zu hören. Also: Mein Sohn ist schon seit Jahren arbeitslos, war aber geil auf ein Auto. Ich sag Ihnen, wie's is'. Der sollte einen Prospekt bestellen, und was hat er unterschrieben? Einen Kaufvertrag. Dann sollte er 3000 Mark bezahlen, um aus dem Vertrag wieder rauszukommen.«

»Das sind natürlich ganz andere Summen«, erkläre ich, um auch einmal was zu sagen.

»Meine Frau ist auch arbeitslos. Näherin, wer stellt die denn heute noch ein? Ich hab auch schon mal bei sowas angerufen. Das mit dem Briefumschläge-Füllen hab ich schon oft gesehen, auch die Anrufbeantworter-Geschichte. Ich hab da mal hingefaxt. – Nix. Und ich arbeite hier seit der Wende für 84 Prozent, viele Kollegen auch. Tausende hab ich verloren!«

In diesem Moment erinnert er mich an meinen alten Sozialkundelehrer Michael Kerber. Wenn der sich ärgerte, sah er richtig furchterregend aus. Aber er konnte auch so herrlich lachen, daß sein mächtiger Bauch lustig auf und ab hüpfte. Und wenn er sechs bis acht Biere getrunken hatte, fabulierte er die abstrusesten Wirtschaftstheorien heraus.

»Also das hier können Sie vergessen«, erklärt mir der brave Beamte und beugt sich verschwörerisch zu mir herüber. »Aber wenn Sie zu Geld kommen wollen, da geb ich Ihnen einen Rat: Machen Sie sich selbständig. Viele meiner Bekannten haben da in vier Monaten ein Vermögen gemacht, ich hab die Auszüge gesehen. Ich als Beamter darf ja keinen zweiten Beruf ausüben.« Er schaut traurig zur Decke, nur der Seufzer fehlt. »Es gibt da Jobs im Schneeballprinzip. Sie werben Leute, die werben wieder welche und so weiter, und was die verkaufen, da verdienen Sie dran mit.«

Das scheint mir allerdings moralisch sehr zweifelhaft zu sein, aber ich halte meinen Mund.

»Sie müssen nur tüchtig sein und eine Marktlücke finden. Es gibt da eine Zeitschrift Die Geschäftsidee, können Sie sich schicken lassen, kostet 47 Mark. Aber Sie können sie auch kopieren und zurückschicken, das geht.«

Ich sage ihm nicht, daß Die Geschäftsidee ein Produkt des sehr dubiosen Norman Rentrop-Verlages ist. Statt dessen komme ich noch einmal auf MSC-Marketing zu sprechen: »Und Sie meinen, da ist wirklich nichts zu machen? Könnte man nicht das Postfach observieren?«

Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: »Ach, was glauben Sie denn? Außerdem ist da noch das Postgeheimnis. Und es ist ja auch niemand greifbar. Der hat ne Gesetzeslücke gefunden. Ich sag Ihnen mal, wie's is': Wenn Sie mir eine auf die Schnauze hauen, dann kann ich sagen, der war's, da hab ich einen, aber so… Kein Richter am Landgericht würde sich damit befassen. Der würde sagen ›c'est la vie‹ und aus. Gucken Sie doch mal den Schneider mit seinen Glaspalästen an, wie ist der denn zu den Hunderttausenden gekommen?«

»Eine Gesetzeslücke?«

»Genau. Ich sag's noch mal: Machen Sie sich selbständig.«

Mittlerweile ist eine halbe Stunde vergangen, und ich habe keine Lust mehr. Der Milliardär Schneider mit seinen Hunderttausenden sitzt im Knast, mit Norman Rentrop will ich nichts zu tun haben, und was war noch der Unterschied zwischen Gesetzes- und Marktlücke? Ich verspreche, mich um Selbständigkeit zu bemühen und diesen Fall als Lehrgeld zu betrachten. Wir verabschieden uns mit Handschlag.

Zuhause nehme ich mir einen Scotch und denke nach. Ist das die Zukunft der Polizei: Die Kapitulation vor den Gesetzeslücken, statt dessen Verlagerung der Tätigkeit in den tertiären Sektor? Unternehmens- und Wirtschaftsberatung? – Fragen Sie Ihren Kontaktbereichsbeamten, der sagt Ihnen, wie's is'.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero

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